Massenmedien

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Definition:
Massenmedien wirkten über ein Jahrhundert lang als Faktoren der privaten und öffentlichen Meinungsbildung. Der Begriff hat mehrere Dimensionen:

  • Technik. Die Techniken der Aufzeichnung, Speicherung, Vervielfältigung und Wiedergabe von Texten, Bildern und Tönen in Presse, Film und Rundfunk ermöglichen eine nahezu beliebige Skalierbarkeit von Produktion und Verbreitung.
  • Professionalisierung. Es haben sich Berufe mit eigenen Qualifikationen und Statushierarchien entwickelt.
  • Institutionalisierung. Kennzeichen der Massenmedien sind viele durch ständige Wiederholung verfestigte Elemente – Gestaltungsmittel, inhaltliche Formate, Publikationstermine und die dafür benötigten Organisationsformen. Institutionalisiert und ritualisiert ist auch der Kontakt der Rezipienten mit den Medien.
  • Kommerzialisierung. Ein → marktwirtschaftliches Umfeld prägt entsprechende Erfolgs- und Entscheidungskriterien, die auch die Auswahl der produzierten Inhalte in ihrer Kombination von Information, Unterhaltung und Dienstleistungen verschiedenster Art beeinflussen.
  • Wissensform. Massenmedien fügen sich widerspruchsfrei in das hierarchische und dialogfreie System des Wissenserwerbs ein, das im typographischen Zeitalter aufgebaut wurde. Es begünstigt eindeutige und zeitlos gültige Aussagen (Giesecke 2002).
  • Kommunikationsform. Massenmedien sind Verbreitungsmedien, die ihrem → Publikum keine unmittelbaren Reaktions- und Dialogmöglichkeiten anbieten. Allenfalls die Medienforschung unterstützt die Entwicklung von Erfolgskriterien durch die unablässige Generierung von Daten über Publikumsreaktionen.
  • Publikum. Die Rezipienten sind in ihrer Zusammensetzung divers, bleiben für die Anbieter weitgehend anonym und werden aufgrund der technischen Bedingungen der Massenmedien uniform angesprochen (Maletzke 1963).
  • Massenwirkung. Abgesehen von wissenschaftlich unbelegten → Manipulationseffekten können Massenmedien unbestritten große Publika zeitweilig auf ein Thema konzentrieren bzw. ‚Gemeinschaftserlebnisse‘ schaffen.

Der Ausschluss von Büchern aus dem Konzept der Massenmedien ist dadurch begründet, dass die Buchwelt nicht durchgängig institutionalisierbar und ihr Publikum nicht uniform ansprechbar ist. Bücher allein, ohne Unterstützung der Massenmedien, bestimmen nicht die Agenda der → öffentlichen Debatte.

Online-Medien basieren auf einer grundsätzlich anderen Kommunikationsform als Massenmedien. In kontinuierlich mitlaufenden und oft maschinengestützten Dialogen produzieren sie eine Wissensform, die offen mit Unwissen und generell Ungewissheit umgeht. Einzelne digitale Kommunikationsplattformen können zwar so viele Menschen erreichen wie das lineare Fernsehen, aber die Kontakte sind von den Nutzern selbstbestimmt, nicht das Ergebnis einer massenmedialen Diffusion.

Geschichte:
Die Etablierung von Massenmedien markiert die Auslaufphase der typographischen Epoche, die mit Gutenbergs Erfindung begann und zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre stärkste Ausprägung fand. Im Drucksektor schufen Rotationspresse und Linotype-Satz seit den 1880er Jahren die Voraussetzung für Massenauflagen von Zeitungen und Zeitschriften. Begleitende medientechnische Entwicklungen wie Telegrafie und Fernschreiber sowie ökonomische Institutionen wie das Presse-Grosso sicherten der Presse über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus den Status eines Leitmediums für die politische und kulturelle Meinungsbildung.
Im Filmsektor entstand zwischen 1895 und dem Ersten Weltkrieg bereits ein globaler Wettbewerb um die Technik sowie die Produktion und Verbreitung von → Inhalten. Während des Zweiten Weltkriegs und auch am Ende der 1950er Jahre gab es in Deutschland jährlich über eine Milliarde Kinobesuche – inzwischen ist die Besucherzahl auf ein Zehntel dieser Werte gesunken.

Das in Deutschland 1923 gegründete → Radio erreicht nach einer technisch unvollkommenen Anfangsphase in den 1930er ein Massenpublikum. Um 1930 gibt es 3 Millionen angemeldete Rundfunkgeräte, 1943 dann 16 Millionen. Anders als die Zeitung ist das deutsche Radio vor 1945 kein journalistisches Informationsmedium. Im gleichgeschalteten NS-Rundfunk nimmt die massenattraktive Unterhaltung zu, die ‚Bunten Abende‘ des Radios sind das Vorbild für spätere Fernseh-Unterhaltungsshows. Nach 1945 entwickelt sich das Radio auch durch die UKW-Verbreitung zu einem in den Alltag integrierten medialen Begleiter.

Weihnachten 1952 startet das deutsche Fernsehen, nimmt im Laufe weniger Jahre einen rasanten Aufschwung und ist 1965 in der Hälfte der westdeutschen Haushalte präsent. Seine Nutzung trägt zur Verdrängung des Kinos bei und erzeugt durch die seit 1962 praktizierten weltweiten Satellitenübertragungen das Gefühl einer globalen Vernetzung (McLuhan 1992). Die Vervielfältigung der Kanäle durch Kabel, Satellit und die Zulassung privater Veranstalter macht das Fernsehen um 2000 zum unangefochten wichtigsten Alltagsmedium.

Gegenwärtiger Zustand:
Seit Mitte der 1990er Jahre ermöglicht die Digitalisierung von Audio-, Video-, Speicher- und Übertragungstechniken nicht nur eine weitere Ausdehnung des Angebots, sondern auch seine Verbreitung über zunehmend leistungsfähigere Telekommunikationsnetze. Die Situation auf den Medienmärkten wälzt sich rapide um. Eine Vielzahl und Vielfalt digital vernetzter Geräte bietet den Zugriff auf Kommunikations-, Informations- und Unterhaltungsangebote, die nur noch teilweise mit den Massenmedien verzahnt sind und für den Alltag immer relevanter werden. Die Publikumsüberschneidungen zwischen linearem Fernsehen und Online-Videoangeboten liegen unter 20 Prozent (Beisch 2021). Eine Transformation der Printmedien zu Onlinemedien erweist sich als ökonomisch problematischer als die der Filmindustrie, für die durch Streaming-Plattformen neue Optionen geschaffen werden. Hörfunk und → Fernsehen können sich auf Nutzungsgewohnheiten stützen, die allerdings besonders beim Fernsehen in den jüngeren Alterskohorten erodieren. Als Informationsmedium hat das Internet 2021 in der Nutzung zum Fernsehen aufgeschlossen und es bei den unter 50-Jährigen bereits überholt (Reuters Institute 2021). Ein Verschwinden des linearen Fernsehens deutet sich allerdings nirgendwo an.
Das deutsche → Medienrecht hält mit dem Medienwandel nicht Schritt. Es ist auf die im Grundgesetz geschützten Massenmedien Presse, Rundfunk und Film fokussiert und respektiert Onlinemedien im Wesentlichen nur als Annexmedien oder intermediäre Plattformen.

Forschungsstand:

Die deutsche Bezeichnung ‚Massenmedien‘ übernimmt den in der US-amerikanischen Kommunikationsforschung seit etwa Mitte der 1920er Jahre verwendeten Begriff ‚mass media‘. Sie taucht Mitte der 1950er Jahre vereinzelt in soziologischen und publizistikwissenschaftlichen Arbeiten auf und setzt sich allgemeiner erst in den 1960er Jahren durch. Die Komponente ‚Medien‘ ist dabei in der deutschen Diskussion neu und völlig unbelastet. In den verfassungsrechtlichen Debatten des Parlamentarischen Rats 1948-49 über Presse, Rundfunk und Film kommt das Wort nicht einmal vor.
Anders der Begriff ‚Masse‘. Dieser ist durch die Massenkultur und Propaganda des Nationalsozialismus sowie durch die viel rezipierte massenpsychologische Literatur vorbelastet und daher zum Teil negativ konnotiert.
Die Masse wird in der Tradition von Scipio Sighele (1891) und Gustave LeBon (1895) als willenlos und manipulierbar beschrieben. Massen wird ein kollektives Unbewusstes, eine Art ‚Massenseele‘ zugeschrieben. Der Soziologe Gabriel Tarde (1901) hingegen unterscheidet Masse und Publikum. Die kontinuierliche vernetzte Kommunikation ist das Band, das die Masse zusammenhält. Das Publikum kann auch durch Medien – Tarde bezieht sich dabei auf die Presse – per ‚Fernwirkung‘ assoziiert werden. Die Zeitungen benötigen als Resonanzboden allerdings eine präexistente Konversation, um ihre Beiträge zum Klingen bringen zu können.

Die → Massenkommunikationsforschung beginnt mit Paul Lazarsfeld, der 1932 die Präferenzen von österreichischen Radiohörern erforscht und in den USA später das Radio Research Project leitet, und Harold Lasswells Propagandaforschung. Bis in die 1970er Jahre gibt es eine breite Übereinstimmung im Hinblick auf mediale Effekte. Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas sehen in den Massenmedien, besonders dem Fernsehen, Instrumente zur Erschleichung eines widerstandslosen gesellschaftlichen Einverständnisses mit den bestehenden Zuständen. Deshalb tragen sie ihrer Ansicht nach auch zum Zerfall der politischen Öffentlichkeit bei.

Niklas Luhmann beschreibt Mitte der 1990er Jahre die Massenmedien auf dem Höhepunkt ihrer Geltung und konstatiert unter anderem ihre kulturelle Wirkungspotenz: „Ohne Reproduktionen gäbe es keine Originale, ohne Massenmedien wäre Kultur nicht als Kultur erkennbar“ (Luhmann 1996: 155). Massenmedien prägen früher geltende Wahrnehmungs- und Erkenntnismuster. Luhmanns Buch beginnt mit einem Satz, der – angesichts des heutigen Substanz- und Relevanzverlusts der Massenmedien – inzwischen als historisch bedingt erscheint: „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“ (ebd.: 7).
Luhmann unterscheidet noch die drei massenmedialen ‚Programmbereiche‘ Information, Werbung und Unterhaltung. Deren Grenzen verwischen sich allerdings in der Online-Kommunikation zunehmend. Auch die systemstabilisierenden und bewusstseinskonstituierenden Potenzen der Massenmedien schwinden. An ihre Stelle treten Unsicherheit über den Status einer Information, sprunghafte Themen- und Genrewechsel und ein zersplittertes inhaltliches Angebot. In Verbindung mit dem systemverändernden Faktor der → Nutzerinteraktion wird nicht nur eine andere Medienwelt erzeugt, sondern auch eine andere Wahrnehmung der Welt durch die Medien.

Literatur:

Adorno, Theodor W.: Soziologische Exkurse. Frankfurt am Main [Europäische Verlagsanstalt] 1956.

Beisch, Natalie; Andreas Egger; Carmen Schäfer: Bewegtbildmarkt in Bewegung: Videonutzung habitualisiert sich in mittlerer Altersgruppe. In: Media Perspektiven, 10, 2021, S. 518–540.

Giesecke, Michael: Von den Mythen der Buchkultur zu den Visionen der Informationsgesellschaft Trendforschungen zur kulturellen Medienökologie. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 2002.

Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. Mit einem Vorwort zur Neuauflage 1990. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 1990.

Lasswell, Harold; Dorothy Blumenstock: World Revolutionary Propaganda. A Chicago Study. New York, London [Alfred A. Knopf] 1939.

Lazarsfeld, Paul F.; Frank N. Stanton (Hrsg.): Radio Research 1942-43. New York [Duel, Sloan and Pearce] 1944.

LeBon, Gustave: Psychologie der Massen (Original: Psychologie des foules, 1895). 4. Auflage. Stuttgart [Kröner] 1922.

Luhmann, Niklas: Die Realität der Massenmedien. 2. Auflage. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1996.

Maletzke, Gerhard: Psychologie der Massenkommunikation. Hamburg [Hans-Bredow-Institut] 1963.

McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle. ‚Understanding Media‘. Düsseldorf, Wien, New York, Moskau [Econ] 1992.

Postman, Neil: Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business. New York [Penguin] 1985.

Reuters Institute: Digital News Report. Hamburg [Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut] 2021.

Rotermund, Hermann: Nach dem Rundfunk. Die Transformation eines Massenmediums zum Online-Medium. Köln [Halem-Verlag] 2021.

Sighele, Scipio: Die Psychologie des Auflaufs und der Massenverbrechen (Original: La folla delinquente, 1891). Dresden, Leipzig [Carl Reissner] 1897.

Tarde, Gabriel: Masse und Meinung (Original: L’opinion et la foule, 1901). Konstanz [Konstanz University Press] 2015.

Thompson, John B.: The Media and Modernity. A Social Theory of the Media. Cambridge [Polity Press] 1995.

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Prof. Dr., lehrte Medienwissenschaft an der Rheinischen Fachhochschule Köln und an der Leuphana-Universität Lüneburg. Er studierte in Frankfurt am Main Soziologie und Germanistik und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter, freier Autor, Kurator und mit einer eigenen Verlagsagentur tätig. Von 1996 bis 2000 war er an der Gründung öffentlich-rechtlicher Onlinemedien beteiligt. Forschungsinteressen: Medienwandel, Geschichte des Formbegriffs. Website: http://weisses-rauschen.de