Alternative Medien

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Alternative Medien

Definition

Alternative Medien dienen dem Aufbau von ‚Gegenöffentlichkeiten‘ und richten sich damit gegen einen (vermeintlich) hegemonialen Diskurs in Politik, Gesellschaft oder etablierten Medien. Der Begriff ‚Alternativmedium‘ wird in der → Kommunikationswissenschaft nicht trennscharf definiert und wurde in den vergangenen Jahrzehnten für ganz unterschiedliche Publikationen angewandt. Es existieren deshalb mehrere theoretische Konzepte zur Einordnung von Alternativmedien (vgl. Jeppesen 2016).

Downing sieht die Hauptfunktion alternativer Medien im Widerstand gegen dominante Machtstrukturen, womit ihnen eine Mobilisierungskraft für sozialen Wandel zukomme (radical media 2001). Sandoval und Fuchs legen den Schwerpunkt auf ihre Abgrenzung vom kapitalistischen Mediensystem, die sich in kritischen → Inhalten und Formen äußere (critical media 2010). Andere Konzepte betonen das Kriterium der → Partizipation bzw. die Einbindung von Laien (community & citizen media; u. a. Rodríguez 2001; Howley 2005). Die jüngere Forschung kritisiert diese Ansätze, weil sie stark normativ und idealistisch geprägt seien.

Holt et al. plädieren daher für ein inklusives und ‚relationales‘ Verständnis von Alternativmedien (2019). Entscheidend sei die selbst wahrgenommene Korrektivfunktion zum ‚Mainstream‘, etwa durch alternative Produzierende und Inhalte (Mikroebene), alternative Produktions- und Verbreitungswege (Mesoebene) sowie durch eine Oppositionshaltung zum etablierten Mediensystem als Ganzes (Makroebene). Demnach sind Mainstream- und Alternativmedien nicht als dichotomer Gegensatz, sondern entlang eines dynamischen Kontinuums zu sehen. Der Vorteil der populären Definition von Holt et al. liegt darin, in einer hybriden Mediengegenwart bei ‚Alternativmedien‘ verschiedenartige Projekte und Formate miteinzubeziehen.

Alternativmedien Holt
Konzeptualisierung von Alternativmedien nach Holt et al. 2019 (eigene Übersetzung)

Geschichte

Erste Formen medialer Gegenöffentlichkeiten finden wir bereits in den Flugschriften der Reformation im 15. Jahrhundert (vgl. Wimmer 2007). Der Begriff ‚Alternativmedium‘ wurde aber erst ab den 1960er-Jahren populär und zunächst für Publikationen im Umfeld sozialer Bewegungen verwendet, insbesondere der Studierenden-, Frauen- und Umweltbewegung. Diese Alternativmedien waren meist unterfinanziert und daher laienhaft gestaltet, ihre Inhalte kreisten um Imperialismus- und Kapitalismuskritik, Emanzipation oder Ökologie. Bekannte Beispiele waren lokale Stadtzeitungen wie De Schnüss (Bonn) und Freie Radiosender wie Radio Dreyeckland (Hooffacker/Lokk 2009). Klassische Medien übernahmen schrittweise ‚alternative‘ Themen und Formate, während viele der damaligen Alternativmedien bis zum Ende des 20. Jahrhunderts professionalisiert oder eingestellt wurden.

Mit dem → Web 2.0 wurde es möglich, relativ unkompliziert bzw. barrierefrei nachrichtenähnliche Inhalte zu veröffentlichen, etwa in Form von Ein-Personen-Blogs. Die → Digitalisierung erleichterte damit die Herstellung und auch die ungefilterte Verbreitung von Informationen. Um die 2000er-Jahre entstanden zahlreiche Online-Publikationen, die bewusst als Gegenöffentlichkeit zu den traditionellen Massenmedien auftraten, etwa die Huffington Post in den USA. Eine wesentliche Rolle spielten dabei auch die Funktionslogiken von → Social Media, die digitalen Alternativmedien neue Möglichkeiten boten, über die eigentliche Zielgruppe hinaus Leser:innen zu erreichen.

Mittlerweile haben Alternativmedien einen gewissen Bedeutungswandel erfahren. Während sie im 20. Jahrhundert noch klar im linken Spektrum verortet wurden, assoziieren heute viele den Begriff mit der extremen Rechten (vgl. Hooffacker 2020). Denn im Zuge der sogenannten „Flüchtlingskrise“ 2015 und der Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien gewannen auch rechtsradikale Medienprojekte wie Breitbart oder Compact an Bekanntheit und Reichweite (vgl. Schweiger 2017: 48 ff). Seither wird der Begriff ‚Alternativmedium‘ kritischer gesehen, weil es sich nun oft um eine Selbstbezeichnung zu PR-Zwecken handelt. Stattdessen plädieren Expert:innen für Begriffe wie „Parallelmedien“ oder – angelehnt an die englischsprachige Forschung – „hyperparteiische Medien“ (vgl. Kast 2024: 37 ff).

Aktueller Stand

Das heutige Feld digitaler Alternativmedien ist breit und beschränkt sich nicht auf ein bestimmtes ideologisches Milieu. Dazu zählen Portale, die gegen die ‚Mainstream-Medien‘ polemisieren und mit Rechtspopulismus oder Verschwörungsmythen in Verbindung gebracht werden. Es existieren aber nach wie vor aktivistisch ausgerichtete Projekte, die in der Tradition einer linken Gegenöffentlichkeit stehen. Hinzu kommen Nachrichtenseiten, die sich explizit vom kommerzialisierten Mediensystem abgrenzen, zugleich aber journalistisch hochwertige → Recherchen produzieren (vgl. Schwaiger 2022: 145 ff).

Die Finanzierung alternativer Medien ist selten transparent. Im Unterschied zu etablierten Medien dürften eher wenige Vertriebserlöse erzielen, etwa durch Errichtung einer → Paywall. Stattdessen findet sich bei den meisten Alternativmedien ein prominent platzierter Spendenaufruf, manche verfügen auch über Webshops oder setzen auf Affiliate Marketing. Durch automatisierte Werbesysteme wie Google Ads verdienen einige auch Geld über Werbeanzeigen, wobei extremistische Medien davon in der Regel ausgeschlossen werden. Eine weitere Option ist die Finanzierung durch politische Akteur:innen, etwa Parteien, Interessengruppen oder wohlhabende Einzelpersonen (Paulitsch 2025: 62 ff).

Speziell rechtsgerichtete Alternativmedien sind vermehrt mit dem Vorwurf konfrontiert, Desinformation oder → Fake News zu verbreiten, obwohl die Forschung hier zu differenzierten Ergebnissen gelangt (vgl. Klawier 2025: 14). Durch verzerrende Berichterstattung und drastische Darstellungen dürften sie (anderen) Falschinformationen zumindest Vorschub leisten, oft wird ihnen daher auch Propaganda oder → Agenda Setting vorgeworfen (u. a. Staender et al. 2024). Wenig überraschend lassen aktuell viele Alternativmedien journalistisch-ethische Standards wie Ausgewogenheit oder das Diskriminierungsverbot außer Acht (vgl. Robertson/Mourão 2020; Paulitsch 2024).

Im Übrigen haben rechtsalternative Medien zu ideologisch nahestehenden Parteien ein symbiotisches Verhältnis entwickelt. Diese Symbiose zeigt sich etwa in einem exklusiven Informationsaustausch, personellen Überschneidungen und wechselseitig positiver → Rezeption (vgl. Haller 2018). Bei einigen Alternativmedien gibt es mehr oder weniger offensichtliche Verbindungen ins Ausland, insbesondere nach Russland (Beseler/Toepfl 2024). Inzwischen sind rechtsalternative Medien auch untereinander gut vernetzt und koordinieren ihr Vorgehen im digitalen Raum mit einschlägigen Aktivist:innen. Diese Art Netzwerk wird in der Forschung gerne als „Ökosystem“ beschrieben (z. B. Benkler et al. 2018).

Forschungsstand

Da die Medienforschung lange Zeit das progressive bzw. emanzipatorische Potenzial von Alternativmedien hervorhob, fiel ihre Bewertung bis zu den 2010er-Jahren überwiegend positiv aus (vgl. Hüttner/Leidinger/Oy 2011). Erst mit dem Aufstieg rechtspopulistischer Strömungen in liberalen Demokratien rückten etwaige negative Effekte in den Fokus (Figenschou/Ihlebæk, 2019; Heft et al. 2020). Gleichzeitig hat das Interesse an Alternativmedien stark zugenommen, sodass mittlerweile zahlreiche Studien zu ihrer Funktionsweise und Wirkmacht vorliegen.

Unklarheiten bestehen nach wie vor bezüglich der Reichweiten. Hier gelten Tracking-Daten momentan als zuverlässigste Quellen, denen zufolge die Reichweite alternativer Medien im deutschsprachigen Raum (noch) im einstelligen Prozentbereich liegt (Klawier 2024). Allerdings erzielen gerade rechtsalternative Portale auf den Social-Media-Plattformen eine hohe Sichtbarkeit, mutmaßlich bedingt durch den vorherrschenden → Algorithmus und das gewachsene Ökosystem (vgl. Fernholz 2022). Trotz verhältnismäßig geringer Reichweite gelingt es Alternativmedien daher immer wieder, dass ihre Themen und ‚Wordings‘ von Parteien oder etablierten Medien aufgegriffen werden (Knüpfer/Hoffmann 2024; Sälhoff 2025).

Die jüngere Forschung untersucht verstärkt die Gründe bzw. Motivationen für die Nutzung alternativer Medien. Ein Großteil des Publikums konsumiert zwar weiterhin auch etablierte Medien, sodass Alternativmedien eher als Ergänzung oder Korrektiv dienen (Rauch 2015; Schwarzenegger 2023). Eine gewichtige Rolle spielen dabei auch Emotionen und Affekte, die ein alternativer Medienkonsum bedienen kann, etwa Wut und Frustration über das „Establishment“ (vgl. Schöppl/Schwarzenegger 2025). Die Öffentlichkeit beschäftigt daher zunehmend die Frage, wie man den Nutzer:innen fragwürdiger Alternativmedien ein attraktives Gegenangebot – ergo eine „Alternative zur Alternative“ – schaffen kann.

Literatur

Benkler, Yochai; Robert Faris; Hal Roberts: Network Propaganda. Manipulation, Disinformation, and Radicalization in American Politics. New York [Oxford University Press] 2018.

Beseler, Arista; Florian Toepfl: Conduits of the Kremlin’s Informational Influence Abroad? How German-Language Alternative Media Outlets Are Connected to Russia’s Ruling Elites. In: The International Journal of Press/Politics, 30, 3, 2024, S. 659-678.

Downing, John H.D.: Radical Media: Rebellious Communication and Social Movements. Thousand Oaks [SAGE Publications] 2001.

Fernholz, Tobias: Die rechtsradikale Bewegung und ihr digitaler Kampf um Identität: Inhalte, Dynamiken und Resonanzräume rechtsradikaler Alternativ-Öffentlichkeiten. Wiesbaden [Springer VS] 2022.

Figenschou, Tine Ustad; Karoline Andrea Ihlebæk: Challenging Journalistic Authority. Media criticism in far-right alternative media. In: Journalism Studies, 20, 9, 2019, S. 1221-1237.

Haller, André: Symbiotische Interdependenzen. Rechtspopulismus und politische Alternativpublizistik. In: Communicatio Socialis, 51, 2, 2018, S. 143-153.

Heft, Annett; Eva Mayerhöffer; Susanne Reinhardt; Curd Knüpfer: Beyond Breitbart: Comparing Right‐Wing Digital News Infrastructures in Six Western Democracies. In: Policy & Internet, 12, 1, 2020, S. 20-45.

Holt, Kristoffer; Tine Ustad Figenschou; Lena Frischlich: Key Dimensions of Alternative News Media. In: Digital Journalism, 7, 7, 2019, S. 860-869.

Hooffacker, Gabriele: Copycats oder innovativ und integrativ? Ein Vorschlag zur Beurteilung von „Alternativmedien“. In: Journalistik, 3, 3, 2020, S. 250-262.

Hooffacker, Gabriele; Peter Lokk: Kurze Geschichte der „Presse von unten“. In: Hooffacker, Gabriele (Hrsg.): Bürgermedien, Neue Medien, Alternativmedien. München [Verlag Hooffacker] 2009, S. 9-32.

Howley, Kevin: Community Media. People, Places and Communication Technologies. Cambridge [University Press] 2005.

Hüttner, Bernd; Christiane Leidinger; Gottfried Oy (Hrsg.): Handbuch Alternativmedien 2011/2012. Printmedien, Freie Radios, Archive & Verlage in der BRD, Österreich und der Schweiz. Neu-Ulm [AG SPAK] 2011.

Jeppesen, Sandra: Understanding Alternative Media Power: Mapping Content & Practice to Theory, Ideology, and Political Action. In: Democratic Communiqué, 27, 1, 2016, S. 54-77.

Kast, Matthias: Protestplätze, Partizipationsräume, Parallelwelten. Wissenschaftliche Betrachtung und aktuelle Bewertung von Alternativmedien. Bamberg [Bamberg Press] 2024.

Klawier, Tilman: How many people use alternative media in Germany and how can we measure it? In: Journal of Quantitative Description: Digital Media, 4, 2024, S. 1-36.

Klawier, Tilman: Alternative Medien. In: Schweiger, Wolfang; Klaus Beck; Veronika Karnowski, Handbuch Online-Kommunikation. Wiesbaden [Springer VS] 2025.

Knüpfer, Curd; Matthias Hoffmann: Countering the „Climate Cult“ – Framing Cascades in Far-Right Digital Networks. In: Political Communication, 42, 1, 2024, S. 85-107.

Paulitsch, Luis: Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung. Wiesbaden [Springer VS] 2025.

Paulitsch, Luis: „Konsortium der System-Propagandisten“. Rechtsextreme Publizistik und Medien-Selbstkontrolle am Beispiel von Österreich. In: ZRex, 4, 1, 2024, S. 23-42.

Rauch, Jennifer: Exploring the Alternative–Mainstream Dialectic: What „Alternative Media“ Means to a Hybrid Audience. In: Communication, Culture and Critique, 8, 1, 2015, S. 124-143.

Robertson, Craig T.; Rachel R. Mourão: Faking alternative journalism? An analysis of self-presentations of „fake news“ sites. In: Digital Journalism, 8, 8, 2020, S. 1011-1029.

Rodríguez, C.: Fissures in the Mediascape. An International Study of Citizens’ Media. Cresskill [Hampton Press] 2001.

Sandoval, Marisol; Christian Fuchs: Towards a critical theory of alternative media. In: Telematics and Informatics, 27, 2, 2010, S. 141-150.

Sälhoff, Philipp: Die Causa Brosius-Gersdorf. In: polisphere.eu. 2025 https://polisphere.eu/aktuelles/die-causa-brosius-gersdorf [13.2.2025]

Schöppl, Katharina; Christian Schwarzenegger: Gegenöffentlichkeit als Gefühl? Alternative Medien und Public Dissent als Wille und Vorstellung ihrer Nutzer:innen. In: Publizistik, 70, 1-2, 2025, S. 73-97.

Schulze, Heidi: Who Uses Right-Wing Alternative Online Media? An Exploration of Audience Characteristics. In: Politics and Governance, 8, 3, 2020, S. 6-18.

Schwaiger, Lisa: Gegen die Öffentlichkeit. Alternative Nachrichtenmedien im deutschsprachigen Raum. Bielefeld [transcript] 2022.

Schwarzenegger, Christian: Understanding the Users of Alternative News Media – Media Epistemologies, News Consumption, and Media Practices. In: Digital Journalism, 11, 5, 2023, S. 853-871.

Schweiger, Wolfgang: Der (des)informierte Bürger im Netz. Wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern. Wiesenbaden [Springer VS] 2017.

Staender, Anna; Edda Humprecht; Frank Esser: Alternative media vary between mild distortion and extreme misinformation: Steps toward a typology. In: Digital Journalism, 12, 6, S. 830-850.

Wimmer, Jeffrey: (Gegen-)Öffentlichkeit in der Mediengesellschaft. Analyse eines medialen Spannungsverhältnisses. Wiesbaden [Springer VS] 2007.

 

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Luis Paulitsch
*1991, Mag. M.A., Medienethiker, Jurist und seit 2025 Doktorand an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien. Arbeitsschwerpunkte: Journalistische Ethik, Selbstkontrolle, Propaganda und Desinformation. Kontakt: luis.paulitsch@datumstiftung.at Foto: Thomay Dalby