Memes

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Verfasst zusammen mit → Thomas Knieper

Memes Leonardo DiCaprioWortherkunft: von altgr. μίμημα mīmēma; lat. memoria; franz. même = etwas Nachgeahmtes/Erinnertes/Gleiches (Dawkins 1994: 309)

Definition:
In Anlehnung an Richard Dawkins werden ‚Memes‘ (Pl.; Sg.: ‚Meme‘) oftmals auch als ‚Mem‘ (Sg.) bzw. ‚Meme‘ (Pl.) bezeichnet. Häufig findet keine saubere Unterscheidung zwischen den Begriffen statt (Knieper 2023: 125).

Memes sowie die ihnen zugrunde liegenden Logiken prägen den analogen und digitalen Raum (Shifman 2014: 12). Manche Memes zirkulieren nur in einer dieser Welten, andere schaffen den Sprung in die jeweils andere, wodurch ihnen dann ein hybrider Charakter attestiert werden kann (siehe Abb. 1). Ein Beispiel für analoge Memes sind mimetisch veränderte Wahlplakate (von Gehlen 2020: 26-27). Den Originalen wird im Zuge eines ergänzenden → Inhalts eine neue Bedeutungsebene verpasst, die im Zuge weiterer Plakatabänderungen verbreitet wird (siehe z. B. auf die ‚Flugblattaffäre‘ bezogene Schmierereien auf Hubert-Aiwanger-Plakaten: Kölner Stadt-Anzeiger 2023; Weinhold 2023). Die Gruppe der Memes im digitalen Raum ist extrem heterogen: Primär betrachtet werden Internet-Memes.

Das Internet-Meme ist eine Form des Internet-Postings. Meist erscheinen digitale Memes als einzelne Beiträge etwa auf → Social-Media-Plattformen oder in Messenger-Diensten. Alle Internet-Memes teilen gemeinsame Charakteristika in Bezug auf Inhalt, Form und Haltung und werden in bewusster Auseinandersetzung mit anderen Memes erzeugt (Shifman 2014: 44). Hieraus ergeben sich drei Attribute, welche einen mimetischen Beitrag prägen: eine graduelle Verbreitungsweise, die Reproduktion durch Kopie und Imitation sowie eine Diffusion, geprägt durch Wettbewerb und Selektion (Shifman 2014: 22-23). Die Reproduktion muss dabei mit einer intentionalen Dekontextualisierung des ursprünglichen Inhalts einhergehen.

Memes und Arten von Memes
Abb.: Varianten von Memes

Ein digitaler mimetischer Beitrag kann multimediale Formen annehmen. Eine Eingrenzung auf einzelne → Darstellungsformen wird dem Phänomen der Internet-Memes nicht mehr gerecht. Nach wie vor geschieht das in der Forschung vor allem in Bezug auf ‚Image Macros‘, also klassische Sprache-Bild-Text-Kombinationen, die dem spezifischen Humorschema eines Two-Liners folgen (siehe z.B.: Osterroth 2015; Bülow/Johann 2019). Allerdings müssen längst auch manche Videobeiträge sowie viele der vor allem in der Chatkommunikation gebrauchten ‚Sticker‘ und ‚GIFs‘ (Graphics Interchange Format) als Memes begriffen werden.

Ein z. B. einmalig durch Photoshop manipuliertes und veröffentlichtes Foto kreiert noch keinen mimetischen Beitrag. Vielmehr müsste im ersten Schritt ein Basis-Inhalt so verändert werden, dass der dabei entstandenen Kombination ein neuer ‚Kniff‘ innewohnt, er also eine neue Bedeutung oder Referenz erhält. Diese Bedeutung oder Referenz muss im zweiten Schritt gemeinsam mit dem Basis-Inhalt durch weitere User:innen adaptiert und variiert, also erneut dekontextualisiert werden. Erst durch diese intentionale ‚Dekontextualisierung n.0‘ entsteht ein neues Meme. Die Nachahmung muss keinen formalen Logiken folgen. Auch kann sie durch den jeweiligen Kontext entstehen.

Meist genießen Memes keinen expliziten Schutz durch das → Urheberrecht. Durch ihre Kürze und meist einfache Kompositionsweise wird die hierfür notwendige Höhe eines Werkes so gut wie nie erreicht. Dies heißt jedoch nicht, dass die einem mimetischen Beitrag zugrunde liegenden fremden Bestandteile im Einzelnen nicht doch durch das Urheberrecht geschützt sein können. Ihre Veränderung ist im Rahmen der → Meinungs- und Kunstfreiheit sowie im Kontext der Internet-Kommunikation allerdings mit Ausnahmefällen zulässig.

Geschichte:
Obwohl der Begriff ‚Memes‘ bzw. ‚Mems‘ bereits vor dem digitalen Zeitalter entstand, förderten die spezifischen Funktionsweisen des Internets die Allgegenwärtigkeit mimetischer Praktiken (Shifman 2014: 22). Welches Meme nun das tatsächlich erste seiner Art war, ist umstritten. Memes, die sich erfolgreich verbreitet haben, vereinen jedoch allesamt drei Eigenschaften: Langlebigkeit, Fruchtbarkeit und Wiedergabetreue (Dawkins 1994: 312; Shifman 2014: 22).

Mit der heutigen Niedrigschwelligkeit von immer userfreundlicheren Meme-Generatoren wurde die Erstellung von neuen oder auch die weitere Bearbeitung und Verbreitung von bereits bestehenden Memes einfacher als je zuvor. Zudem implementierten soziale Plattformen Formate, die durch die Bereitstellung von entsprechenden Vorlagen insbesondere zum Kreieren und Verändern von foto- oder videobasierten Memes einladen, etwa WhatsApp. Andere Plattformen, wie TikTok, errichteten sogar ihr ursprüngliches Nutzungskonzept auf Basis mimetischer Inhalte. Das heißt jedoch nicht, dass jeder auf einer solchen Plattform bzw. im Zuge eines solchen Formats hochgeladene Beitrag auch tatsächlich mimetischer Natur ist.

Forschungsstand und gegenwärtiger Zustand:
Der auf Richard Dawkins zurückgehende Meme-Begriff (Dawkins 1994) bietet einen guten Ausgangspunkt zur Benennung des Phänomens. Allerdings bedarf er zur Trennung nicht mimetischer von mimetischen Inhalten weiterer Eingrenzung, insbesondere wenn digitale und potentiell mimetische Inhalte Gegenstand von Interesse sind. Limor Shifman gelang es, einen nicht seltenen Fehler von Kolleg:innen zu umgehen, indem sie sich eben nicht auf eine oder mehrere Meme-Form(en) festlegte, sondern auf sämtliche Darstellungs- und Plattformen anwendbare Meme-Attribute herausarbeitete. Zudem wurden multimediale mimetische Inhalte sowie die ständige Möglichkeit der Weiterentwicklung von Meme-Erscheinungen mitgedacht (Shifman 2014: 95-111).

Die in der deutschen → Kommunikationswissenschaft lange Zeit dominante linguistische Meme-Forschung konzentriert(e) sich primär auf Memes als bloße Sprache-Bild-Text-Kombinationen, also insbesondere auf Image Macros (siehe z. B.: Bülow/Johann 2019); heute ist jedoch die Einbringung von visuellem sowie insbesondere multimedialem Denken unabdingbar. Ein Festhalten an der überalterten Formel ‚Meme = Image Macro‘ führt zu einer deutlichen Beschneidung des Forschungsgegenstands.

Nicht selten beinhalten insbesondere digitale Memes politische Botschaften, wobei ihnen ein hohes Mobilisierungspotential zugesprochen wird (Bülow/Johann 2022). Sie ermöglichen zwar einerseits die Teilhabe am politischen Diskurs, das Ausüben von Kritik und Kontrolle sowie die politische Meinungs- und Willensbildung, vereinfachen andererseits jedoch häufig komplexe Sachverhalte (Olsen 2018). Nicht selten bieten Internet-Memes daher Einfallstore für Propaganda, Abgrenzung und Rassismus (von Gehlen 2020: 50; Yoon 2016: 115). In den letzten Jahren zogen vor allem rechte bis rechtsextreme Memes Aufmerksamkeit auf sich (siehe z. B.: Hurtz 2024; Harrer 2023; Frag den Staat 2023; Y-Kollektiv 2023). Die politische Botschaft muss dabei nicht explizit benannt werden oder sämtliche Elemente eines Memes durchdringen. Sie kann genauso über einzelne gewählte Symboliken, Motive, Sounds, Referenzen oder auch durch den jeweiligen Kontext übertragen werden. Somit ist sie für Nicht-Szene-Mitglieder auf den ersten Blick nicht immer erkennbar. Insgesamt sind mimetische Inhalte an keine bestimmte Ideologie oder an spezifische Themenfelder geknüpft, sondern können von jedem Lager ausgesendet und für eigene Zwecke instrumentalisiert werden. So werden sie beispielsweise auch im Kriegskontext eingesetzt (siehe z. B.: Knieper 2023: 126; Cervi/Divon 2023) oder als → Campaigning-Werkzeug genutzt (siehe z. B.: Kühl 2016). Mit der oftmals humoristischen Verpackung der mimetisch verarbeiteten Themen geht eine schleichende Normalisierung teils extremistischer oder menschenverachtender Ansichten einher, was wiederum eine Werteverschiebung innerhalb des gesamten Diskurses zur Folge hat.

Aufgrund dessen beschäftigen sich nun immer mehr empirische Projekte mit eben diesem Themengebiet (siehe z. B.: BAG 2024; Materna et al. 2021; Brüggen et al. 2023; MISRIK o. D.). Seit Januar 2024 widmet auch der Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus in Bayern (ForGeRex) ein ganzes Teilprojekt der Erforschung rechtsextremer Internet-Memes (Universität Passau 2024). Auch zukünftige politikwissenschaftlich geprägte Analyseansätze müssen die multimediale Ausdifferenzierung mimetischer Inhalte berücksichtigen, um neue mimetische Chancen und Risiken erfassen zu können.

Literatur:

BAG – gegen Hass im Netz: Five Shades of Hate (Gruppenbezogene Abwertung in Zeiten der Memifizierung). 2024. https://machine-vs-rage.bag-gegen-hass.net/five-shades-of-hate-gruppenbezogene-abwertung-in-zeiten-der-memifizierung/ [14.05.2024]

Bülow, Lars; Michael Johann: Politische Internet-Memes: Erschließung eines interdisziplinären Forschungsfeldes. In: Bülow, Lars; Michael Johann: Politische Internet-Mems – Theoretische Herausforderungen und empirische Befunde. Berlin [Frank & Timme] 2019, S. 13-40.

Bülow, Lars; Michael Johann: Memes. In: diskursmonitor.de. 2022. https://diskursmonitor.de/glossar/memes/ [11.05.2024]

Brüggen, Niels; Achim Lauber; Georg Materna: „Auch wenn es stimmt, das hetzt letztendlich Menschen gegeneinander auf.“ (Über Möglichkeiten des theoretischen und methodischen Erfassens von Polyvalenzen im politischen Bildhandeln Jugendlicher). In: Medienpädagogik. Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung. 55 (Bilder und Bildpraxen), 2023, S. 56-75.

Cervi, Laura; Tom Divon: Playful Activism (Memetic Performances of Palestinian Resistance in TikTok #Challenges). In: Social Media + Society, January-March 2023, S. 1-13.

Dawkins, Richard: Das egoistische Gen. Ergänzte und überarbeitete Neuauflage. Zweite Auflage. Heidelberg/Berlin/Oxford [Spektrum Akademischer Verlag GmbH] 1994.

Frag den Staat: Itiotentreff. 2023. https://itiotentreff.chat/chat/ [14.05.2024]

Harrer, Mitja: Mit Hitler im Klassen-Chat. https://reportage.wdr.de/rechtsextreme-memes-im-klassenchat-wie-man-damit-umgehen-kann. 2023. [14.05.2024]

Hurtz, Simon: „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in großem Stil“. In: Sueddeutsche.de, 2017. https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/telegram-memes-rechtsextremismus-frauenfeindlichkeit-studie-1.6341125?reduced=true [14.05.2024]

Knieper, Thomas: Politische Internet-Memes als Instrument der demokratischen Partizipation. In: Buchner, Benedikt; Thomas Petri: Informationelle Menschenrechte und digitale Gesellschaft. Tübingen [Mohr Siebeck] 2023, S. 121-143.

Kölner Stadt-Anzeiger: Hubert Aiwanger als Hitler auf Wahlplakat diffamiert. In: ksta.de, 04.09.2023. https://www.ksta.de/politik/flugblatt-affaere-hubert-aiwanger-als-hitler-auf-wahlplakat-640014. [28.05.2024]

Kühl, Eike: Wo Frösche sind, da sind auch Rechte. In: Zeit Online, 28.09.2016. https://www.zeit.de/digital/internet/2016-09/meme-pepe-frosch-alt-right-donald-trump [14.05.2024]

Materna, Georg; Achim Lauber; Niels Brüggen: Politisches Bildhandeln (Der Umgang Jugendlicher mit visuellen politischen, populistischen und extremistischen Inhalten in sozialen Medien). In: JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München (Hrsg.): Medienpädagogik, 23, 2021.

MISRIK: Meme, Ideen, Strategien rechtsextremistischer Internetkommunikation (MISRIK). https://www.philosophie.tu-darmstadt.de/misrik/misrik/index.de.jsp [14.05.2024]. Ohne Datum.

Olsen, Deidre: How memes are being weaponized for political propaganda (The populist form of communication accessible to anyone with MS Paint is also a crucial form of propaganda). In: salon.com. 2018. https://www.salon.com/2018/02/24/how-memes-are-being-weaponized-for-political-propaganda/ [14.05.2024]

Osterroth, Andreas: Das Internet-Meme als Sprache-Bild-Text. In: IMAGE, 22, 2015, S. 26-46.

Weinhold, Max: Beschmiert, gestohlen, verbrannt, zerstört. In: Süddeutsche Zeitung, 20.09.2023, S. R7 (München West).

Shifman, Limor: Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter. Berlin [Suhrkamp] 2014.

Universität Passau: Projektdetails (Bayerischer Forschungsverbund ForGeRex: Memes als rechtsextreme Kommunikationsstrategie). 2024. https://www.uni-passau.de/bereiche/presse/pressemeldungen/daran-forschen-wir/projektdetails?tx_converis_pi1%5Bproject%5D=3358&cHash=e8bb285f9f2251a734fc68996c11b38a [14.05.2024]

von Gehlen, Dirk: Meme (Digitale Bildkulturen). Berlin [Wagenbach] 2020.

Y-Kollektiv: Hitler-Memes an Schulen: Verharmlosung der NS-Ideologie? 2023. https://www.youtube.com/watch?v=xMjN8TB2NJ0 [14.05.2024]

Yoon, Injeong: Why is it not Just a Joke? Analysis of Internet Memes Associated with Racism and Hidden Ideology of Colorblindness. In: Journal of Cultural Research in Art Education. 33(1). 2016. doi: https://doi.org/10.2458/jcrae.4898

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Veronica Bezold
*2000, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Digitale und Strategische Kommunikation an der Universität Passau. Co-Leiterin des Teilprojekts „Internet-Memes als rechtsextreme Kommunikationsstrategie – Bestandsaufnahme rechtspopulistischer Internet-Memes mit Studie zu Kompetenzen im Umgang mit diesen unter bayerischen Jugendlichen/jungen Erwachsenen“ im Bayerischen Forschungsverbund „ForGeRex – Forschungsverbund für Gegenwartsanalysen, Erinnerungspraxis und Gegenstrategien zum Rechtsextremismus in Bayern“. Kontakt: veronica.bezold (at) uni-passau.de.