Anreißer

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In der Umgangssprache nennt man Anreißer jene Verkäufer, die auf dem Markt ihre Ware lauthals anpreisen. Das Verb ‘anreißen’ steht auch für das Vorzeichnen (‘Ritzen’) von Linien auf Werkstücken. Ei­ne Pralinenschachtel kann man anreißen (anbrechen), im Gespräch lässt sich ein Thema anreißen, und einst riss man ein Zündholz an. Das macht die Bedeutung der journalistischen Metapher ‘An­reißer’ schon offensichtlich: Gemeint ist damit in der Zeitungs­spra­che ein Text, der Interesse wecken und auf eine ausführliche Darstellung neugierig ma­chen soll.

Dabei darf er noch nicht allzu viel vorwegneh­men. Anreißer sind nur wenige Zeilen kurz. Sie kön­nen wie eine nachrichtliche → Meldung gebaut sein, das Wesentliche als ‘Summary’ zusammenfassen oder die el­liptische (syntak­tisch un­vollstän­di­ge) Form einer → Überschrift annehmen (Beispiele: „Blatter kassierte mehr als drei Millionen Euro – Ex-Fifa-Chef klagt gegen seine Suspendierung“ / „Stadtwerke auf der Sonnenseite – Größte Anlage für Photovoltaik eröffnet“ / „Mittagspause – Gesünder essen im Büro“). In jedem Fall verweist die Redaktion am Ende des Anrei­ßers deutlich mit Rubrik und Seitenzahl auf jene Stelle im Blatt­innern, wo die Leser mehr erfahren.

An­reißer stehen in der Regel auf der Titelseite einer Zeitung und sind in der linken oder rechten Außenspalte vertikal oder unter dem Zeitungskopf hori­zontal gruppiert. Im Zeitungsdesign ist hierfür auch der Begriff ‘Promoleiste’ (abgekürzt von engl. promotion = Werbung, Anpreisung) üblich. Der Onli­nejour­nalismus hat das Prinzip des Anreißers als → Teaser übernommen (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

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Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus(at)ijk.hmtm-hannover.de

Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben.