Karikatur

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Annibale Carracci: Studie Karikaturen

Wortherkunft:  Etymologisch geht der Begriff der Karikatur auf das italienische Verb ‚caricare‘ (= übertreiben, überladen) bzw. dessen Substantivierung ‚caricatura‘ zurück. Das Lehnwort leitet sich von ‚ritratto carico‘ (= übertriebenes Bildnis) ab. Um 1600 entstand der Gattungsbegriff ‚ritrattini carichi‘ für die Gesamtheit der übertriebenen Bildnisse. (Brassat/Knieper 2017: 773 f.; Knieper 2008; Knieper 2002: 14-18; Unverfehrt 1984)

Definition:
Die Karikatur bezeichnete zunächst eine spezielle Form des Portraits, in welchem die physiognomischen Charakteristika von Personen ins Hässliche überspitzt wurden. In der Umsetzung zeichnen sich Karikaturen zudem oftmals durch den Einsatz weniger Striche aus. So wurde etwa wiederholt Annibale Carraccis Talent gelobt, „con doi [due] line” den Charakter einer Person auf humorvolle Weise einzufangen (Brassat/Knieper 2017: 776).

Später wird der Begriff Karikatur auch auf szenische Darstellungen übertragen, sofern die Charaktere bzw. Typen oder die Handlung im Sinne der ‚ritratto carico‘ übertrieben dargestellt sind. Insofern kann Karikatur nicht nur als Gestaltungsmittel einer speziellen Form von Bildsatire aufgefasst werden, sondern auch als deren Namensgeber (Brassat/Knieper 2017: 773-776).

Die Karikatur umfasst insbesondere humoristische Charaktereigenschaften. Sie arbeitet dabei zudem mit einer Auswahl aus Satire, Polemik, ätzendem Spott, Zynismus, zur Schau gestellten Widersprüchlichkeiten, Überspitzung, Kommentierung und hervorgehobenen Absurditäten. Mit dem auslaufenden 17. Jahrhundert geraten der persönliche Angriff und der politische Kontext stärker in den Fokus der Karikatur. Sie wird zur bildlichen Entsprechung der sprachlichen Satire. Es geht vermehrt um das Aufdecken sozialer und politischer Widersprüche, um Kritik und Kontrolle politischen Verhaltens und generell um das Zeigen von moralisch problematischen Handlungsweisen. Produkte ausschließlich künstlerischen Ursprungs und damit reine Abbilder der Phantasie (etwa Grotesken, Drolerien oder Cappricios) werden hingegen nicht zu den Karikaturen gezählt (Brassat/Knieper 2017: 774).

Geschichte:
In einem 1646 veröffentlichten Sammelband von 80 Radierungen nach Zeichnungen des italienischen Malers und Kupferstechers Annibale Carracci (1560-1609) ist die Verwendung des Gattungsbegriffs ‚caricatura‘ für skizzenhafte, satirisch-übertriebene Portraitzeichnungen erstmals belegt. Im dortigen Vorwort erörtert der Haushofmeister von Papst Urban VIII., Giovanni Atanasio Mosini (auch bekannt als Giovanni Antonio Massini), ausführlich die sogenannten ‚ritrattini carichi‘: Nach Annibale Carracci erlaubt sich die Natur zu ihrer Rekreation Späße in Form körperlicher und physiognomischer Deformationen. Zugleich ging Annibale Carracci davon aus, dass in der Natur weder die ideale Schönheit noch die absolute Hässlichkeit vorzufinden sei. Nach seiner Ansicht braucht es Künstler, um vollkommene Gegenstände oder Personen zu schaffen. Auch die perfekte Hässlichkeit kann nur durch Künstlerhand – und zwar durch die Übertreibung vorhandener Formen – erreicht werden. Karikaturen sind nach seiner Auffassung Bildnisse, in denen die Fehler der Natur nicht abgeschwächt, sondern bewusst durch die ‚perfetta deformità‘ hervorgehoben und betont werden. Erst durch die künstlerische Betonung und Überhöhung bzw. die Übertreibung (‚caricatura‘) dieser Mängel entstehen besondere Kunstwerke, die insbesondere das Ziel verfolgen, ihre Betrachter zu erheitern. (Brassat/Knieper 2017: 775 f.; Knieper 2002: 15 f.)

Groteske und satirische Darstellungen finden sich bereits deutlich vor dem 17. Jahrhundert. Man denke dabei nur an Papyri, kleinere Skulpturen oder Vasen-, Wand- und Buchmalereien. Im Spätmittelalter wird dieses Portfolio durch das öffentlich zur Schau gestellte Schandbild erweitert. Dabei wird eine geschmähte Person ‚in effigie‘ an den Pranger gestellt, auf ein Folterrad gespannt, am Galgen aufgehängt oder in einer erniedrigenden Pose gezeigt. In frühen satirischen Drucken werden das Leben am Hof, die Geistlichkeit, der Ablasshandel oder der allgemeine Sittenverfall bloßgestellt. Mit dem Einzug der reformatorischen Bildpublizistik werden reale Ereignisse und Personen angeprangert. Allerdings wird deren Physiognomie weitgehend realistisch wiedergegeben und ist noch nicht dysmorph übersteigert. Das karikierte Portrait wird in der politischen Satire erst mit der Wende zum 18. Jahrhundert eingeführt (Brassat/Knieper 2017: 775).

Gianlorenzo Bernini (1598-1680) entwickelte die Kunst der Karikatur weiter, indem er in die Zeichnungen neben den Äußerlichkeiten der dargestellten Person auch deren innerstes Wesen einfließen ließ. So wurden nicht nur hässliche Körpereigenschaften übertrieben, sondern die gesamte Person aufgrund ihres Charakters bzw. ihrer Charaktereigenschaften dem Spott preisgegeben. 1665 führte Bernini den Begriff ‚caricature‘ während seiner Tätigkeit am Hof von Ludwig XIV. in Frankreich ein. Dort kannte man bislang nur den Begriff ‚portrait chargé‘. Dennoch dauerte es bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts, bevor sich der Begriff ‚caricature‘ in Frankreich verbreitete. Heutzutage werden in Frankreich für Karikaturen, die über reine Portraitdarstellungen hinausgehen, Begriffe wie ‚dessin de presse‘, ‚dessin contestataire‘, ‚dessin d’actualité‘, ‚dessin politique‘ oder ‚caricature politique‘ verwendet (Brassat/Knieper 2017: 778; Knieper 2002: 16).

In England findet sich die erste Karikaturen-Definition Anfang der 1680er Jahre. Hier wird darauf verwiesen, dass Italiener Portraits, in denen menschliche Gesichter als Tierköpfe dargestellt werden, als Karikaturen bezeichnen. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts wird auf der Insel ausführlich diskutiert, ob Karikaturen den Qualitätsansprüchen künstlerischer Zeichnungen genügen würden. Insbesondere William Hogarth (1697-1764) lehnt Karikaturen als laienhaftes und dilettantisches Gekritzel ab. Karikaturen sind für Hogarth ein offener Sammelbegriff für Kinderzeichnungen, groteske Erfindungen oder willkürliche Formverletzungen. Für ihn ist ausschließlich eine detailgetreue Darstellung von Charakterköpfen oder grotesken Gesichtern Kunst. In Abgrenzung zu den ‚Caricaturas‘ spricht er bei der Kunstform 1743 von ‚Characters‘. In seiner Radierung ‚3 Characters – 4 Caricaturas‘ veranschaulicht er seine Argumentation (Brassat/Knieper 2017: 780 f.; Knieper 2002: 16 f.).

Insgesamt resultierte die in England geführte Diskussion in einem vergleichsweise offenen Karikaturenbegriff, der alle Kunstformen zulässt, die irgendwie mit physiognomischen Übertreibungen und Formverzerrungen arbeiten. Damit werden plötzlich etwa groteske Köpfe, überzeichnete Portraits, antike Gorgonen, gotische Wasserspeier, afrikanische Masken oder asiatische Buddha-Statuen allesamt weitgehend unreflektiert als Karikaturen bezeichnet. Erst mit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird ‚caricature‘ zu einem festen Oberbegriff für ‚political‘, ‚curious‘, ‚emblematical‘ und ‚comic prints‘. Damit findet man in England vergleichsweise früh eine sozialkritische und politische Dimension der Karikatur. Im 19. Jahrhundert wird dann rasch der Begriff ‚cartoon‘ oder später ‚political cartoon‘ verwendet (Brassat/Knieper 2017: 780 ff.; Knieper 2002: 17 f.).

Im 18. Jahrhundert kommt der Begriff Karikatur über das Französische in die deutsche Sprache. Für Deutschland ist der Begriff neu. Bislang kannte man nur Entsprechungen wie etwa Aftergestalt, Missgestalt, Missbild oder Fratzenbild. Schnell wird die Karikatur auch in Deutschland zu einem Sammelbegriff für Kunstwerke, die verzerrte oder deformierte Gesichter zeigen, bis hin zu allen möglichen Ausprägungen der Bildsatire (Knieper 2002: 18).

Gegenwärtiger Zustand:
Die Entwicklung des Begriffs war alles andere als gradlinig. Mit der inhaltlichen Belegung wurde vielfach gebrochen. Im Sinne Annibale Carraccis verstand man unter Karikatur noch die Hervorhebung und Übertreibung von Portraiteigenschaften. Im 18. Jahrhundert führte William Hogarth in Abgrenzung zur Karikatur als misslungener Zeichnung den Begriff ‚Characters‘ ein. Sowohl Carraccis als auch Hogarths Karikaturenbegriff ist gemein, dass es um die Darstellung isolierter Köpfe oder Figuren ging. Heutzutage findet sich der Begriff erweitert auf alle möglichen Formen der Bildsatire bis hin zur satirisch-politischen Pressezeichnung (Unverfehrt 1984: 353 f.).

Literatur:

Brassat, Wolfgang; Thomas Knieper: Die Karikatur. In: Brassat, Wolfgang (Hrsg.): Handbuch Rhetorik der Bildenden Künste. Berlin [Walter de Gruyter] 2017.

Knieper, Thomas: Caricature. In: Donsbach, Wolfgang (Hrsg.): The Blackwell International Encyclopedia of Communication. Oxford [Blackwell Publishing] 2008, S. 402-410.

Knieper, Thomas: Karikatur. In: Bentele Günter; Hans-Bernd Brosius; Otfried Jarren (Hrsg.): Lexikon Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden/Opladen [Westdeutscher Verlag] 2006, S. 121-122.

Knieper, Thomas: Die politische Karikatur: Eine journalistische Darstellungsform und deren Produzenten. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2002.

Unverfehrt, Gerd: Karikatur: Zur Geschichte eines Begriffes. In: Langemeyer, Gerhard; Gerd Unverfehrt; Herwig Guratzsch; Christoph Stölzl (Hrsg.): Bild als Waffe: Mittel und Motive der Karikatur in fünf Jahrhunderten. München [Prestel Verlag] 1984, S. 345-354.

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Thomas Knieper
*1961, Prof. Dr., Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Arbeitschwerpunkte: Digitale, strategische, visuelle und politische Kommunikation. Kontakt: thomas.knieper (at) uni-passau.de Foto: Universität Passau