Nachruf

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Wortherkunft: „Nachruf“ ist Anfang des 19. Jahrhunderts noch belegt als „einem Verstorbenen etwas (in direkter Ansprache) nachrufen“, ab Mitte des Jahrhunderts überwiegt die moderne Bedeutung. Andere indoeuropäische Sprachen verwenden meist Varianten von griech. nekrologos bzw. lat. obituarium.

Definition:
Als lebensrekapitulativer Artikel ist der Nachruf (Nekrolog) eine Sonderform des → Porträts: dasjenige aus Anlass des (Bekanntwerden des) Todes einer Person. So bildet der Nachruf die Brücke zwischen Porträts zu Lebzeiten und solchen zu posthumen Jubiläen.

Im Englischen wird der Begriff häufig nicht nur auf die journalistische Form, sondern auch auf Todesanzeigen und familienverfasste Lebenswürdigungen angewandt; beide können nicht dem journalistischen Genre zugerechnet werden.

Geschichte:
Historische Wurzeln bis zur Antike hat der massenmediale Nachruf in der Leichenrede, was in ritualisierter Pietät und Moralerzählung auch in modernen Nachrufen noch aufscheint. So gilt das Sprichwort „über die Toten nur Gutes“ dergestalt, dass negative Tatsachen und Wertungen stark relativiert und distanziert („Vorwürfe“, „umstritten“) und nur kurz erwähnt werden. Ausnahmen sind selten. Politisch motivierte Tabubrüche fanden sich seit 1979 in der taz. Inzwischen ergibt sich aber durchaus eine Tendenz zu kritischerer Würdigung auch anderswo.

US-amerikanischer und britischer Journalismus haben sich am weitesten entwickelt zur Kombination von Unterhaltung und Belehrung durch Personalisierung. Bedeutsame (und weniger bedeutsame) Inhalte werden durch den ,Human Interest‘ der Kurzbiographie mit transportiert. Dies gilt für die Erweiterung des Personenkreises über klassische → Prominenz und Honoratioren hinaus und für die offenherzigere Behandlung menschlicher Schwächen. So hat sich in den USA und Großbritannien der Nachruf zu einem eigenen Ressort und der Nachrufredakteur zu einem eigenen Berufsbild entwickelt. Sammlungen journalistischer Nachrufe erscheinen häufig in Buchform; es gibt viele popkulturelle Zitate (Romane, Spielfilme). Dominierte in Großbritannien seit dem 19. Jahrhundert (wie in den USA die New York Times) auch im aufkommenden Nachrufwesen klar die Times, so haben etwa gleichzeitig (1986) der Daily Telegraph und der Independent deren Dominanz gebrochen und die Weiterentwicklung des Genres beschleunigt.

Gegenwärtiger Zustand:
Das Genre ist vor allem in der Presse zu finden. Hörfunk und Fernsehen bilden eigene Varianten aus, die durch Einbinden von Audio- und Videoaufnahmen z. T. dem → Feature ähneln und in Gedenksendungen übergehen. Im Internet dominieren (noch) die Printformen.

Die Auswahl der zu würdigenden Personen treffen die Redaktionen nach den jeweiligen → Nachrichtenfaktoren, der Verfügbarkeit des Materials und der Aktualität beim nächsten Erscheinen. Die Artikel enthalten biographische Details, lose gereiht durch die Chronologie, aber selten mit Herkunft oder Geburt beginnend. Relativ häufig ist ein Ringbau, der ein leitendes Eingangsmotiv im Ausgang schließend aufgreift.

Die Verfügbarkeit des Materials ist ein Problem, da ein Interview mit dem Porträtierten für den Nachruf zum Anlass selbst naturgemäß nicht mehr möglich ist. Viele Blätter und die Agenturen produzieren Nachrufe für Personen der Zeitgeschichte ohne Anlass oder aufgrund des Alters/Gesundheitszustands. Im deutschsprachigen Journalismus erfolgt dies eher verschämt-uneingestanden. Die New York Times dagegen führt Interviews auch ausdrücklich zu diesem Zweck; mitunter erscheinen so Nachrufe unter den Autorenzeilen ihrerseits längst verstorbener Schreiber. Vorzeitig aus Versehen oder nach Falschmeldungen publizierte Nachrufe bleiben nicht aus.

Literatur:

Baranick, Alana; Jim Sheeler, Stephen Miller: Life on the Death Beat: a Handbook for Obituary Writers. Oak Park [Marion Street Press] 2005

Brunn, Stefan: Abschieds-Journalismus. Die Nachrufkultur der Massenmedien. Münster [Lit] 1999

Massingberd, Hugh (Hrsg.): The Very Best of the Daily Telegraph Books of Obituaries. London [Pan] 2001

McDonald, William (Hrsg.): The New York Times Book of the Dead: 320 Print and 10,000 Digital Obituaries of Extraordinary People. New York [Black Dog & Leventhal] 2016

Starck, Nigel: Life After Death: the Art of the Obituary. Carlton [Melbourne University Press] 2006

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Daniel Müller
*1969, Dr. phil., Dipl.-Journalist, M. A., hat Journalistik, Geschichte und Orientalistik in Dortmund und Bochum studiert und in Neuerer Geschichte promoviert. Er war 1996-1998 sowie 2002-2009 wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Journalistik (Dortmund), von 1998-2002 am Historischen Institut (Bochum). Von 2009 bis 2015 leitete er das Graduiertenprogramm der sozial- und geisteswissenschaftlichen Fakultäten der TU Dortmund. Seit 2016 ist er Leiter des House of Young Talents zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses der Universität Siegen. Forschungsschwerpunkte: Sowjetische Nationalitätenpolitik, Pressegeschichte, Medien und ethnische Minderheiten.