Nutzwertjournalismus

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Nutzwertjournalismus GartenlaubeWortherkunft und Geschichte:
Der Begriff ‚Nutzwert‘ stammt aus der Volkswirtschaftslehre. Dort bezeichnet er den Nutzen, den ein Käufer beim Erwerb eines Gutes oder einer Dienstleistung erlangt. Im Journalismus bezieht sich der ‚Nutzwert‘ auf die Bedeutung eines Textes als Nutzen für den → Rezipienten.

Die Forderung nach einem Nutzen für die Leser bei der Lektüre geht bereits auf den römischen Dichter Horaz (65-8 v.Chr.) zurück. Der stellte fest: Entweder nützen oder erfreuen wollen die Dichter oder zugleich, was erfreut und was nützlich fürs Leben ist, sagen.“ (Horaz 1989: 25)

Gründungen wie die Biedermeierliche Zeitschrift Die Gartenlaube waren erste Nutzwertzeitschriften des 19. Jahrhunderts, die für die Verbesserung des Lebensalltags Beiträge mit konkreten Ratschlägen, etwa aus dem Bereich der Medizin, lieferten.

Der Reader’s Digest, 1921 gegründet und mit Ausgaben in 48 Ländern zwischenzeitlich die größte Zeitschrift der Welt, trat ausdrücklich mit dem Ziel an, seinen Lesern einerseits aktuelle Lesefreude und Information zu bieten, aber zugleich auch Nutzen und Lebenshilfe zu liefern.

Manche nützliche Information ist heute leicht zugänglich, vor Jahren wurde sie ausschließlich journalistisch vermittelt. Ein Beispiel dafür ist das Magazin STERN, Nummer 16, aus dem Jahr 1993: Unter dem Titel Abitur – was dann? bot die größte Zeitschrift Deutschlands damals ein exklusives Universitäts-Image-Ranking an. Auf über 40 Seiten konnten die Leser Tabellen mit den Einordnungen der 16 wichtigsten Studiengänge in deutschen Universitäten verfolgen. Harter Lesestoff – doch so begehrt, dass die Auflage in kurzer Zeit ausverkauft war und nachgedruckt werden musste. Damit wurde diese Nutzwert-Ausgabe des STERN zu einem der meistverkauften Magazintitel Deutschlands in den neunziger Jahren.

Definition und gegenwärtiger Zustand:
Der Medienkonsument von heute ist ‚over-newsed but under-informed‘, das heißt: In der Fülle von auf ihn einprasselnden Nachrichten können sich nur noch die wenigsten Leser sachgerecht orientieren. Den Medien, ob Print, ob digital, wächst zunehmend die Aufgabe von Analyse, Einordnung und Orientierung zu – und darüber hinaus die Aufgabe, handfeste Ratschläge zu geben. Einen wichtigen Beitrag dazu leistet das Genre des Nutzwertjournalismus. Zu einem solchen Text gehört:

  • was über die Aktualität der Nachricht und ihrer Vermittlung hinausgeht und dem Leser über die Information hinaus Hintergrund und Orientierung bietet.
  • was einen konkreten Nutzwert für den Leser stiftet.
  • was den Leser, Hörer oder Zuschauer informiert.
  • was dem Mediennutzer komplizierte Sachverhalte übersetzt.
  • was ihm eine konkrete Handlungsanweisung anbietet.
  • was die Fakten betont, die persönliche Meinung des Schreibers jedoch zurückhält.

Beim Nutzwertjournalismus handelt es sich um eine der vier Säulen der Thematisierung des Journalismus: Neben dem Berichten, dem Erzählen und dem Einordnen bezeichnet der Journalismusforscher Michael Haller das Nutzen als die vierte Art der journalistischen Thematisierung (Fasel 2013). Diese Art umfasst jene Inhalte, die dem Leser Handlungsanweisungen anbieten und ihm Mut machen zu handeln. Oft wird dabei übersehen: Nutzwerttexte sprechen nicht nur den Intellekt, sondern häufig auch das Gefühl des Lesers an. Denn häufig ist der Leser eines Nutzwertbeitrages selbst vom Thema betroffen. Vor allem bei Gesundheits-, Psychologie- oder Partnerschaftsthemen muss ein solcher Text zusätzlich zu den genannten Aufgaben noch Ängste auffangen, Schamgefühle respektieren, Trost spenden und Hilflosigkeit durch Information in Aktivität umwandeln.

Nutzwertjournalismus dominiert inzwischen die professionellen Produktionen in allen Verbreitungskanälen. Von den rund 9.000 beim Verband der Deutschen Zeitschriftenverleger verzeichneten Magazine bietet die Überzahl nutzwertigen Journalismus. Denn gerade die Nutzwert-Themen – von Nahrung bis Nordpolreisen, Hifi bis Hausbau, Krebs bis Sex – sind zur Brot- und Butterbasis der meisten Zeitungen und Zeitschriften, vieler Radio- und TV-Beiträge und einer unübersehbaren Anzahl von Internet-Seiten geworden; und damit vermutlich eine Art Lebensversicherung für das Bestehen des Journalismus auch in der Zukunft.

Der Nutzwerttext gehört nicht zum Kanon der klassischen journalistischen Textsorten – wie etwa → Nachricht, → Bericht, → Reportage oder → Kommentar. Er ist eher das Ergebnis der ‚Kommunikationshaltung‘, die der Autor zu Gunsten seines Lesers einnimmt. Ein guter Nutzwerttext plündert die Vorratskammer der → journalistischen Darstellungsformen, um seinem Ziel gerecht zu werden: im Leser etwas zu verändern.

Vorrangig werden nutzwertige Inhalte dem Leser in Form des Berichts, des → Features oder des → Interviews vermittelt, denn in diesen Textsorten hat die Informationsübermittlung ohnehin Vorrang. Und das ist die beste Voraussetzung, wenn ein Sachverhalt kompliziert ist und einen hohen Erklärungsbedarf besitzt. Hier machen konkrete Ratschläge an den Leser („Fünf Tipps, wie Sie…“) aus dem berichtenden Text einen nutzwertigen.

Auch erzählende Textsorten können Nutzwert bieten, zum Beispiel im Interview mit einem Experten zu einer speziellen Frage, indem etwa ein Arzt Ratschläge erteilt. Häufig begleiten solche Experteninterviews Berichte oder Reports zu Themen, bei denen der Leser Rat und Tat erwartet: „Wie lege ich mein Geld richtig an?“, „Was tun, wenn mein Kind trotzt?“ Oft genügen drei bis fünf Fragen, um dem Leser Aufschluss über eine richtige Handlungsweise zu geben.

Ebenfalls kann ein → Porträt dem Leser Nutzen bieten – etwa dann, wenn es darum geht, einen Menschen zu beschreiben, der durch seine Handlungsweise als Vorbild für die Lösung von Problemen gelten kann. „Angelika Meier erzählt: So besiegte ich meine Krebserkrankung!“ Allerdings gilt bei der Wahl einer solchen Textsorte mit nutzwertiger Thematisierung Vorsicht: Da das Porträt das Schicksal eines einzigen Menschen thematisiert, muss die Wahrheit und Wirksamkeit der von dieser Person getroffenen Ratschläge journalistisch redlich und besonders sorgfältig mithilfe von Experten → gegenrecherchiert werden.

Ein weiterer Träger von Ratschlägen und Tipps kann die Reportage sein. Hier ist vor allem der Typus der Reisereportage zu nennen, der eine Art Rezension eines Urlaubsziels ist. Im Unterschied zu den berichtenden Textsorten wird hier der Nutzen durch die erzählende Vermittlung versucht, was den Leseanreiz solcher Nutzwertgeschichten steigert. Und auch das → Feuilleton kann nutzwertig sein – dann, wenn es seinem Leser klipp und klar sagt, ob es sich lohnt, ein Buch zu lesen, ein Theaterstück zu sehen oder einen Kinobesuch zu machen.

Der Nutzwerttext unterscheidet sich ansonsten nicht grundsätzlich von Texten, die dem Leser ‚nicht nutzen wollen‘. Allerdings bedient er sich, um seine Zielgruppen zu erreichen, nicht nur sprachlich verständlicher, sondern oft auch vielfältiger grafischer Mittel: Von der Aufzählung über Tests, Spiele, Fragen und Antworten bis hin zu Human-Touch-Storys, die sich in Form und Farbe der Reportage annähern. Eingestreute Kästen saugen Fakten aus dem Lauftext und bieten komprimierte Information; Grafiken und Tabellen unterstützen die Suche des Lesers nach übersichtlichen Vergleichen.

Um das Ziel zu erreichen – hilfreiche Ratschläge zu bieten, zu Verhaltensänderung anzuregen –, orientiert sich ein Nutzwerttext in Thema, Aufbau, Sprache und dramaturgischen Mitteln am ‚Stallgeruch‘ eines Blattes oder eines Senderumfeldes. Der setzt sich zusammen aus dem Hauptthema der Zeitschrift (z. B. Mode, Motor, Gesundheit, Kinder), der Leserschicht (Alter, Geschlecht, Bildung, Status) und dem Gefühlswert, den das Medium vermittelt. Der Nutzwerttexter sollte mit seiner Zielgruppe vertraut sein, sich also besonders gut mit den Menschen auskennen, für die er journalistisch tätig ist. Nur dann kann er sie auch wirklich mit seinen Themen erreichen.

Die Verhaltensänderung des Lesers als Intention eines journalistischen Textes – kann das mit den ethischen Prinzipien, die Journalismus vertritt, vereinbar sein? Denn ein solches Ziel würde ohne Umwege hin zu einem manipulativen Charakter von journalistischem Handeln führen.

Ein Journalist will und darf natürlich nicht manipulieren. Aber schaut man sich die Herkunft des Wortes → ‚Manipulation‘ an, so eröffnet dies den Blick zu einer differenzierten Betrachtung des Vorganges. Der Begriff ‚manipulare‘ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie ‚etwas handhaben‘. Wenn man den negativen Charakter des Wortes also beiseite lässt, kann der Autor eines Nutzwerttextes den Vorwurf der Manipulation mit sich vereinbaren: Denn im Zweifelsfall will der Journalist durch seine journalistische, aufklärende Arbeit mit dazu beitragen, dass der prügelnde Vater, der einen Eltern-Artikel liest, oder dass der herzkranke Raucher, der einen Beitrag im ZDF Gesundheitsmagazin über Nikotingenuss anschaut, Informationen und Anregungen bekommt, sein eigenes Verhalten zu überdenken und zu ändern. Und dies wäre das begrüßenswerteste Ergebnis, das sich der Autor eines Nutzwerttextes erhoffen kann.

Literatur:

Fasel, Christoph: Nutzwertjournalismus. Konstanz [UVK] 2004.

Fasel, Christoph: Textsorten. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2013.

Häusermann, Jürg: Schreiben. Konstanz [UVK] 2008.

Haller, Michael: Die Reportage. 6. Auflage. Konstanz [UVK] 2008.

Haller, Michael: Das Interview. 5. Auflage. Konstanz [UVK] 2013.

Horaz: Ars Poetica. Die Dichtkunst. Lateinisch/Deutsch. Übersetzt und mit einem

Nachwort versehen von Eckart Schäfer. Ditzingen [Reclam] 1989.

La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Wiesbaden [Econ] 2013.

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Handbuch. Konstanz [UVK] 2004.

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Christoph Fasel
*1957, Prof. Dr., ist Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Verbraucherjournalismus ifv. Nach Studium in Paris und München Absolvent der Henri-Nannen-Schule. Journalist bei Bild, Abendzeitung, Bayerischer Rundfunk. Redakteur bei Eltern, Reporter des STERN, Chefredakteur Reader's Digest Deutschland und Österreich, Chefredakteur von „Faszination Forschung“ der TU München, Chefredakteur bild der wissenschaft, Redaktionsleiter von natur, Chefredakteur von Medical Tribune-Perspektive Leben. Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement. Lehraufträge an Universitäten und Akademien in Deutschland, Österreich und Schweiz. Buchautor. Mehrfacher SPIEGEL-Bestsellerautor. Er arbeitet als Zeitschriftenentwickler, Relaunch-Experte, Kommunikations-Coach und Krisen-Kommunikationsexperte für Wirtschaft, Verbände und Politik, außerdem Aufsichtsrat der Vogel Communications Group GmbH & Co. KG.