Qualität

    Eine Einführung von Holger Handstein

    Wortherkunft: lat. qualitas = Beschaffenheit, Eigenschaft

    Qualität lässt sich als konkrete, individuelle Eigenschaft einer Sache definieren. Sie bezeichnet die Güte einer Ware oder Dienstleistung sowie allgemein die Beschaffenheit einer Einheit in Bezug auf an sie gestellte Forderungen. Bezogen auf Journalismus wird Qualität 1.) wissenschaftlich als Güte entlang verschiedener Merkmalsgruppen (Dimensionen) diskutiert. 2.) hat sich darüber hinaus die Bezeichnung bestimmter überregionaler Medien als Qualitätszeitungen im Sprachgebrauch etabliert.

    Die journalistikwissenschaftliche Qualitätsforschung gewann im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts massiv an Bedeutung. Qualitätsforderungen wurden dabei aus verschiedenen Quellen abgeleitet – etwa aus Gesetzestexten und Pressekodizes, aus Vorstellungen des Publikums und von Journalisten selbst oder aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, etwa in Bezug auf → Verständlichkeit oder → Relevanzmessung. In jüngerer Zeit ist die systematische Auswertung von digital erhobenen Nutzungsdaten als weiterer wichtiger Faktor hinzugekommen. Zudem kann die Qualität mithilfe ökonomischer Maßstäbe erfasst werden als Fähigkeit eines journalistischen Produktes, sowohl den individuellen Nutzen der Rezipienten als auch der Anzeigenkunden und weiterer Anspruchsgruppen zu maximieren.

    1.) Die zur Diskussion und Messung von Qualität genutzten Kriterien und Dimensionen sind entsprechend heterogen. Sie betreffen ethische Fragen ebenso wie technische und handwerkliche. Beiträge zur Qualitätsdiskussion erörtern, wann → Aktualität gegeben ist, was → Relevanz ausmacht und wie sie erzeugt wird; wodurch sich gute → Recherche auszeichnet und wie bedeutsam → Vielfalt für Qualität im Journalismus ist; welchen Stellenwert gute Vermittlung hat und welche Rolle → Verständlichkeit dabei spielt. Und schließlich: welche Beziehungen und – unter Umständen – Widersprüche zwischen unterschiedlichen Dimensionen der Qualität bestehen. Ein breiter wissenschaftlicher Konsens existiert dabei allenfalls in Bezug auf einzelne Aspekte journalistischer Qualität – etwa die Bedeutung der sachlichen → Richtigkeit journalistischer Informationen oder der Notwendigkeit verständlicher Vermittlung.

    Nicht einmal über die Dimensionen, anhand derer Qualität gemessen werden sollte, besteht Einigkeit. Noch viel weniger Übereinstimmungen existieren über konkrete Qualitätsforderungen, die innerhalb dieser Dimensionen zu stellen sind. Einige Dimensionen und Qualitätsforderungen haben sich dennoch als besonders relevant für die Fachdiskussion herauskristallisiert. Neben den bereits genannten Dimensionen sind dies etwa: → Authentizität, → Personalisierung, → Plausibilität, → Quellenvielfalt, → Spannung, → Unabhängigkeit, → Universalität, → Unterhaltsamkeit, → Vollständigkeit und → Wahrhaftigkeit.

    2.) Relativ unabhängig von dieser wissenschaftlichen Diskussion ist die Bezeichnung bestimmter – meist überregionaler – Medien wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung oder der Zeit als Qualitätszeitungen. Sie basiert nicht auf einer systematischen Prüfung einer oder mehrerer der genannten Qualitätsdimensionen und drückt daher auch nicht die Eigenschaft bestimmter journalistischer Angebote aus, Qualitätsforderungen zu erfüllen. Vielmehr kennzeichnet der Begriff Medien mit besonders hohem Anspruch, etwa an Recherche oder das Themenspektrum, über das berichtet wird. Dadurch liegt allerdings nahe, dass Qualitätszeitungen Qualitätsforderungen bestimmter Gruppen (etwa politischer interessierter Teilöffentlichkeiten) eher erfüllen können als andere Medien.

    Literatur:

    Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

    Heinrich, Jürgen: Medienökonomie. Band 1. Mediensystem, Zeitung, Zeitschrift, Anzeigenblatt. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1994

    McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Holger Handstein
Holger Handstein
*1976, Dr., hat an der Technischen Universität Dortmund zum Thema Qualität im Journalismus promoviert. Er arbeitet als Kommunikationsberater in Köln. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Qualität im Journalismus, Verhältnis von Journalismus und PR. Kontakt: post (at) handundstein.de Holger Handstein hat einen Einführungsbeitrag zum Thema → Qualität im Journalismus geschrieben.

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Unabhängigkeit

Wortherkunft: abgeleitet vom Adjektiv ‘unabhängig’, dem Gegenteil von ‘abhängig’; dieses ist nachgewiesen seit dem 15. Jahrhundert, seit dem 18. Jahrhundert in der Bedeutung von ‘nicht selbstständig, angewiesen auf’

Der Begriff der Unabhängigkeit beschreibt einen Zustand, in dem jemand oder etwas nicht von jemand oder etwas anderem beeinflusst wird. Als journalistische Qualität bezeichnet Unabhängigkeit vor allem (1) die Freiheit journalistischer Organisationen und darin handelnder Personen von journalismusfremden Einflüssen. Insofern beschreibt diese Qualitätsdimension nur indirekt eine Eigenschaft journalistischer Beiträge. In erster Linie zielt sie auf die Qualität journalistischer Arbeitsprozesse. (2) In systemtheoretisch geprägten Beschreibungen ist Unabhängigkeit von anderen gesellschaftlichen Teilsystemen eine unabdingbare Voraussetzung für den Bestand des Systems Journalismus.

(1) Von unabhängigem Journalismus kann immer dann gesprochen werden, wenn Journalisten weder ihre → Relevanzentscheidungen noch Ausmaß oder Richtung ihrer Recherchetätigkeit von journalismusfremden Instanzen beeinflussen lassen. Relevanzentscheidungen schließen dabei Entscheidungen über Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung von Nachrichten ebenso ein wie Entscheidungen über die Aufnahme thematischer Teilaspekte in einzelne Beiträge und Entscheidungen über die Gewichtung von Beiträgen hinsichtlich Umfang, Platzierung und Gestaltung.

(2) Die vor allem von Niklas Luhmann geprägte Theorie sozialer Systeme beschreibt Journalismus, Massenmedien oder Publizistik als autopoietisch, also selbsterhaltend und nach eigenen Regeln operierendes System, das aufgrund systemeigener Kriterien Entscheidungen über die Veröffentlichung oder Nichtveröffentlichung von Informationen trifft. Innerhalb derartiger Ansätze hört Journalismus auf, Journalismus zu sein, sobald systemfremde Kriterien an die Stelle journalistischer Entscheidungsprogramme treten. Unabhängigkeit kann in diesem Sinne nie relativ gedacht werden – Journalismus ist entweder unabhängig, oder er hört auf zu existieren.

Die Unabhängigkeit des Journalismus kann durch eine Vielzahl gesellschaftlicher Teilsysteme beziehungsweise in anderen Bereichen der Gesellschaft handelnde Akteure bedroht werden. So ist denkbar, dass Erwägungen über den Machterhalt von Personen oder Organisationen (etwa Parteien), also politische Kriterien zu Einflussnahme auf Journalisten führen. Auch die strukturelle Abhängigkeit des Journalismus von wirtschaftlichen Ressourcen eröffnet Einflussmöglichkeiten. Daneben können etwa auch Interessen des Religions- oder Rechtssystems die Unabhängigkeit des Journalismus gefährden.

In der Bundesrepublik Deutschland wurden, wesentlich geprägt durch historische Erfahrungen in der Weimarer Republik und in der Zeit des Nationalsozialismus, verschiedene Vorkehrungen getroffen, um die Unabhängigkeit des Journalismus zu sichern. So schützt Artikel 5 des Grundgesetzes die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film. Darüber hinaus ist die Pressefreiheit in sämtlichen Pressegesetzen der Bundesländer verankert.

Für die konkrete Ausgestaltung dieser Rechte sind zudem verschiedene Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes maßgeblich. Unter anderem hat das Bundesverfassungsgericht den Begriff der öffentlichen Aufgabe der Presse geprägt. Diese besteht in der Information der Öffentlichkeit, der Artikulation der öffentlichen Meinung sowie der Kontrolle und Kritik des gesellschaftlichen Geschehens. Um diese öffentliche Aufgabe erfüllen zu können, werden der Presse verschiedene Privilegien eingeräumt – etwa die Zulassungsfreiheit, durch welche die jederzeitige Gründung von Presseunternehmen gewährleistet wird, den Informationsanspruch gegenüber Behörden oder das Zeugnisverweigerungsrecht zum Schutz von Informanten. Die Unabhängigkeit des Rundfunks im Speziellen soll durch eine staatsferne Organisation auch der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten sichergestellt werden.

Literatur:

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. [Suhrkamp] 1997

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Universalität

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Wortherkunft: gebildet nach lat. universus = gesamt und spätlat. universalitas = Gesamtheit

Universalität beschreibt branchenunabhängig die Allgemeingültigkeit einer Sache, einer Aktivität, eines Themas oder einer Abhandlung, die allumfassend und daher von generellem Nutzen ist oder auch von genereller Verpflichtung sein kann. Bezogen auf den Journalismus bezeichnet der Begriff (1) eines der vier grundlegenden Merkmale der Zeitung; (2) ein Ideal journalistischer Qualität.

(1) Universalität als Merkmal der Tageszeitung bezieht sich auf die inhaltliche Vielfalt der Zeitung: Prinzipiell erstattet sie Bericht über alle relevanten Entwicklungen in der Gesellschaft und ihrer Umwelt. Kein Thema ist ausgenommen. Bereits die Neuen Zeitungen des 16. Jahrhunderts zeichneten sich durch eine inhaltliche Vielfalt aus, die es angemessen erscheinen lässt, das Merkmal der Universalität als erfüllt anzusehen. Neben der vorherrschenden Berichterstattung über Politik und Militär kamen darin etwa auch juristische, medizinische und religiöse Themen sowie Sensationsmeldungen vor. Systematische Auswertungen von Flugschriften aus der gleichen Epoche wiesen zudem das Vorhandensein von Wirtschaftsberichterstattung schon zum damaligen Zeitpunkt nach. In modernen Massenmedien kommt die Universalität wesentlich durch die Gliederung in Ressorts wie → Politik, Wirtschaft, Sport, → Feuilleton, Wissenschaft, Panorama, Gesundheit, Reise, Internet und andere zum Ausdruck.

(2) Als Dimension journalistischer Qualität bezeichnet Universalität das Ziel, dem Publikum einen möglichst großen Teil des Universums, im Idealfall sogar die gesamte Welt zu vermitteln. Dies hat den Sinn, das Publikum nicht nur mit denjenigen Informationen zu versorgen, zu denen es sich aufgrund eigener Vorlieben ohnehin wenden würde, sondern auch mit bisher Unbekanntem, noch nicht Vertrautem. Universalität in diesem Sinne ist auf die Spitze getriebene Vielfalt – der Versuch also, durch die Berichterstattung über ein breites Spektrum an Themen, Akteuren und Orten ein differenziertes Bild der Realität zu zeichnen, das nicht durch einseitige Verzerrungen beeinträchtigt wird. Als Qualitätskriterium befindet sich → Vielfalt in einem Spannungsverhältnis zur Qualitätsdimension der → Relevanz, deren hervorstechendes Merkmal es ist, aus einer Ereignis- und Akteursfülle nur diejenigen zu selektieren, die für die Öffentlichkeit besonders bedeutsam sind.

In Deutschland wird medienpolitisch in den stärker regulierten Rundfunkmedien programminterne Vielfalt angestrebt, während Vielfalt in der Presse und bei Onlinemedien extern über ein weites Feld konkurrierender Medien mit unterschiedlicher redaktioneller Ausrichtung gewährleistet werden soll.

Literatur:

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. 2. Auflage. Köln [Böhlau/UTB] 2008

Unterhaltsamkeit

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Wortherkunft: Substantivierung des Verbs ‚unterhalten‘; abstammend vom spätmhd. ‚underhalten‘ sowie beeinflusst von frz. gleichbedeutend ‚entretenir‘

Als journalistisches Qualitätsmerkmal bezeichnet Unterhaltsamkeit die Eigenschaft eines Beitrags, aktiv zur Rezeption anzuregen und bei der Rezeption Freude zu bereiten. Die Qualitätsdimension Unterhaltsamkeit ist eng verwandt mit der → Verständlichkeit. Dies zeigt sich daran, dass das weit verbreitete Hamburger Modell der Verständlichkeit mit der Betonung der Bedeutung ‚Anregender Zusätze‘ in Texten bereits einen Aspekt enthält, der über die bloße Optimierung der passiven Rezipierbarkeit durch Einfachheit und eine gute Textstruktur hinausgeht.

Journalistische Beiträge sind nach Winfried Göpfert (1993) dann unterhaltsam, wenn sie das individuelle Interesse der Rezipienten treffen, Phantasie und Aktivität anregen, Informationen mit Spaß und Witz vermitteln, fesseln und durch → Spannung ‚Aha-Effekte‘ erzeugen. Unterhaltsamkeit in diesem Sinne ist nach Horst Pöttker (2010: 17) eine Eigenschaft, die für die Herstellung von Öffentlichkeit förderlich ist. Pöttker grenzt daher Unterhaltung deutlich von der Zerstreuung ab (ebd.: 17f.). Letztere behindert die Aufnahme unvertrauter Informationen tendenziell. Dagegen führt die Unterhaltsamkeit als Merkmal, das der Aufgabe des Journalismus dienlich ist, die Rezipienten zu solchen Inhalten erst hin. Unterhaltung ist im Journalismus eng an bestimmte Genres gebunden, die geeignet sind, Emotionen, Subjektivität und Humor zu transportieren. Zu diesen Genres zählen etwa Glosse, Satire und → Reportage.

Unterhaltsamkeit war historisch schon zu einem frühen Zeitpunkt Bestandteil des (Zeitungs-)Journalismus. So enthielt der im 17. Jahrhundert erschienene Nordische Mercurius Verse, feuilletonistische Elemente und eine literarische Utopie. Die der gleichen Epoche entstammende Zeitung Relation aus dem Parnasso veröffentlichte Korrespondentenberichte in der Form subjektiver Reiseerzählungen. Unterhaltender Darstellungsformen, etwa der Veranschaulichung von Ereignissen in Form filmähnlicher Illustrationsfolgen, bedienten sich sogar bereits die Neuen Zeitungen des 16. Jahrhunderts. Im Verlauf der Zeit gewann die Unterhaltsamkeit weiter an Bedeutung. Dies zeigte sich insbesondere im Deutschen Kaiserreich, als viele Zeitungen ihren Umfang ausweiteten. Davon profitierten vor allem → Feuilleton und Unterhaltungsteil. So konnte eine Inhaltsanalyse des Hamburgischen Correspondenten nachweisen, dass „phantasiebetonte Darstellungsformen“ 1906 ein Fünftel des Zeitungsinhalts ausmachten – 50 Jahre zuvor waren es lediglich zwei Prozent gewesen (vgl. Wilke 1998: 92, zit n. Wilke 1984).

Literatur:

Göpfert, Winfried: Publizistische Qualität: Ein Kriterien-Katalog. In: Bammé, Arno; Ernst Kotzmann; Hasso Reschenberg (Hrsg.): Publizistische Qualität. Probleme und Perspektiven ihrer Bewertung. München/Wien [Profil] 1993, S. 99-110

Pöttker, Horst: Zur Bedeutung des Sprachgebrauchs im Journalistenberuf. In: Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010, S. 9-20

Wilke, Jürgen: Nachrichtenauswahl und Medienrealität in vier Jahrhunderten. Eine Modellstudie zur Verbindung von historischer und empirischer Publizistikwissenschaft. Berlin/New York [De Gruyter] 1984

Wilke, Jürgen: Geschichtliche Bedingungen und Erscheinungsformen der Medien-Kulturkommunikation. In: Saxer, Ulrich (Hrsg.): Medien-Kulturkommunikation. Publizistik Sonderheft, 2, 1998. Opladen/Wiesbaden [Westdeutscher Verlag] 1998, S. 89-96

Wilke, Jürgen: Grundzüge der Medien- und Kommunikationsgeschichte. 2. Auflage. Köln [Böhlau/UTB] 2008

Verständlichkeit

Wortherkunft: Substantivierung des Adjektivs ‘verständlich’; abstammend vom im achten Jahrhundert gebrauchten althochdeutschen Wort ‘firstantan’ = wahrnehmen, erkennen

Der Begriff bezeichnet die Eigenschaft eines journalistischen Beitrages, die Aufnahme von Informationen und deren Einordnung durch Rezipienten zu ermöglichen. Eine möglichst hohe Verständlichkeit gilt als zentrales Instrument zur Sicherung des Erfolges journalistischer Kommunikation, denn Journalismus ist darauf angewiesen, ein möglichst breites Publikum zu erreichen, um seiner Aufgabe gerecht zu werden, die Öffentlichkeit über alle aktuellen und für sie relevanten Sachverhalte zu informieren.

Die ersten Versuche, systematisch die Verständlichkeit von Texten zu erforschen und zu verbessern, fanden bereits Ende des 19. Jahrhunderts in den USA und Russland statt. In den folgenden Jahrzehnten wurden vor allem im englischen Sprachraum große Anstrengungen unternommen, um die ‘Readability’ (Lesbarkeit) von Texten statistisch erfassbar zu machen. Das bekannteste Ergebnis dieser Bemühungen ist die 1948 von Rudolf Flesch veröffentlichte ‘Reading Ease’-Formel. Sie misst die Lesbarkeit von englischsprachigen Texten anhand der durchschnittlichen Satzlänge und der durchschnittlichen Wortlänge in Silben. Die Formel wurde in den folgenden Jahrzehnten weiterentwickelt und für andere Sprachen adaptiert. Zudem entwickelten Forscher neue, ausgefeiltere Lesbarkeitsformeln, die zum Teil auch speziell für die Auswertung durch Computer konzipiert wurden. Sie alle bezogen sich aber stets nur auf die Lesbarkeit, also die sprachlich-stilistische Ebene von Texten, die lediglich einen Teilaspekt der Verständlichkeit darstellt.

Einen umfassenderen Ansatz wählten die drei Psychologen Inghard Langer, Friedemann Schulz von Thun und Reinhard Tausch, als sie in den Jahren 1969 bis 1974 ihr als Hamburger Verständlichkeitskonzept bekannt gewordenes Modell der Textverständlichkeit entwickelten. In diesem Modell werden vier Merkmale der Verständlichkeit unterschieden: ‘Einfachheit’, ‘Gliederung-Ordnung’, ‘Kürze-Prägnanz’ und ‘Anregende Zusätze’.

Das Merkmal Einfachheit bezieht sich auf Wortwahl und Satzbau: Mit geläufigen und anschaulichen Wörtern sollen möglichst kurze und einfache Sätze gebildet werden. Schwierige Wörter sind zu erklären.

Das Merkmal Gliederung-Ordnung ist zum einen auf die innere Ordnung eines Textes bezogen. Das heißt: Sätze sollen sich aufeinander beziehen, die Informationen sollen in einer sinnvollen Reihenfolge stehen. Zum anderen betrifft das Merkmal die äußere Gliederung eines Textes. Demnach sollte deutlich werden, wenn Teile eines Textes zusammengehören, etwa durch Zwischenüberschriften. Zudem sollte ein Text durch Vor- und Zwischenbemerkungen gegliedert sein; Wichtiges kann von Unwichtigem durch Hervorhebungen oder Zusammenfassungen unterschieden werden. Je höher die beiden Merkmale Einfachheit und Gliederung-Ordnung ausgeprägt sind, desto verständlicher ist ein Text.

Dagegen gilt es bei den Merkmalen Kürze-Prägnanz und anregende Zusätze dem Modell zufolge, ein Mittelmaß zu finden. Eine extreme Ausprägung des Merkmals Kürze-Prägnanz ist ungünstig, weil eine sehr knappe Ausdrucksweise die Verständlichkeit ebenso vermindert wie eine sehr weitschweifige Ausdrucksweise. Weitschweifige Texte zeichnen sich zum Beispiel aus durch die Darstellung unnötiger Einzelheiten, Abschweifen vom Thema, Wiederholungen oder Füllwörter.

Unter ‘Anregende Zusätze’ fassen Langer und seine Kollegen Mittel, einen Text interessant zu gestalten. Dazu gehören etwa wörtliche Rede, rhetorische Fragen oder witzige Formulierungen. Anregende Zusätze verbessern vor allem in gut gegliederten Texten die Verständlichkeit. Ist ein Text schlecht gegliedert, bewirken sie das Gegenteil. Zu viele anregende Zusätze stehen zudem im Widerspruch zur Kürze.

Literatur:

Flesch, Rudolph: A new readability yardstick. In: Journal of Applied Psychology, 32(3), 1948, S. 221-233

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 9. Auflage. München [Ernst Reinhardt] 2011

Schneider, Wolf: Deutsch für Profis. Wege zu gutem Stil. München [Goldmann] 1999

Vielfalt

Wortherkunft: Rückbildung aus dem älteren Adjektiv ‘vielfältig’ aus dem 18. Jahrhundert

Vielfalt beschreibt die Verschiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit etwa einer Sache, einer Person, eines Themas, von Aktions- oder Rezeptionsmöglichkeiten. Vielfalt deutet auf eine Fülle verschiedener Ausprägungen hin. Im Journalismus bezeichnet der Begriff ein grundlegendes Qualitätskonzept, dessen Umsetzung teils durch das Rechtssystem verpflichtend vorgegeben ist.

Vielfalt als Dimension journalistischer Qualität ist dabei selbst sehr vielgestaltig. So unterscheidet Denis McQuail (1992) drei wesentliche Konzepte von Vielfalt: (1) Vielfalt als Spiegelung der gesellschaftlichen Unterschiede, (2) Vielfalt als Möglichkeit des Zugangs zu Medien für verschiedene gesellschaftliche Standpunkte und (3) Vielfalt als Vielzahl von Kanälen und Wahlmöglichkeiten.

(1) Unter den Begriff der Spiegelung fällt die Forderung, dass Medien die in der Bevölkerung herrschenden Unterschiede in Bezug auf Kultur, Meinung oder soziale Gegebenheiten wiedergeben, repräsentieren sollen. Vielfalt in diesem Sinne findet einen direkten Niederschlag in der journalistischen Berichterstattung.

(2) Die Forderung nach Zugang bedeutet, dass die verschiedenen Gruppen und Interessen, aus denen die Gesellschaft besteht, die Möglichkeit haben, ihre kulturelle Identität auszudrücken und am Leben zu halten – wenn es relevant ist. Die Möglichkeit des Zugangs zu Medien ist nach McQuail vor allem für oppositionelle, abweichende Stimmen wichtig, die entscheidend sind für Veränderungen und Wahlmöglichkeiten in einer Gesellschaft. Eine Frage des Zugangs zu Medien ist auch die in Medien herrschende → Quellenvielfalt – nur wessen Stimme Eingang in die journalistische Berichterstattung findet, kann als Teil dieser Berichterstattung wahrgenommen werden.

(3) Vielfalt als Vielzahl von Kanälen und Wahlmöglichkeiten für das Publikum schließlich impliziert die Betrachtung von Medieninhalten als Konsumgüter: Wenn die Konsumenten eine größere Auswahl haben, sind sie freier. Historisch zeigt sich eine Tendenz zur Vervielfältigung der zur Verfügung stehenden Kanäle – neben Printmedien traten zunächst Rundfunkmedien und schließlich Online-Medien, die ihrerseits in eine Vielzahl unterschiedlicher Kanäle zerfallen. Mit der Zahl der Kanäle steigen dabei nicht nur die Möglichkeiten des Medienkonsums; auch die Möglichkeiten des Zugangs zu Medien sind durch technische Innovationen und den Abbau von Zutrittsbarrieren vielfältiger und damit besser geworden.

Die unterschiedlichen Dimensionen von Vielfalt legen nahe, dass Vielfalt im Journalismus auf verschiedenen Ebenen hergestellt werden kann, etwa auf der Ebene einzelner journalistischer Beiträge, auf der Ebene der gesamten Berichterstattung eines einzelnen Mediums und auf der Ebene des → Mediensystems insgesamt. Ansatzpunkte für medienpolitische Eingriffe bieten vor allem die Ebene des Mediums und die Ebene des Mediensystems.

So wird in der Bundesrepublik Deutschland im Pressebereich und bei Online-Medien externe Vielfalt angestrebt. Dies bedeutet, dass es einzelnen Medien freigestellt ist, einseitig zu berichten. Das Mediensystem insgesamt soll dagegen dafür sorgen, dass Quellenvielfalt durch eine möglichst große Zahl möglichst unterschiedlicher Einzelmedien gewährleistet ist. Im Rundfunkbereich, wo traditionell aufgrund der technischen Gegebenheiten eine höhere Konzentration herrscht, wird dagegen interne Vielfalt verlangt: Die Rundfunksender sollen zwar nicht in einzelnen Beiträgen, wohl aber in ihrem Gesamtprogramm Meinungspluralismus gewährleisten, also die Vielfalt der in der Gesellschaft herrschenden Meinungen adäquat wiedergeben. Dies gilt grundsätzlich sowohl für öffentlich-rechtliche als auch für private Sender.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Schatz, Heribert; Winfried Schulz: Qualität von Fernsehprogrammen. Kriterien und Methoden zur Beurteilung von Programmqualität im dualen Fernsehsystem. In: Media Perspektiven, 11, 1992, S. 690-712

Vollständigkeit

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Wortherkunft: substantivische Ableitung aus dem Adjektiv ‘vollständig’, im Deutschen nachgewiesen seit dem 16. Jahrhundert.

Mit Vollständigkeit wird allgemein das Vorhandensein sämtlicher Bestandteile einer Sache, Situation oder Handlung bezeichnet. Synonym ist das Substantiv ‘Lückenlosigkeit’ gebräuchlich. Als journalistisches Qualitätskriterium ist Vollständigkeit in der Schnittmenge der beiden Qualitätsdimensionen → Richtigkeit und → Relevanz angesiedelt. Generell wird unter Vollständigkeit im journalistischen Sinne verstanden, dass ein Beitrag alle relevanten Informationen enthält, die zum korrekten Verständnis eines Sachverhaltes notwendig sind. Die Forderung nach Vollständigkeit im strengen Sinne, also nach der Aufnahme sämtlicher zu einem Thema verfügbaren Informationen in die journalistische Berichterstattung wird von der Journalismusforschung in der Regel verworfen – einerseits aus pragmatischen Gründen, andererseits aber auch, weil Vollständigkeit in dieser Ausprägung der journalistischen Kernaufgabe entgegensteht, ausschließlich für die → Öffentlichkeit bedeutsame Informationen für die Berichterstattung auszuwählen.

Zur Gewährleistung von Vollständigkeit in der Praxis und zu ihrer Messung in der Journalismusforschung wird oft auf die so genannten, im Journalismus weitgehend akzeptierten W-Fragen zurückgegriffen: Wer? Was? Wo? Wann? Wie? Warum? Woher? (auch: Welche Quelle?) Was folgt daraus?

Vollständigkeit bewegt sich nahe am Konzept der internen Relevanz – auch dabei geht es darum, möglichst alle wesentlichen Aspekte eines Themas in der Berichterstattung zu erfassen. Die Nähe zur Qualitätsdimension Relevanz wird zudem dadurch deutlich, dass gelegentlich auch der Rückgriff auf → Nachrichtenfaktoren als Vollständigkeitskriterien ins Spiel gebracht wird, obwohl diese eher zur Gewährleistung von Qualität im Hinblick auf die externe Relevanz der Berichterstattung dienen.

Schließlich gibt es auch eine gewisse Schnittmenge mit der Forderung nach Vielfalt oder sogar → Universalität. So dürfte die Berichterstattung am ehesten dann vollständig sein, wenn sie über eine Vielzahl möglichst vielfältiger Quellen verfügt und möglichst viele verschiedene handelnde Akteure berücksichtigt.

Literatur:

Hagen, Lutz M.: Informationsqualität von Nachrichten. Meßmethoden und ihre Anwendung auf die Dienste von Nachrichtenagenturen. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1995

Handstein, Holger: Qualität im lokalen Zeitungsjournalismus. Theoretischer Entwurf und empirische Fallstudie. München [AVM] 2010

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Volontär*in

Wortherkunft: Stammt aus der französischen Militärsprache zu Beginn des 17. Jahrhunderts: Der Volontier/Volonteur (frz. volontaire = freiwillig) ist der freiwillig ohne Sold dienende Soldat; ab Mitte des 19. Jahrhunderts in zivile Bereiche übertragen, v. a. beruflich in den kaufmännischen Bereich oder eine Redaktion (DWDS).

Definition:

Eine Volontärin/ein Volontär ist eine Auszubildende/ein Auszubildender in einer Redaktion, die sowohl in Medien als auch in der Presseabteilung anderer Wirtschaftsbetriebe angesiedelt sein kann. In der Regel dauert die Ausbildung zwei Jahre und wird tariflich vergütet (DJV).

Geschichte:
Der Journalismus galt bis ins 20. Jahrhundert hinein als Begabungsberuf. Mit der Verberuflichung ab Mitte des 19. Jahrhunderts stiegen die Anforderungen an die Qualifikationen und Kompetenzen der → Journalisten. Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann eine Diskussion um die Theorie-Praxis-Ausbildung, die bis heute andauert. Die ersten Verleger- und Journalistenverbände stritten über die Frage, ob Journalisten völlig frei in der Praxis ausgebildet und zusätzlich an einer Hochschule Zeitungskunde studieren sollten (Mohm 1964). In einer Resolution beschlossen die Delegierten bei der Versammlung des Reichsverbandes der deutschen Presse im Mai 1913, dass die „praktische journalistische Berufsbildung […] gemeinsame Sache der Verleger und Journalisten“ und „nur im Zeitungsbetriebe selbst möglich“ sei (Mohm 1964: 44). Die Verbände sollten Ausbildungsmöglichkeiten erörtern und feststellen, „welche Zeitungen gewillt und geeignet sind, Volontäre aufzunehmen und zu schulen“ (ebd.). Gleichzeitig sollten auf die neu einzurichtenden Lehrstühle für Zeitungskunde Persönlichkeiten berufen werden, „denen Erfahrungen aus der Praxis zur Verfügung stehen“ (ebd.).

Die beiden Weltkriege unterbrachen die Debatte, die nach 1945 aber schnell wieder aufgenommen wurde. In deren Zentrum blieb die Uneinigkeit in der Frage der notwendigen Akademisierung in Form von Journalistik-Studiengängen an Universitäten und Hochschulen, deren Zahl ab den 1970er Jahren (Hömberg 2002;  Harnischmacher 2010) stark anstieg. Für das Volontariat wurden Grundsätze formuliert, die der Deutsche Journalistenverband DJV als unverbindliche „minimale Rahmenbedingungen“ betrachtete (DJV 2020). Rechtssicherheit brachte erst der 1990 in Kraft getretene Tarifvertrag, der 2016 überarbeitet wurde und frühestens ab Ende 2020 kündbar ist (BDZV 2016). Das Volontariat muss demnach in mindestens drei Ressorts oder Themenfeldern absolviert werden; ein → Ausbildungsredakteur trifft sich regelmäßig mit den Auszubildenden; außerdem sind im Ausbildungsplan auch außerbetriebliche Maßnahmen festzulegen, wie beispielsweise Seminare an Akademien.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Zweigleisigkeit des akademischen und des berufspraktischen Weges in den Journalismus besteht bis heute. In Studiengänge wie die an den Universitäten Dortmund und Leipzig sind Volontariate integriert, in andere wiederum Pflichtpraktika, die allerdings ein Volontariat im Medienunternehmen (auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk) nicht ersetzen. Verlage (wie Springer, Burda, Gruner & Jahr) und private Rundfunkanstalten (wie RTL) betreiben Journalistenschulen; andere Träger (wie z. B. Kirchen, Verbände) finanzieren Akademien und Programme zur Aus- und Weiterbildung. Die großen Journalistenorganisationen DJV und dju geben Empfehlungen zu Volontariaten (Überblick in DJV 2020).

Der Abschluss des Ausbildungstarifvertrages war ein wichtiger Schritt zur weiteren Professionalisierung der Journalistenausbildung. Zwischen Verlagen und Volontären werden Verträge abgeschlossen, die Struktur, Ziele, Aufgaben und Inhalte der Ausbildung festschreiben (DJV-AG Bildung 2008, AG Volontariat Bayern 2018). Aber bis heute wird die herrschende Praxis in vielen Häusern kritisiert: Es bleibe häufig beim Learning by Doing, die verlagsinternen Schulungen seien mangelhaft und die Ausbildungsbeauftragten überfordert (Kaiser 1992). Auch Jahre später besteht die Kritik an mangelnder Betreuung, zu starker Praxisfokussierung und am Einsatz der Auszubildenden als volle Arbeitskräfte (Feyder 2000). Aktuell werden die Einstiegsmöglichkeiten in die Branche als „so gut wie seit Jahren nicht mehr“ bewertet (Schröder 2019: 12): Das Angebot hat sich vervielfacht und ausdifferenziert: „Rund 1400 Tageszeitungen (mit ihren Regionalredaktionen) bieten Volontariate an“ (Schröder 2019: 12). Zusätzlich zu Volontärsstellen bei Verlagen, öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunksendern sowie den über 65 Studiengängen konstatieren Experten ein „Überangebot an Ausbildungsmöglichkeiten“ (Schröder 2019: 13). Allerdings interessieren sich immer weniger junge Menschen für ein Volontariat, insbesondere bei Lokalzeitungen (Schneider 2019) – obwohl mittlerweile crossmediale Kompetenzen auf der Ausbildungsagenda stehen.

Forschungsstand:
Das Volontariat war und ist nie eigenständiger Forschungsgegenstand, sondern eingebettet in das Thema → Journalisten-Ausbildung (Altmeppen/Hömberg 2002; Harnischmacher 2010; Gossel/Konyen 2019; Dernbach 2019). Die Akademisierung in der Branche setzt sich fort: In der Mehrheit haben → Redakteure ein sozial-, geistes- oder kulturwissenschaftliches Studium abgeschlossen, seit Jahrzehnten steigt aber auch der Anteil der Absolventen im Studienfeld Journalistik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, mit im Lehrplan verankerten praktischen Seminaren; gleichzeitig ist das Volontariat fester Teil der beruflichen  Laufbahn. Im Sammelband von Britta Gossel und Kathrin Konyen sind sowohl die Bilanzen der hochschulgebundenen als auch der Praxis-Ausbildung selbstkritisch positiv. Aber eine empirische Studie (Gossel 2019) zeigt, dass die Digitalisierung einerseits und die seit Jahren fortschreitende Selbstständigkeit neue Kompetenzen erfordern, vor allem technische im Umgang mit den digitalen Verbreitungskanälen und unternehmerische als freie Journalisten. Die Ausbildungseinrichtungen stellen sich darauf offensichtlich nur langsam ein. Angesichts des rasanten Wandels der Medien und des Journalismus wird sich dieses Dilemma so schnell nicht auflösen: Für die Ausbildungseinrichtungen bleibt weiter die Herausforderung bestehen, ob sie Volontäre „fit für den Markt“ machen und/oder sie zeitgemäß auf den Beruf und ihre Tätigkeit in ihrem Unternehmen vorbereiten (Gossel/Konyen 2019b).

Literatur:

Altmeppen, Klaus-Dieter; Walter Hömberg: Traditionelle Prämissen und neue Ausbildungsangebote. Kontinuitäten oder Fortschritte in der Journalistenausbildung? In: dies. (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2002, S. 7-13.

Arbeitskreis Volontariat Bayern:  Muster-Curriculum für die Ausbildung von Volontären und Volontärinnen in Bayern, 2018. https://volontariat-bayern.de/de/infos-rund-ums-volontariat [20.07.2020]

BDZV: Tarifvertrag über das Redaktionsvolontariat, 2016. https://www.bdzv.de/fileadmin/user_upload/Tarifvertrag_Volontariat_Tageszeitungen_2016.pdf [20.07.2020]

Dernbach, Beatrice: Der wissenschaftlich-analytische Blick auf die akademische Journalistenausbildung in Deutschland. In: Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019, S. 71-79.

Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju): Volontariat im Journalismus. https://dju.verdi.de/junge-dju/aus-und-weiterbildung/++co++e8d4a1e2-df04-11e2-8244-525400438ccf [20.07.2020]

DJV: Journalist werden: Das Volontariat. 2020. https://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/volontariat.html [20.07.2020]

DJV: Journalistische Ausbildung im Redaktionsvolontariat. https://www.djv.de/fileadmin/user_upload/Der_DJV/DJV_Infobrosch%C3%BCren/DJV_INFO_Redaktionsvolontariat_Torstr..pdf [20.07.2020]

DJV-AG Bildung und Qualität: Musterausbildungsplan für Volontärinnen/Volontäre an Tageszeitungen. 2008. https://www.djv.de/startseite/info/themen-wissen/aus-und-weiterbildung/mustervertraege-ausbildungsplaene-und-vordrucke [04.08.2020]

DWDS: Volontär. https://www.dwds.de/wb/Volont%C3%A4r [20.07.2020]
Feyder, Manuela: Start-up im Team. In: Journalist, 12, 2000, S. 12-17.

Fleischer, Walburga: Schüler statt Volontäre. In: Journalist, 10, 2000, S. 58-59.

Gossel, Britta M.: Eine empirische Studie zur Journalistenausbildung aus Sicht junger Journalistinnen und Journalisten. In: Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019, S. 7-68.

Gossel, Britta M.; Kathrin Konyen: Einleitung. In: dies. (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019a, S. 1-6.

Gossel, Britta M.; Konyen, Kathrin: Und nun? Quo Vadis Journalistenausbildung? In: dies. (Hrsg.): Quo Vadis Journalistenausbildung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2019b, S. 203-207.

Harnischmacher, Michael (2010): Journalistenausbildung im Umbruch. Konstanz [UVK] 2010.

Hömberg, Walter: Expansion und Differenzierung. Journalismus und Journalistenausbildung in den vergangenen drei Jahrzehnten. In: Altmeppen, Klaus-Dieter; Walter Hömberg (Hrsg.): Journalistenausbildung für eine veränderte Medienwelt. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2002, S. 17-30.

Kaiser, Ulrike: Ausbildung nach dem Tarifvertrag: Hürden-Lauf. In: Journalist, 11, 1992, S. 10-17.

Mohm, Siegfried H.: Die Ausbildung des Journalisten-Nachwuchses in Deutschland. Nürnberg [Universität Dissertation] 1964.

Schneider, Annika: Zukunft des Zeitungsvolontariats: Bewerbermangel bei Lokalblättern, 2019. https://www.deutschlandfunk.de/zukunft-des-zeitungsvolontariats-bewerbermangel-bei.2907.de.html?dram:article_id=442307 (20.07.2020)

Schröder, Catalina: Die Chancen stehen gut.
Journalist 9, 2019, S. 12-19.

Volontariat


Das Volontariat ist eine Ausbildung in einer Redaktion, die sowohl in Medien als auch in der Presseabteilung anderer Wirtschaftsbetriebe angesiedelt sein kann. In der Regel dauert die Ausbildung der Volontäre/Volontärinnen zwei Jahre und wird tariflich vergütet.
Siehe → Volontär

Wahrhaftigkeit

Wortherkunft: Substantivierung des Adjektivs ‘wahrhaftig’, hergeleitet aus dem mittelhochdeutschen ‘wārhaftic’

Der Begriff umfasst die Neigung oder Gewohnheit, nach Wahrheit zu streben. Als journalistisches Qualitätskriterium ist Wahrhaftigkeit eng verwandt mit der → Richtigkeit. Im Unterschied zu dieser zielt sie jedoch nicht auf die objektiv korrekte Wiedergabe eines Sachverhaltes ab, sondern meint vor allem subjektive Ehrlichkeit des Journalisten in der Berichterstattung und im Umgang mit Einschränkungen der Objektivität.

Die Qualitätsdimension Wahrhaftigkeit trägt damit der Tatsache Rechnung, dass Journalisten objektive Richtigkeit oder gar Wahrheit aufgrund erkenntnistheoretischer oder praktischer Einschränkungen ebenso wenig erreichen können wie → Vollständigkeit. So ist erkenntnistheoretisch die Einsicht verbreitet, dass in arbeitsteilig organisierten, heterogenen modernen Gesellschaften kein privilegierter Standpunkt und keine unzweifelhaft anerkannte Autorität existieren, die verbindlich entscheiden könnte, wann ein Sachverhalt objektiv richtig ist. Vor allem den Arbeitsbedingungen des Journalismus geschuldet sind dagegen praktische Einschränkungen wie der Druck, einmal recherchierte Informationen möglichst schnell zu veröffentlichen, oder die Notwendigkeit bei der Recherche auf Quellen zu vertrauen, die ihrerseits durch die Journalisten nicht oder nicht hinreichend hinterfragt werden können.

Ausdruck von subjektiver Wahrhaftigkeit ist vor diesem Hintergrund, dass Journalisten sämtliche Beeinträchtigungen der Wahrheit klar deklarieren. Geeignete Maßnahmen, um dies zu erreichen, sind beispielsweise die Nennung sämtlicher Quellen und etwaiger Abweichungen zwischen diesen, sprachliche Distanz zum Informationsgehalt von Nachrichten wie die Verwendung des Konjunktivs oder klar gekennzeichneter Zitate, aber auch die Veröffentlichung redaktioneller Leitlinien oder die Einrichtung von Korrekturspalten, in denen die Redaktion regelmäßig eigene Fehler richtigstellt.

All diese Mittel zielen letztlich darauf ab, die Transparenz für das Publikum zu erhöhen und diesem dadurch eine Einsicht in die Unvollkommenheit der Arbeit einzelner Journalisten und ganzer Redaktionen sowie der daraus resultierenden journalistischen Kommunikation zu vermitteln.

Literatur:

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

McQuail, Denis: Media Performance. Mass Communication and the Public Interest. London [Sage] 1992

Rager, Günther: Dimensionen der Qualität. Weg aus den allseitig offenen Richterskalen? In: Bentele, Günter; Kurt R. Hesse (Hrsg.): Publizistik in der Gesellschaft. Festschrift für Manfred Rühl. Konstanz [UVK] 1994, S. 189-209