Multimediales Storytelling

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Wortherkunft: lat. multus = viel; engl. media, von lat. medius = in der Mitte befindlich, vermitteln; engl. story, aus lat. historia = Geschichte; engl. to tell = erzählen

Multimediales Storytelling beschreibt die Möglichkeit des Journalisten, im Internet innerhalb eines journalistischen Beitrags verschiedenste Medien zu nutzen und zu verbinden. Hier schöpfen Journalisten (wie zum Beispiel auch beim Datenjournalismus oder bei Newsgames, bei denen journalistische Inhalte interaktiv in Form eines einfachen Computerspiels vermittelt werden) die Möglichkeiten des digitalen Mediums aus, statt klassische Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, Radio oder Fernsehen lediglich im Digitalen abzubilden.

Das Genre wird auch als ,Onepager‘ bezeichnet, weil die Inhalte zum Thema auf einer Internetseite und nicht auf mehreren Unterseiten verteilt sind. Weil der Nutzer, statt zu klicken, mit den Pfeiltasten nach unten navigiert, sprechen andere auch von ,Scrollytelling‘. Alternativ werden auch die Begriffe Multimedia-Story, Multimedia-Reportage, Multimedia-Feature oder Multimedia-Porträt genutzt. Diese lehnen sich an die jeweiligen → journalistischen Darstellungsformen aus dem Printjournalismus an.

Vorreiter für dieses neue journalistische Genre war die New York Times: Im Dezember 2012 war „Snow Fall: The Avalanche at Tunnel Creek“ von Reporter John Branch das nach eigenen Angaben erste Multimedia-Feature. Im Jahr 2013 wurde es dafür mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Angeblich soll die New York Times in die Mischform aus Text, interaktiven Grafiken, Simulationen und Videos bis zu einer Million US-Dollar gesteckt haben. Neben Journalisten waren auch zahlreiche Programmierer und Grafiker an „Snow Fall“ beteiligt. The Guardian zog im Mai 2013 mit „Firestorm“ nach. Die erste bekannte deutsche Multimedia-Story heißt „Pop auf’m Dorf“ über das Haldern-Pop-Festival, das der Westdeutsche Rundfunk erstellt und damit den Grimme-Online-Award gewonnen hat.

Bei Multimedialem Storytelling verbinden Journalisten sämtliche Medien, um die jeweiligen Stärken zu nutzen: Sie setzen Videos vor allem ein, um Bewegung oder Emotionen zu transportieren. (Interaktive) Grafiken eignen sich besonders, um Zahlen und Datenmaterial zu visualisieren. Text eignet sich nicht nur als Bindeglied, sondern auch für Analyse. Eine Audioslideshow lässt den Protagonisten zu den gezeigten Fotos eine Geschichte erzählen. In einem Loop wiederholen sich Sequenzen. Möglich ist es auch, Comics, Bildergeschichten, Zeitraffer oder Landkarten einzubinden. Beschränkt wird der Journalist nur durch die technischen Möglichkeiten.

Anders als in einem multimedialen Dossier gibt es beim Multimedialen Storytelling nur einen Erzählstrang. Die verschiedensten Medien wechseln sich ab. Es gibt keine redundanten Informationen. Die Medien werden so eingesetzt, wie es für die Geschichte am besten ist. Das heißt: Idealerweise denkt der Journalist vom Thema her und nicht vom Medium. Dennoch erkennt man zumindest bei den ersten Multimedia-Storys noch sehr gut das Ausgangsmedium: Bei „Snow Fall“ das Muttermedium Tageszeitung, bei „Pop auf’m Dorf“ die Rundfunkanstalt.

Während in der Anfangszeit des Internets Multimedia-Storys aus Gründen der Datenmenge noch nicht möglich waren, waren bei den ersten Scrollytelling-Projekten noch die Programmierkosten für zahlreiche Medien eine Hürde. Diese verschwindet zunehmend: Der WDR hat die Software Pageflow in Auftrag gegeben, der Bayerische Rundfunk als Pendant Linius, das mit der Weblog-Standardsoftware WordPress genutzt werden kann. Einfache Projekte, die wenig Wert auf Design legen, können auch mit Blog-Programmen umgesetzt werden, wie das studentische Projekt „Fridablogger“ gezeigt hat.

Literatur:

Eick, Dennis: Digitales Erzählen. Die Dramaturgie der Neuen Medien. Konstanz [UVK] 2014

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. 4. Auflage. Wiesbaden [SpringerVS] 2016

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Wiesbaden [SpringerVS] 2017

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015

Sturm, Simon: Digitales Storytelling. Wiesbaden [SpringerVS] 2013

 

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Markus Kaiser
*1978, Prof., ist seit April 2016 Professor für Praktischen Journalismus an der Technischen Hochschule Nürnberg, Journalist, Berater und Medienvernetzer. Er ist unter anderem Autor des Buchs Recherchieren aus dem Verlag Springer VS (Wiesbaden 2015) und Herausgeber von Innovation in den Medien aus dem Verlag Dr. Gabriele Hooffacker (München 2015). Arbeitsschwerpunkte: Recherche, digitaler Journalismus und Medieninnovationen. Kontakt: markus.kaiser(at)th-nuernberg.de