Rangliste der Pressefreiheit

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Definition:
Die Rangliste der Pressefreiheit bewertet und vergleicht die Lage der → Pressefreiheit in derzeit 180 Ländern weltweit. Sie wird jährlich von der unabhängigen, international tätigen Menschenrechtsorganisation Reporter ohne Grenzen (Reporters sans Frontières: RSF) veröffentlicht. Auf Englisch firmiert sie als World Press Freedom Index.
Grundlage der Einstufungen ist ein umfangreicher Fragebogen zu diversen Teilaspekten von Medienfreiheit, der für jede Ausgabe der Rangliste von mehreren Hundert Expertinnen und Experten weltweit beantwortet wird. Unter den Befragten sind Journalistinnen und andere Medienpraktiker, Juristinnen und Menschenrechtsexperten. Zusätzlich fließen in die Bewertung die von Reporter ohne Grenzen erhobenen Zahlen zu schweren Verletzungen der Pressefreiheit ein, insbesondere zu tätlichen Angriffen, Haftstrafen und Tötungen im Zusammenhang mit journalistischer Arbeit.

Geschichte:
Die Rangliste der Pressefreiheit wurde erstmals im Jahr 2002 veröffentlicht und umfasste anfangs 139 Staaten. In späteren Jahrgängen kamen nach und nach weitere Länder hinzu. Seit 2014 umfasst die Rangliste 180 Staaten und Territorien.
In den ersten Jahren teilten sich oft mehrere Länder einen Platz auf der Rangliste der Pressefreiheit. Im ersten Jahrgang 2002 standen zum Beispiel Finnland, Island, Norwegen und die Niederlande zusammen auf Platz 1, gefolgt von Kanada auf Platz 5. Mit dem Jahrgang 2013 wurde die Methodik der Rangliste grundlegend überarbeitet; seitdem kommen solche Doppelplatzierungen nicht mehr vor.
Ebenfalls seit dieser Reform erlaubt es die Methodik auch, anhand einer Punkteskala den Stand der Pressefreiheit in einem einzelnen Land im Zeitverlauf zu vergleichen und damit seine Entwicklung zu beurteilen. Zuvor gaben die Platzierungen nur die relative Einstufung im Verhältnis zu anderen Ländern an.
In den ersten Jahrgängen erschien die Rangliste der Pressefreiheit jeweils im Herbst und bezog sich auf die Situation im noch laufenden Jahr. Nach einem Doppeljahrgang (2011/2012) wurde der Veröffentlichungszeitpunkt auf die ersten Monate des neuen Jahres verlegt, so dass sich die Rangliste nun jeweils auf das zurückliegende abgeschlossene Kalenderjahr bezieht.

Gegenwärtiger Zustand:
Aktuell veröffentlicht Reporter ohne Grenzen die Rangliste der Pressefreiheit jeweils Mitte oder Ende April und damit kurz vor dem Welttag der Pressefreiheit am 3. Mai. Sie erscheint auf Arabisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Persisch, Portugiesisch und Spanisch. Auf den Spitzenplätzen standen 2021 Norwegen, Finnland und Schweden, auf den schlechtesten Plätzen Eritrea, Nordkorea und Turkmenistan. Deutschland wurde mit Platz 13 im oberen Mittelfeld der EU-Staaten eingestuft.
Der Fragebogen zur Rangliste umfasst derzeit 71 qualitative Fragen zu sechs Themenbereichen: → Medienvielfalt, → Unabhängigkeit der Medien, journalistisches Arbeitsumfeld und Selbstzensur, rechtliche Rahmenbedingungen, institutionelle Transparenz sowie Infrastruktur der Medienproduktion. Die Antworten werden → nach einem statistischen Verfahren berechnet, um für jedes Land eine Punktzahl zu ermitteln. Hinzu kommt eine separate Punktzahl für die von RSF erhobenen schweren Übergriffe gegen Medienschaffende. Neben hohen Zahlen solcher Übergriffe wirken sich hierbei auch eine lange Haftdauer willkürlich gefangener Medienschaffender negativ aus. Übergriffe in besetzten Territorien werden der Besatzungsmacht zugerechnet. Aus der so errechneten Gesamtpunktzahl zwischen 0 (bestmögliche Lage) und 100 (schlechtestmögliche Lage) ergibt sich im Verhältnis zu den Punktzahlen der anderen bewerteten Länder der jeweilige Ranglistenplatz.
Die Fragebögen wurden für die Rangliste 2020 in 20 Sprachen zur Verfügung gestellt. Die befragten Expertinnen und Experten leben bis auf wenige Ausnahmen jeweils in dem Land, das sie bewerten. Weil Kritik an Regierung und Gesetzen sowie die Zusammenarbeit mit einer ausländischen Nichtregierungsorganisation in einigen Ländern gefährlich für die Betroffenen sein können, hält RSF die Namen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Befragung geheim.
Begleitend zur Rangliste der Pressefreiheit veröffentlicht Reporter ohne Grenzen jeweils →  regionale oder thematische Analysen, die aktuelle Entwicklungen der Pressefreiheit in den einzelnen Weltregionen oder den Einfluss globaler politischer Trends in Textform näher erläutern. In Deutschland veröffentlicht RSF zusätzlich jeweils eine mehrseitige → Nahaufnahme Deutschland, die für die Pressefreiheit relevante Ereignisse und Entwicklungen des zurückliegenden Jahres zusammenfasst.
Ebenfalls begleitend zur Rangliste der Pressefreiheit veröffentlicht Reporter ohne Grenzen jährlich eine → Weltkarte der Pressefreiheit. Diese veranschaulicht die grobe Einstufung der bewerteten Länder, indem sie diese vereinfachend in fünf farblich unterschiedene Kategorien einteilt. Die Farben richten sich nach festgelegten Schwellenwerten bei den Punktzahlen aus der Berechnung der Rangliste.

Forschungsstand:

Die Kommunikationswissenschaftlerin Laura Schneider hat in mehreren Publikationen Unterschiede von Indizes für Medienfreiheit sowie deren Schwächen und Stärken herausgearbeitet. Sie betont, dass Reporter ohne Grenzen für die Rangliste der Pressefreiheit ausdrücklich keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit oder Repräsentativität erhebt. Einen schnellen Überblick über verschiedene Medienfreiheitsrankings erlaubt der → Media Freedom Navigator der DW Akademie.
Aus Sicht von RSF soll die Rangliste aus der Summe möglichst vieler subjektiver Einschätzungen eine Momentaufnahme zum weltweiten Stand der Pressefreiheit liefern, um öffentliche und politische Debatten anzustoßen. Die Organisation arbeitet weiterhin daran, die Methodik der Rangliste der Pressefreiheit weiterzuentwickeln.
Während sich die öffentliche Wahrnehmung der Rangliste auf die Platzierungen der bewerteten Länder konzentriert, lohnt für eine differenzierte Betrachtung der Blick auf die dahinterliegenden Punktzahlen. Erst diese erlauben es, relative Rangänderungen (aufgrund von Verschiebungen anderer Länder in der Platzierung) von genuinen Änderungen der Lage im betreffenden Land zu unterscheiden.
Anknüpfungspunkte für inhaltliche Vergleiche bieten Rankings zu anderen Themen wie Demokratie, Korruption oder → Menschenrechten in einem breiteren Sinne – zum Beispiel der → Transformation Index der Bertelsmann Stiftung oder dem → Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International.

Literatur:

DW Akademie: Media Freedom Navigator. http://akademie.dw.com/navigator

Mihr, Christian: Aktiv zu Hause einfordern und weltweit verteidigen. Überblick über die Situation der Pressefreiheit. In: Communicatio Socialis, 49, 4, 2016. http://ejournal.communicatio-socialis.de/index.php/cc/article/download/1348/1346/2665

Reporter ohne Grenzen: Nahaufnahme Deutschland (u. a. Archiv früherer Jahrgänge): https://www.reporter-ohne-grenzen.de/nahaufnahme

Reporter ohne Grenzen: Themenportal Rangliste der Pressefreiheit: www.reporter-ohne-grenzen.de/rangliste (u. a. frühere Jahrgänge der Rangliste und Methodik)

Reporters Without Borders: World Press Freedom Index. https://rsf.org/en/ranking Berechnungsformel der Rangliste: https://rsf.org/en/detailed-methodology

Schneider, Laura: Measuring Global Media Freedom. The Media Freedom Analyzer as a New Assessment Tool. Wiesbaden [Springer] 2020.

Schneider, Laura: Media Freedom Indices. What They Tell Us – And What They Don’t. Bonn [Edition DW Akademie] 2014. https://www.dw.com/en/analyzing-media-freedom-rankings/a-17730692

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Christoph Dreyer
ist seit 2013 Pressereferent bei Reporter ohne Grenzen. Davor hat er als Autor und freier Redakteur für deutschsprachige Hörfunksender, Print- und Onlinemedien über die arabische und muslimische Welt berichtet. Frühere Berufsstationen als Redakteur der Nachrichtenagentur Reuters sowie als freier Mitarbeiter und Regionalkorrespondent der Deutschen Presse-Agentur dpa, bei der er auch sein Volontariat absolvierte. Christoph Dreyer hat an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaft, Politologie und Volkswirtschaftslehre studiert. Foto: Martin von den Driesch.