Geschichtsjournalismus

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Geschichtsjournalismus – wie Vergangenheit vergegenwärtigt wird

Definition:
Als Geschichtsjournalismus wird die journalistische Aufbereitung historischer und zeitgeschichtlicher Themen bezeichnet. Sein Ziel ist die Vermittlung geschichtlicher Ereignisse und Zusammenhänge an eine breite → Öffentlichkeit (Offerhaus/Trümper 2022: 162). Es handelt sich somit um eine Form des Journalismus, die nicht zwangsläufig einen Bezug zum aktuellen Geschehen hat, was hinsichtlich des sonst hohen Stellenwerts von → Aktualität im Journalismus untypisch erscheint. Andererseits ist der Vergangenheit Aktualität inhärent, wenn sie als öffentlicher Bestandteil fortlaufender individueller und nationaler Identitätskonstruktion fungiert (Arnold/Hömberg/Kinnebrock 2010: 7). Damit gilt der Geschichtsjournalismus, neben anderen gesellschaftlichen Institutionen, wie z. B. Museen, Schulen und Archiven, als eine Säule der öffentlichen Vermittlung und Verhandlung des Vergangenen.

Als Teil der nationalen Erinnerungskultur trägt der Geschichtsjournalismus auch zur Konstitution des kollektiven Gedächtnisses in einer Gesellschaft bei (Trümper 2018). Das tut er insbesondere in Form des sogenannten ‚Gedenktagsjournalismus‘, der regelmäßig wiederkehrende Gedenktage und Jubiläen zum Anlass für öffentliche Kommemoration nimmt (Ammann 2010). Diese Beispiele zeigen, dass es im Geschichtsjournalismus unterschiedliche Aktualisierungsstrategien gibt, um geschichtlichen Inhalten Relevanz zu verleihen (Lohner 2014: 41 f.).

Nicht zuletzt hat der Geschichtsjournalismus den Anspruch, das Publikumsinteresse zu wecken und bedient sich daher zum Teil auch populärwissenschaftlicher und unterhaltender Stilmittel, um Vergangenheit z. B. entlang von Konflikten, → Personalisierung und Gräuel- oder Heldentaten zu erzählen. Während der Geschichtsjournalismus bei historischen Themen auf geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse setzt (Bösch 2010), spielen für Themen der Zeitgeschichte, die von einem Teil der gegenwärtigen Bevölkerung miterlebt wurden, außerdem die Erinnerungen von Zeitzeug:innen eine wichtige Rolle (Keilbach 2014). Insbesondere bei audiovisuellen Formaten wird darüber hinaus auf Re-enactments zurückgegriffen, die eine durchaus kritisch diskutierte Vermischung von Geschichte und inszenierten Elementen mit → Authentizitätsanspruch darstellen können. Geschichtsjournalismus umfasst somit ein Spektrum von rein dokumentarischen Ansätzen, die geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse publikumsgerecht aufbereiten, bis hin zu solchen, in denen Fakten und Fiktion an Trennschärfe verlieren (Hömberg 2010: 23).

Geschichte:
Der deutsche Geschichtsjournalismus hat selbst eine lange Geschichte, die insbesondere hinsichtlich der erinnerungskulturellen Aufarbeitung der Weltkriege, des Holocaust und der DDR von Bedeutung war und ist. Bereits in den 1950ern wurden historische Dokumentationen zum Dritten Reich für das öffentlich-rechtliche Fernsehen produziert, bald gefolgt von einer Ausweitung auf andere historische Themen (Lersch 2010). Da von weiter zurückliegenden Zeiten kein audiovisuelles Material existiert, etablierte sich bereits damals das Re-enactment als eine Möglichkeit, geschichtliches Geschehen zu visualisieren und gleichzeitig unterhaltsam zu gestalten (Lersch 2010: 277).

Das steigende Interesse des Publikums an Geschichte führte Anfang der 1980er zum Ausbau der Produktion historischer Inhalte bei etablierten Medien und Produktionsfirmen für verschiedenste Mediengattungen: neben TV-Sendungen beispielweise bis heute populäre Geschichtszeitschriften, die bereits in den späten 1960ern und 1970ern gegründet und bis heute durch vielzählige Neuerscheinungen ergänzt wurden (Hömberg 2010; Springkart 2016). Parallel zur zunehmenden Ausweitung eines breiten geschichtsjournalistischen Angebots haben sich im Laufe der Zeit Strukturen im Berufsfeld herausgebildet, die den Geschichtsjournalismus zu einem ‚Schwellenressort‘ gemacht haben, d. h. zu einem ansatzweise institutionalisierten → Fachjournalismus (Arnold 2010: 90).

Gegenwärtiger Zustand:
Durch die → Digitalisierung hat sich der Geschichtsjournalismus weiter diversifiziert und findet in modernisierter Form in allen heute üblichen Medien und Plattformen des Journalismus statt (Kolpatzik 2017). Gleichzeitig scheinen dadurch alte Fragen erneut aktuell geworden zu sein, darunter insbesondere die der Grenzziehung zwischen Fakten und Fiktion. Ein Beispiel stellte die intensive öffentliche Debatte um das Instagram-Projekt @ichbinsophiescholl von SWR und BR dar. Das Format von 2021 entsprach einem Re-enactment des Alltags der letzten zehn Monate Sophie Scholls, dargeboten in Form heutiger → Social Media Posts durch eine Schauspielerin. Während Geschichte dem jüngeren Publikum damit „hautnah, emotional und in nachempfundener Echtzeit“ (SWR o. S.) nähergebracht werden sollte, wiederholte sich die Debatte über Authentizität, Faktizität und pädagogischem Wert, die in der Vergangenheit bereits hinsichtlich traditioneller Medien geführt wurde. Damit zeigt sich, dass ein kontinuierlicher Metadiskurs in der Gesellschaft stattfindet (Carlson 2016), in dem der Umgang mit Geschichte und Erinnerung im Journalismus und der Gesellschaft ausgehandelt wird.

Ein weiterer Faktor, der den deutschen Geschichtsjournalismus zunehmend prägt, ist die Konkurrenz durch internationale Angebote auf Videoplattformen und globalen Streamingdiensten, wobei hier auch Potentiale für Kollaborationen liegen können. Der Erfolg von Geschichtsformaten auf den diversen digitalen Plattformen sowie im → Podcast-Bereich verweist auf ein anhaltendes Publikumsinteresse, geht aber gleichzeitig mit einer Entgrenzung zwischen professionellen Journalist:innen und anderen Hersteller:innen und Produzent:innen von geschichtlichen Inhalten einher. Beispielsweise haben auch Personen ohne Fachkenntnisse und journalistische → Ausbildung oder Berufserfahrung die Möglichkeit, geschichtliche Formate zu produzieren und öffentlich zugänglich zu machen (Sommer, 2023). Für das → Publikum kann dabei unklar bleiben, ob dafür die nötige Expertise im Umgang mit geschichtlichen Themen vorliegt und ob journalistischen Standards gefolgt wird. Auch die Intentionen hinter einer Produktion sind für das Publikum transparenter, wenn sich eine journalistische Marke durch das Befolgen eines journalistischen Ethos → Medienvertrauen aufgebaut hat.

Gleichzeitig sollte anerkannt werden, dass nicht zwangsläufig schlechtere → Inhalte oder Beweggründe das Resultat dieser neuen Vielstimmigkeit sein müssen. Hier nimmt der professionelle Geschichtsjournalismus eine Orientierungsfunktion ein, indem er nicht nur seine hochwertigen Inhalte anbietet, sondern auch die Qualität anderer Anbieter:innen kritisch für das → Publikum einordnet. Außerdem kann er z. B. möglicher Desinformation durch historisch hergeleitete Verschwörungsmythen und Umdeutungen von Geschichte entgegenwirken, von welchen die Gefahr der Vertiefung gesellschaftlicher Konflikte ausgeht (Schwarzenegger/Wagner 2023).

Forschungsstand:
Die Forschung im deutschsprachigen Raum ist nach wie vor recht übersichtlich und von einigen wenigen Schlüsselwerken geprägt. Besonders einschlägig für eine medien- und → kommunikationswissenschaftliche Perspektive ist der hier mehrfach zitierte Sammelband Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung (Arnold/Hömberg/Kinnebrock 2010), der einen breiten Überblick über verschiedene Dimensionen des Geschichtsjournalismus bietet. In der neueren Forschung, die auch stärker von internationalen Ansätzen der kommunikationswissenschaftlichen Erinnerungsforschung geprägt ist, wird der Geschichtsjournalismus mittlerweile als Bestandteil eines facettenreichen ‚Erinnerungsjournalismus‘ verstanden. Dabei handelt es sich um einen Oberbegriff, der den Fokus auf die Funktion des Erinnerns verschiebt und der damit verdeutlicht, dass Journalismus nicht nur Vermittler von Geschichtswissen ist, sondern durch vielfältige Vergangenheitsbezüge in seiner Arbeit eine aktive Rolle beim gesellschaftlichen Erinnern und seiner öffentlichen Verhandlung einnimmt.

Hier leistet der Handbuchbeitrag von Offerhaus und Trümper (2022) mit einer Typologie wichtige Arbeit, die zwischen Geschichtsjournalismus, Gedenkjournalismus und nicht-kommemorativ erinnerndem Journalismus unterscheidet. Damit wird Geschichtsjournalismus in die Forschung zu → Journalist:innen als ‚memory agents‘ eingebettet, die Journalist:innen nicht nur durch explizite Beschäftigung mit Geschichte, sondern auch durch geschichtliche Referenzen in der täglichen Berichterstattung sowie ihre Funktion als Chronisten der Gegenwart als zentrale Akteur:innen der Erinnerungskultur versteht (Zelizer 2008; Kitch 2008; Trümper 2018).

Als ein Desiderat gilt die Forschung auf Konsumentenseiten, über deren Nutzung und Aneignung geschichtsjournalistischer Angebote noch wenig bekannt ist (Offerhaus/Trümper 2022: 164). Aber auch darüber hinaus eröffnen die Weiterentwicklung im Bereich der medialen Geschichtsvermittlung in Form neuer journalistischer Formate und die Zunahme konkurrierender Akteur:innen viele relevante Forschungsperspektiven, denen aktuell noch wenig Aufmerksamkeit zuteil wird.

Literatur:

Ammann, Illona: Gedenktagsjournalismus. Bedeutung und Funktion in der Erinnerungskultur. In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Bd. 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S. 153-167.

Arnold, Klaus: Geschichtsjournalismus – Ein Schwellenressort? Arbeitsweisen, Themen Und Selbstverständnis von Geschichtsjournalisten in Deutschland. In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Bd. 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S. 87-108.

Arnold, Klaus, Walter Hömberg, Susanne Kinnebrock: Zur Einführung: Journalismus und Geschichte. In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Bd. 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S. 7-14.

Bösch, Fran: Gerennte Sphären? Zum Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Geschichte in den Medien Seit 1945. In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Bd. 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S. 46-65.

Carlson, Matt: Metajournalistic Discourse and the Meanings of Journalism: Definitional Control, Boundary Work, and Legitimation. In: Communication Theory, 26, 4, 2016, S. 349-368.

Hömberg, Walter: Die Aktualität Der Vergangenheit. In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Bd. 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S.15-30.

Keilbach, Judith: Geschichtsbilder und Zeitzeugen: Zur Darstellung des Nationalsozialismus im bundesdeutschen Fernsehen. 3. Auflage. Medien’Welten 8. Münster [Lit. Verlag] 2014.

Kitch, Carolyn: Placing Journalism inside Memory – and Memory Studies. In: Memory Studies, 1, 3, 2008, S. 311-320.

Kolpatzik, Andrea: Zeitgeschichte wird gemacht: Geschichtskulturelle Analyse von Produktion, Vermittlung und Aneignung medialer Geschichtskonstruktionen im Web 2.0 am Beispiel von FAZ, Spiegel Online, ZDF. Wochenschau Wissenschaft. Schwalbach/Ts [Wochenschau Verlag] 2017.

Lersch, Susanne: Heinz Huber und Artur Müller beim Süddeutschen Rundfunk und die Anfänge des Geschichtsfernsehens in der Bundesrepublik Deutschland (1958-1962). In: Arnold, Klaus; Walter Hömberg; Susanne Kinnebrock: Geschichtsjournalismus: Zwischen Information und Inszenierung. Kommunikationsgeschichte, Band 21. Münster [Lit. Verlag] 2010, S. 271-292.

Lohner, Judith: Journalistische Erinnerung als Dimension europäisierter Öffentlichkeit: Theoretische Grundlegung und empirische Anwendung am Beispiel der „Europäischen Wende“. Hamburg [Staats- und Universitätsbibliothek] 2014.

Offerhaus, Anke; Stefanie Trümper: Die Erinnerung in der Gegenwart: Zum Verhältnis von Journalismus und gesellschaftlicher Erinnerung. In: DFG-Netzwerk Kommunikationswissenschaftliche Erinnerungsforschung: Handbuch Kommunikationswissenschaftliche Erinnerungsforschung. Berlin [De Gruyter] 2022, S. 151-182.

Sommer, Vivien: Erinnerungsjournalismus und neue Sprecher:innen: Grenzverschiebungen in erinnerungskulturellen Debatten. In: DFG-Netzwerk Kommunikationswissenschaftliche Erinnerungsforschung: Handbuch Kommunikationswissenschaftliche Erinnerungsforschung. Berlin [De Gruyter] 2022, S. 207-230.

Springkart, Claudius: Populäre Geschichtsmagazine in Deutschland. Marktüberblick und Themenschwerpunkte. In: Popp, Susanne; Jutta Schumann; Fabio Crivellari; Michael Wobring; Claudius Springkart: Populäre Geschichtsmagazine in internationaler Perspektive: Interdisziplinäre Zugriffe und ausgewählte Fallbeispiele. Frankfurt am Main [Peter Lang] 2016, S. 237–276.

SWR: Instagram-Projekt @ichbinsophiescholl. [01.03.2023]. https://www.swr.de/unternehmen/ich-bin-sophie-scholl-instagram-serie-102.html.

Schwarzenegger, Christian; Anna Wagner: Commemorative Populism in the COVID-19 Pandemic: The Strategic (Ab)use of Memory in Anti-Corona Protest Communication on Telegram. In: International Journal of Communication, 17, 2023, S. 2138-2156.

Trümper, Stefanie: Nachhaltige Erinnerung im Journalismus: Konzept und Fallstudie zur Medienaufmerksamkeit für vergangene Flutkatastrophen. Research. Wiesbaden [Springer VS] 2018.

Zelizer, Barbie: Why Memory’s Work on Journalism Does Not Reflect Journalism’s Work on Memory. In: Memory Studies, 1, 1, 2008, S. 79-87.

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Manuel Menke
*1985, Dr., ist seit 2020 Assistant Professor an der Universität Kopenhagen, Dänemark. Er studierte in Mainz und Bamberg Kommunikationswissenschaft und Politikwissenschaft. Nach dem Studium promovierte er an der Universität Augsburg und war anschließend Akademischer Rat a. Z. an der LMU München. Forschungsschwerpunkte: Kommunikationswissenschaftliche Erinnerungsforschung, Mediennostalgie, Journalismusforschung, digitale Öffentlichkeiten, Medienwandel.