Lokaljournalismus

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Wortherkunft: frz. local, lat. locus = Ort, Platz, Stelle; frz. journal = täglich, Tagebuch, Zeitung

Der Begriff bezeichnet im deutschen Journalismus, ebenso wie in anderen Ländern, einerseits die journalistische Berichterstattung, die sich auf Ereignisse und Akteure aus dem lokalen Verbreitungsgebiet bezieht. Andererseits steht er für die Bereitstellung von Themen, die entsprechend der Bedürfnisse und Ansprüche der Rezipienten dieses Verbreitungsgebietes aufbereitet werden.

Als Gegenstand der Berichterstattung ist das Lokale in größeren Städten schon Ende des 17. Jahrhunderts zu finden. Die Leipziger Zeitung veröffentlichte erste Lokalmeldungen im Jahr 1700, für den Berliner Raum sind erste Lokalmeldungen vereinzelt 1705 auszumachen. In den Folgejahren steigt der Anteil der Lokalmeldungen an, wenn auch häufig nur als kurze Meldungen. Gegenstand des frühen Lokaljournalismus sind Nachrichten, die sich unpolitischen Themen widmen wie Unfälle, Hinrichtungen und Naturerscheinungen.

Lokalberichterstattung in umfassender und regelmäßiger Form entwickelt sich in Deutschland gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Das Lokale wird ein eigenes Ressort. Es bilden sich Formen lokal berichtender Zeitungen aus, die bis heute dafür sorgen, dass es nicht den einen einheitlichen Typ einer Lokalzeitung gibt. Das Spektrum reicht von reinen Lokalzeitungen bis zu regionalen Mantelzeitungen, die das Lokale als einen eigenen Zeitungsteil (‘Buch’ genannt) bündeln.

Bis in die Mitte der achtziger Jahre ist Lokaljournalismus in erster Linie Gegenstand von Printmedien, mit der Einführung des privaten Rundfunks 1984 entsteht eine Vielzahl auch lokaler Hörfunksender, ergänzt im Laufe der weiteren Entwicklung durch lokale Fernsehsender. Bedingt durch die föderale Struktur im Rundfunk unterscheiden sich die lokaljournalistischen Medienangebote in den Bundesländern sehr stark. Auch im Internet haben sich mittlerweile lokaljournalistische Angebote entwickelt.

Der Kommunikationsraum, der vom Lokaljournalismus bedient wird, ist nicht einheitlich definiert oder begrenzt. In der Regel entspricht der lokale Raum der Berichterstattung dem Verbreitungsgebiet des jeweiligen Lokalmediums. Dies können – je nach Zuschnitt – Städte, Gemeinden oder auch Kreise sein. Neben diesen Verwaltungseinheiten ist der Lokaljournalismus auch zu verstehen als Kommunikation innerhalb soziokultureller Räume, die unabhängig von politisch strukturellen Grenzen existieren. In einigen lokalen Kommunikationsräumen lassen sich, vor allem bedingt durch die Publikationsmöglichkeiten im Internet, zunehmend auch so genannte sublokale und hyperlokale journalistische Angebote finden; diese beziehen sich etwa auf Stadtteile oder Stadtviertel. Beispiele sind neukoellner.net mit Berichterstattung aus und über Berlin-Neukölln, die Stadtteilzeitung Schöneberg (ebenfalls Berlin) sowie die Eimsbütteler Nachrichten aus Hamburg.

Der Lokaljournalismus ist in den meisten Medien als eigenständiges Ressort organisiert, teilweise sind die Übergänge zum Regionaljournalismus fließend. Damit ist er ein so genanntes Querschnittsressort, welches sich, anders als Ressorts wie Sport, Politik oder Wirtschaft, nicht über einen thematischen, sondern einen geographischen Zuständigkeitsbereich definiert. Thematisch ist der Lokaljournalismus somit offen für alle im Verbreitungsgebiet relevanten Bereiche. Eine Reihe von Inhaltsanalysen zeigt, dass es dabei Schwerpunkte in Lokalpolitik, Stadtentwicklung, Veranstaltungen, Unfällen und Kriminaldelikten sowie Sport gibt. Auch bei der Beachtung von lokalen Akteuren legt der Lokaljournalismus den Schwerpunkt auf bestimmte Gruppen der lokal organisierten Eliten.

Der Lokaljournalismus ist in den vergangenen Jahren wieder stärker in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung genommen worden. Denn obwohl ihm wichtige demokratietheoretische Funktionen zugeschrieben werden und er seit Jahrzehnten von den Rezipienten das am stärksten beachtete Ressort ist, ist die wirtschaftliche Lage vieler Lokalverlage schwierig und die Konzentration auf dem lokalen Medienmarkt hoch.

Literatur:

Jonscher, Norbert: Lokale Publizistik. Theorie und Praxis der örtlichen Berichterstattung. Ein Lehrbuch. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Kretzschmar, Sonja; Wiebke Möhring; Lutz Timmermann: Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2009

Möhring, Wiebke; Felix Keldenich: Lokaljournalismus im Fokus der Wissenschaft. Zum Forschungsstand Lokaljournalismus – unter besonderer Berücksichtigung von Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf [Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen] 2015
Die Expertise ist hier als PDF-Datei abrufbar.

Pöttker, Horst; Anke Vehmeier: Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Welker, Martin; Daniel Ernst: Lokales. Basiswissen für die Medienpraxis. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2012

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Wiebke Möhring
*1970, ist seit 2016 Professorin für Online- und Printjournalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor hatte sie sieben Jahre die Professur für Öffentliche Kommunikation an der Fakultät Medien, Information und Design der Hochschule Hannover inne. Arbeitsschwerpunkte: Lokaljournalismus und -kommunikation, Methoden der empirischen Sozialforschung, Öffentliche Kommunikation und ihre Rezeptions- und Wirkungsprozesse. Kontakt: wiebke.moehring(at)tu-dortmund.de