Initiative Nachrichtenaufklärung

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Definition und Geschichte:
Die → Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. ist eine Nicht-Regierungsorganisation. Sie wurde 1997 an der Universität Siegen im Rahmen eines Forschungsprojekts unter der Leitung von Rainer Geißler und Peter Ludes gegründet. Das US-amerikanische → Project Censored (gegründet 1976) diente dabei als Vorbild. Beide Initiativen konzentrieren sich auf systematisch vernachlässigte oder zensierte, gesamtgesellschaftlich wichtige Themenbereiche. Aufgrund verschiedener Datenbanken, Rechercheseminare und Expertisen von Jurymitgliedern soll von der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) geprüft werden, ob über die ihr vorgeschlagenen Themen, in Würdigung ihrer Bedeutung, hinreichend umfassend in überregionalen, allgemein zugänglichen, weit verbreiteten Massen- und Netzmedien berichtet wurde. Zu den Gründungsmitgliedern der INA gehörten die damaligen Leiterinnen der wichtigsten Journalistenschulen in Berlin und Hamburg, Imme de Haen und Ingrid Kolb, sowie die Sozialwissenschaftler Peter Ludes (Initiator), Wolfgang Langenbucher, Ulrich Saxer und Georg Schütte, sowie der damalige Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbands Hermann Meyn. Jörg-Uwe Nieland, Elvira Claßen, Robert Kaiser, Christiane Schulzki-Haddouti, Rita Vock und Miriam Bunjes leiteten in den ersten Jahren, Ulrike Spree, Leif Kramp, Anna-Lena Meinheit und Edith Dietrich seither INA-Rechercheseminare an mehreren Universitäten.

Es ging bei der Gründung der INA aber nicht nur um die jährliche Veröffentlichung der Top Ten vernachlässigter → Nachrichten, sondern auch um die Förderung eines → investigativen Journalismus, in den ersten Jahren in Kooperation mit Jury-Mitgliedern wie Christoph-Maria Fröhder und Hans Leyendecker, → Netzwerk Recherche.

Unter der Geschäftsführung von Horst Pöttker und Tobias Eberwein (Dortmund), dann Hektor Haarkötter (Köln und Bonn-Rhein-Sieg) wurde die INA weiterentwickelt (Haarkötter 2016; Haarkötter/Nieland 2017). Gemeinsam mit dem → Deutschlandfunk hat die INA im Jahr 2015 hierfür das → Kölner Forum für Journalismuskritik ins Leben gerufen und verleiht dabei den Günter-Wallraff-Preis. Der Namensgeber ist Ehrenmitglied der INA.

Horst Pöttker wertete Erfahrungen des Project Censored und der INA aus und resümierte als Hauptgründe der Vernachlässigung „Zensur, Tabus, → Nachrichtenfaktoren, volkspädagogisches Selbstverständnis, Hyperkomplexität, ‚junk news‘ und Schweigen über das Schweigen“. Insbesondere gelte: „Je komplizierter ein Problem, desto höher ist das Risiko, dass es nicht aufgegriffen wird.” (Pöttker 2014: 24) Ein Ziel der INA ist es deshalb, zu Aufklärungen darüber beizutragen, warum → Falschmeldungen über bestimmte soziale Entwicklungen dominieren und wer von systematischen Vernachlässigungen und Verzerrungen profitiert.

Im Rückblick auf ihre ersten vier Jahrzehnte wählte die Jury von Project Censored, zu der inzwischen auch zwei Vertreter der INA gehören, im Jahre 2016 die Themen aus, die von ihrer Jury als nachhaltig besonders wichtig eingestuft wurden: (1) Der Mythos einer Verringerung der Rassendiskriminierung (Nr. 1 im Jahre 1977) in den USA, (2) Die kriminellen Machenschaften großer Unternehmen (1979 und 2000) und (3) Die wachsende Ungleichheit privater Vermögen als Gefahr für Wirtschaft und Demokratie (2005 und 2016) (Project Censored Yearbook 2016: 164).

Multinationale Weltunternehmen (s. zum Beispiel die Jahresberichte von Alphabet Inc., Amazon, Apple und Facebook) organisieren immer umfassendere digitale Infrastrukturen der vernetzten Identifizierung, Des-/Orientierung, Ex-/Kommunikation und Koordination. Ihre Forschungs-Institute, v. a. für Künstliche Intelligenz, steigern ihre monopolistischen Privilegien und Geheimhaltungsstrategien für Profit- und Überwachungs-Zwecke, die oft jenseits öffentlicher Überprüfbarkeit bleiben. Die kritischen → Teil-Öffentlichkeiten in verschiedenen Foren reichen nicht aus, hier zu umfassender Nachrichtenaufklärung beizutragen (s. die Project Censored Yearbooks, → Cologne Futures und → Debatte zur Meinungsfreiheit) und die Auswertung von ‚Big Data‘ für ‚Big Money‘ zu kontrollieren. Denn globale Konzerne, die Steuern hinterziehen und Wettbewerbschancen für Konkurrenten auszuschalten versuchen, haben die Infrastruktur digital vernetzter Kommunikationsmittel und Ausdrucksformen  bereits weitgehend unter ihre Kontrolle gebracht. Zugleich ermöglichen sie „brutal banalisierende“ (Ludes 2018) asoziale und → soziale Netze, die durch öffentlich kaum durchschaubare Algorithmen und (Werbe-) Geldflüsse organisiert werden. Diese Unübersichtlichkeit, intensiviert durch Geheimdienste und das Dark Net, erfordert neue Institutionen demokratisch legitimierter und kontrollierter Expertise und Kontrolle.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Initiative Nachrichtenaufklärung muss immer wieder auf neue Informations- und Verschleierungsumbrüche reagieren. Allgemein wichtiger werden zum Beispiel die Internationalisierung und Globalisierung von Märkten, Umweltrisiken und Pandemien, grundlegende Veränderungen des Informationsverständnisses und abgeklärter Aufklärung, ebenso wie die Aufdeckung systematischer Zensur und Diskriminierung. Deshalb ist die weiterhin nationalstaatlich orientierte und durch die jeweiligen Sprachen begrenzte Themenauswahl der Initiative Nachrichtenaufklärung und von Project Censored zu überwinden. Druck- und → Rundfunkmedien, Netzmedien und -foren, Selbstdarstellungen und Des-/Informationsfetzen verbreiten neue Verhaltensmuster und Ex-/Kommunikationsmittel. Systematisch überprüfbare, allgemeiner verständliche Informationen erfordern hiergegen professionelle Expertise, angemessene Arbeitsbedingungen und Recherche-Zeit. Ähnlich wie beim Klimawandel kommt es in Blasen von Verdunkelungsspezialist*innen sonst zu Verschleierungs-Kipppunkten, nach denen eine gründliche journalistische Aufklärung kaum noch möglich wird.

Wie selbstverständlich eingeübte Diskriminierungen sollten zudem weitaus stärker aufgeklärt werden. Hierzu gehören rassistische Vor(ur)teile in der Bildung, bei Bewerbungen und am Arbeitsplatz, bei Polizeikontrollen und in der medialen Berichterstattung (Hasters 2019). Die Nachwirkungen von Kolonialismus sowie die Ausbeutung und der Ausschluss von Bevölkerungsgruppierungen aufgrund von Migrationshintergrund oder sexueller Orientierung erfordern verstärkte Beachtung (Kumar 2020). Massen- und Netzmedien, Chatrooms und Plattformen führen zu Ausgrenzungen, die fundamentale Rechte betreffen: Staatsbürgerschaften, den Schutz vor innerstaatlicher und zwischenstaatlicher Gewalt oder das Recht auf Schulausbildung. Die Privilegien und der Lobbyismus globaler Macht- und Vermögenseliten (Phillips 2018) und die Triebkräfte von Kapital und Ideologie (Piketty 2020) werden ebenfalls zu wenig öffentlich aufgeklärt.

Literatur:

Haarkötter, Hektor: Kein Thema?! Informationsfreiheit und Nachrichtenvernachlässigung. Communicatio socialis 49, 2016, S. 367-376.

Haarkötter, Hektor; Joerg-Uwe Nieland (Hrsg.): Nachrichten und Aufklärung. Medien- und Journalismuskritik heute: 20 Jahre Initiative Nachrichtenaufklärung. Wiesbaden [Springer VS] 2017.

Hasters, Alice: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten. Berlin [Carl Hanser] 2019.

Huff, Mickey; Andy Lee Roth (Hrsg.): Project Censored Yearbooks. New York/Oakland [Seven Stories].

Kumar, Keval J.: Censorship. The International Encyclopedia of Gender, Media, and Communication. 2020. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/epdf/10.1002/9781119429128.iegmc058

Ludes, Peter: Brutalisierung und Banalisierung. Asoziale und soziale Netze. Wiesbaden [Springer VS] 2018.

Phillips, Peter: Giants: The Global Power Elite. New York/Oakland [Seven Stories] 2018.

Piketty, Thomas: Kapital und Ideologie. München [Beck] 2020.

Pöttker, Horst: Geheim, verdrängt, unbekannt. Lücken von Öffentlichkeit: Worüber Medien gern schweigen – und warum sie das tun. In: medien & zeit, Kommunikation in Vergangenheit und Gegenwart, 29, 2014, S. 13-30.

 

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Peter Ludes
*1950, Prof. i.R., z.Zt. Gastprofessor an der Universität zu Köln. http://chinastudien.phil-fak.uni-koeln.de/37210.html Er hat in Trier und (als Fulbright-Stipendiat) an der Brandeis University (USA) studiert. Nach seiner Promotion in Soziologie war er von 1978 bis 1987 Wiss. Assistent in Wuppertal, 1981/82 Gastprofessor an der kanadischen University of Newfoundland, 1987 Gastdozent an der Universiteit van Amsterdam und 1989 Research Fellow am Center for European Studies der Harvard University. 1987 bis 2000 war er Mitglied im DFG-Sonderforschungsbereich Bildschirmmedien (1995 bis 2000 als 2. Sprecher), 1994 bis 2002 apl. Professor für Kultur- und Medienwissenschaft an der Universität Siegen - dort 1997 Gründung der Initiative Nachrichtenaufklärung; 1994 bis 1996 Vertretungsprofessur für Medien- und Kommunikationswissenschaft in Mannheim; 2001 Gastprofessur in Konstanz. Professur für Massenkommunikation, IUB bzw. Jacobs University Bremen, 2002 bis 2017.