Start Jargon Seite 3

Jargon

    Eine Einführung von Gunter Reus

    Wortherkunft: frz. jargon, von altfrz. gargun und galloroman. gargone = Gezwit­scher; vgl. auch frz. gargouiller = plätschern, gluckern, gurgeln sowie frz. gorge = Gurgel, Kehle

    Natürliche Sprachen bestehen aus unterschiedlichen regionalen oder sozialen Ausformungen. Sol­che Varietäten sind z. B. Dialekt, Standardsprache, Fachsprache oder Gruppensprache. Sie zeichnen sich aus durch grammatische, phonetische und lexikalische Eigenheiten. Unter dem Begriff Jargon versteht man eine sowohl fach- als auch gruppensprachliche Ausdrucksweise, die sich vor allem im Wortbe­stand von der Standard­sprache unterscheidet und Außenstehenden als schwer ver­ständliches ‘Kau­der­welsch’ gilt. Kennzeichnend ist der hohe Anteil beruflich ge­brauch­ter Begrif­fe, aber auch die soziale Abgrenzung nach außen durch Verschlüsselung der Lexik (häufig Metaphern).

    Journalistischer Jargon ist in Jahrhunderten entstanden und eng mit Zeitung und Zeitungspro­duk­tion verbunden. Seine fachsprachlichen Begriffe kennzeichnen Bestandteile und Besonderheiten des journalistischen Arbeitsprozesses. Da die Massenpresse seit dem 19. Jahrhundert zunehmend das Alltagsleben mitbestimmte, verloren manche dieser Termini ihre Fremdheit und gingen in die All­tags­sprache über (zum Beispiel → Interview; Reporter; → Schlag­zeile). Ande­re gewerbe­spezi­fische Begriffe bzw. Wortbedeutungen sind nur berufsintern im Um­lauf und erschließen sich Laien nicht ohne Weiteres. Journalisten aber ermöglichen sie eine präzise und ökonomische Kom­mu­nika­tion. Dazu gehören zum Beispiel Vorspann, → Spiegel, → BU, Umbruch, verfiet­schern (an­schaulich in der Art eines Features schreiben), CvD (Chef vom Dienst) oder kontern (ein Foto spie­gelverkehrt abdrucken).

    Eine Gutteil dieses Journalisten-Slangs besteht aus Sprachbildern. Diese wiederum ent­stammen vielfach gar nicht dem Journalismus, sondern gehen auf die Setzer- und Drucker­sprache zu­rück. Seit der Renaissance hat wohl kein Metier eine derartige Fülle an Fachbe­grif­fen her­vor­ge­bracht wie das Druckgewerbe. Das lag zum einen an der Komplexität der Satz- und Druck­ver­fah­ren. Es dürfte aber auch mit Standesdenken zu tun haben, denn die Angehörigen der ‘schwarzen Kunst’ empfan­den sich lange als Gelehrte. Das Bedürfnis, sich mit einer Geheimsprache von anderen Handwer­kern abzugrenzen, war ausgeprägt. Darauf verweisen nicht nur viele lateini­sche (vgl. Imprimatur, Versalie, Kolumne) oder französische (z. B. Vig­nette, Petit) Ter­mini, sondern auch der große Be­stand an metaphorischen Chiffren.

    Journalis­ten arbeiteten jahrhundertelang beim Umbruch mit Setzern, Metteuren und Druckern zusam­men. So lag es nahe, dass sie deren prägnante, zum Teil drastische Sprachbilder übernah­men. Dem Wort­feld ‘Mensch/Familie’ sind zum Beispiel → Hurenkind und → Schuster­junge zuzuord­nen. Als ‘Jungfrau’ galt einst ein fehlerloser Satz, als ‘Witwe’ die nur aus einem Wort bestehende letzte Zeile eines Absat­zes. ‘Mutter und Töchter’ stand für einen Hauptartikel mit Nebenartikeln. Zum The­men­kreis ‘Tier und Natur’ gehören unter anderem die Ente und der Zwie­belfisch (Buchstabe aus falscher Schriftart). ‘Hasenöhrchen’ (heute: ‘Gänsefüßchen’) nannte man die Anführungszeichen, und ‘Bleiwüste’ hieß eine größere Fläche der Zeitungsseite ohne Gestaltungselemente. Mit ‘Ernährung’ haben der ‘Eierku­chen’ (herun­tergefallener und dabei durcheinandergeratener Schriftsatz) oder ‘ko­chen’ (ein Thema im Gespräch halten) zu tun. Auf ‘Kampf und Tod’ verweisen ‘Durchschuss’ (Ab­stand zwischen den Zei­len), ‘Galgen’ (eine große Anzeige lässt am oberen und linken oder rechten Seiten­rand nur noch wenig Platz für die Redaktion), ‘Grabsteine’ (mehrere gleich lange Meldungen neben­einander) oder ‘Leichen’ (fehlen­de Wörter, Sätze oder Zeilen im ge­setz­ten Text). Jüngeren Ursprungs sind Sprachbilder wie ‘abschießen’ (einen Menschen ohne dessen Erlaubnis fotogra­fie­ren), ‘Brief­mar­ke’ (extrem kleines Foto), ‘Flachmann’ (flacher mehr­spaltiger Kasten) oder → Kü­chen­zuruf.

    Mit dem Wandel der Technik bzw. der Abkehr von gedruckten Zeitungen wandelt sich auch der Jar­gon der Journalisten. Viele Termini werden von englischen Begrif­fen verdrängt (z. B. ‘Proof’ statt ‘Fahne’, ‘bold’ statt ‘fett’, → Teaser statt → Anreißer) oder verschwinden im Online-Zeitalter ganz.

    Literatur:

    Brielmaier, Peter; Eberhard Wolf: Zeitungs- und Zeitschriftenlayout. Konstanz [UVK] 1997

    Hendlmeier, Wolfgang (Hrsg.): Jägerlatein der Schwarzen Kunst. Bremen [Hanseatische Verlagsanstalt] 1990

    Hiller, Helmut; Stephan Füssel: Wörterbuch des Buches: mit online-Aktualisierung. 7. Auflage. Frankfurt/M. [Vittorio Klostermann] 2006

    Meissner, Michael: Zeitungsgestaltung. Typografie, Satz und Druck, Layout und Umbruch. 3. Auflage. Berlin [Econ] 2007

    Rautenberg, Ursula (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Stuttgart [Reclam] 2003

    Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1996

    Sonderhüsken, Hermann: Kleines Journalisten-Lexikon. Fachbegriffe und Berufsjargon. Konstanz [UVK] 1991

    Wolf, Hans-Jürgen: Geschichte der Druckpressen. Frankfurt/M. [Interprint] 1974

Gunter Reus
Gunter Reus
*1950, Prof. Dr., ist apl. Professor i. R. für Journalistik an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Arbeitsschwerpunkte: Kulturjournalismus, Pressejournalismus, Journalismusforschung, Sprache und Stil der Massenmedien. Kontakt: gunter.reus (at) ijk.hmtm-hannover.de Gunter Reus hat Einführungsbeiträge zum → journalistischen Jargon sowie zu → Sprache und Stil im Journalismus geschrieben. Gerade erschienen: Reus, Gunter: Marcel Reich-Ranicki. Kritik für alle. Darmstadt [wbg Theiss] 2020

Beiträge aus der Kategorie

Küchenzuruf

1

Auch wenn der Begriff altbacken anmutet und aus einer Zeit zu stammen scheint, in der man sich im Druckgewerbe um Gleichberechtigung der Frauen nicht scherte – der Kü­chen­zuruf ist erst wenige Jahrzehnte alt. Henri Nannen, von 1949 bis 1980 Chefredakteur des Stern, hat die Metapher geprägt. Sie soll ausdrücken, dass jeder journalistische Beitrag ei­ne Kern­botschaft enthalten muss, eine Quintessenz, die man in einem Atemzug einem anderen zu­rufen kann. Fehle dieser Neuigkeitskern, dann sei eine Geschichte schlecht, schrieb Nannen sei­nem Re­dak­ti­onsteam hinter die Ohren.

In dem Beispiel, das er dafür formulierte, ließ Nannen einen „Hans“ im „Esszim­mer“ den Stern lesen, während „Frau Grete“ in der Küche „sich die Schürze umbin­det, um sich für den Abwasch vorzubereiten“. Nach „beendigter Lektüre“ ruft der Hans seiner Grete in die Kü­che zu: „Mensch Grete, die in Bonn spinnen komplett! Die wollen schon wieder die Steu­ern erhö­hen!“ (zit. n. Fasel 2008: 11).

Nicht nur über die Rollenverteilung in diesem Sprachbild, sondern auch über die inhaltliche Ori­ginalität lässt sich streiten. Denn der Küchenzuruf drückt nur eine Selbstverständlichkeit aus, die sich seit Jahrhunderten z. B. in → Überschriften niederschlägt.

Literatur:

Fasel, Christoph: Textsorten. Konstanz [UVK] 2008

Kürzel

0

Autoren von Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträgen können sich entweder mit vollem Na­men in einer Autorenzeile zu erkennen geben oder sie weisen mit ihrem Kürzel darauf hin, von wem der Beitrag stammt. Das Kürzel besteht meist aus den ersten Buch­staben von Vor- und Zunamen, manchmal auch nur aus dem ersten Buchstaben oder der ersten Silbe des Zunamens oder einer anderen Buchstabenkombination. Auch Nachrichtenagenturen verweisen mit solchen Abbreviaturen auf sich (z. B. dpa oder AFP). Kürzel ste­hen am Ende des Beitrages, mitunter auch als Teil der Ortsmarke (→ Spitzmarke) zu Beginn einer Meldung. Nur re­gelmäßige Leser können von den Buchstaben auf den vollen Namen schließen. Das Kürzel ist aber auch weniger für die Leser gedacht als dafür, innerhalb der Redaktion die Urheberschaft zu doku­mentieren. Das ist unter anderem bei der Auszahlung von Honoraren wichtig (vgl. auch → journa­lis­tischer Jargon).

Lead

Wortherkunft: engl. to lead = anführen, leiten

Definition: (1) Nachrichtenanfang, (2) Vorspann vor längeren Darstellungsformen. Ob das Wort im Deutschen männlich oder sächlich ist, ist ungeklärt.

(1) Als Lead oder Leadsatz im engeren Sinn wird der Anfang einer Nachricht bezeichnet. Er besteht aus mindestens einem, höchstens drei Sätzen und fasst die Kernaussage zusammen, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. In der amerikanischen Journalistik wird er ‘Summary Lead’ genannt. „Der Lead gibt Antwort auf die Frage, die das Publikum vermutlich als erste zu dem jeweiligen Thema stellen würde“, schreibt Walther von La Roche (La Roche/Hooffacker/Meier 2013: 94), in der Regel auf die W-Fragen ‘Wer’ und ‘Was’. Aber auch die Antwort auf jede andere W-Frage kann am Anfang stehen. Er ergibt sich aus dem Adressatenkreis: Was ist für die jeweilige Zielgruppe am wichtigsten?

Der Lead-Stil ist das Gegenteil von Chronologie. Damit ist das Leadsatzprinzip konstituierend für den klassischen Nachrichtenaufbau der umgekehrten Pyramide.

(2) Lead im erweiterten Sinn wird auch der Vorspann genannt. Er steht über einem größeren Beitrag, gibt den Informationskern wieder und soll gleichzeitig zum Weiterlesen verlocken. In Online-Medien ist dies eine mögliche Form des → Teasers.

Das Lead-and-Body-Prinzip hat sich, wie Horst Pöttker (2003) gezeigt hat, in den 1880er Jahren im amerikanischen Journalismus durchgesetzt. Ausschlaggebend war das Bemühen, Zeitungstexte für die Leser besser zu erschließen und attraktiver zu machen. Dietz Schwiesau und Josef Ohler (2003) konnten nachweisen, dass seine Entstehung (das Wichtigste zuerst) mit den hohen Übermittlungskosten in den Anfängen der Telegrafie zu begründen ist.

Einsatz findet der Lead-Stil heute nach wie vor im Agenturjournalismus, im Nachrichtenjournalismus aller Medien, insbesondere in Zeitungen und Zeitschriften sowie im Online-Journalismus. Pressemitteilungen sind ebenfalls nach dem Lead-Stil aufgebaut.

Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen in Journalistik und Publizistik über Entstehung und Funktion des Leads, die damit zusammenhängende Nachrichtenauswahl sowie viel Praktikerliteratur.

Literatur:

La Roche, Walther von; Gabriele Hooffacker; Klaus Meier: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland Österreich Schweiz. 19. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Pöttker, Horst: Nachrichten und ihre kommunikative Qualität. Die „Umgekehrte Pyramide“ – Ursprung und Durchsetzung eines journalistischen Standards. In: Publizistik, 4, 2003, S. 414-426

Schwiesau, Dietz; Josef Ohler: Die Nachricht. In Presse, Radio, Fernsehen, Nachrichtenagentur und Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. München [List] 2003

Zschunke, Peter: Agenturjournalismus. Nachrichtenschreiben im Sekundentakt. 2. Auflage. Konstanz [UVK] 2000

Link

Wortherkunft: engl. to link = verbinden; auch Hyperlink genannt

Text- oder Bildobjekt, das beim Auslösen zu einem weiteren, in der Regel längeren Beitrag führt. Die Technik der Verlinkung ist konstituierend für Hypertext und Hypermedia und praktisch alle Online-Angebote. Digitale Audio- und Videodateien können ebenfalls Links enthalten. Links sind die Basis für → Teaser im Online-Journalismus.

Die Anfänge der Links gehen auf die ersten grafischen Bedienoberflächen zurück. Das Hypertext-Konzept, eigentlich älter, wurde 1991 als WorldWideWeb-Konzept von Tim Berners-Lee am CERN in Genf veröffentlicht. Thematisch verwandte Dokumente sollten per Hyperlink zu einem weltumspannenden Hypertext-Gebilde verwoben werden. Eine einfache Befehlssyntax markiert in der Web-Auszeichnungssprache HTML (Hypertext Markup Language) das sinntragende Element und stellt die Verbindung zum verwandten Dokument her: <a href=“http://www.muenchen.de“>Dieser Link führt zur Stadt München</a>. Das sinntragende Element ist in diesem Fall der Satz „Dieser Link führt zur Stadt München“, er verlinkt auf die URL http://www.muenchen.de. Zeitweise wurden die Texte ‘Hotword’, grafische Link-Elemente ‘Hotspot’ genannt. Kennzeichnend war ursprünglich das Anklicken mit der Maus, das zunehmend auf Touchscreens von der Geste des Antippens abgelöst wird.

Die journalistische Tätigkeit liegt insbesondere in der Auswahl des sinntragenden Texts oder grafischen Elements für die Verlinkung. Funktional lassen sich fünf Linktypen unterscheiden:

  1. Strukturierende Links gliedern das Dokument. Sie haben eine vergleichbare Funktion wie Zwischenüberschriften in einem gedruckten Magazin.
  2. Definierende Links erläutern einzelne Punkte im Text. Beispiele sind Verweise auf ein Glossar oder Literaturverzeichnis.
  3. Assoziierende Links führen zu vertiefenden Beiträgen, die dem eben aufgerufenen Dokument gleichgestellt sind.
  4. Navigations-Links treten meist gebündelt als Navigationsleiste auf. Sie helfen bei der Auswahl der Ebenen im Rahmen eines Hypertext-Angebots: innerhalb derselben Ebene, eine Ebene höher oder tiefer.
  5. Kommunikations-Links lassen ein Fenster ‘Neue E-Mail-Nachricht’ aufgehen oder führen zu Foren oder weiteren Social-Media-Diensten wie der Möglichkeit des ‘Teilens’.

Servertechnisch unterscheidet man seiteninterne Links, die zu einem Sprungziel innerhalb des vorliegenden Dokuments führen (auch: Anker), website-interne Links, die innerhalb des Online-Angebots bleiben, aber auf ein neues Dokument verweisen, und externe Links, die zu einem anderen Server führen.

Für die Benutzerfreundlichkeit von Websites (fachlich: → Usability) wird Link-Konsistenz gefordert. Das bedeutet: Alle Links einer Website verweisen korrekt auf ihr Ziel, es gibt keine Links, die ins Nichts führen und keine verwaisten Seiten, auf die kein Link zeigt. Links auf strafrechtlich relevante Inhalte können rechtlich problematisch sein. Deshalb sowie aus urheberrechtlichen Gründen sollen externe Links als solche kenntlich gemacht sein.

Literatur:

Meier, Klaus: Internet-Journalismus. 3. Auflage. Konstanz [UVK] 2002

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 3. Auflage. Berlin [Econ] 2010

Münz, Stefan; Wolfgang Nefzger: HTML. Die Profireferenz. Poing [Franzis] 2002

lokal herunterbrechen

Der umgangssprachliche Begriff „lokal herunterbrechen“ meint die journalistische Methode, sich überregionale oder regionale → Nachrichten für die lokale Berichterstattung zunutze zu machen und ihnen dadurch eine lokale Relevanz zu verleihen.

Der metaphorische Ausdruck „herunterbrechen“ steht dabei für das Verfahren, ein bedeutsames Ereignis oder eine gesellschaftliche Entwicklung auf ihren Gehalt für die Lokalberichterstattung zu reduzieren, sich quasi ,ein Stück davon abzuschneiden‘. Mit diesem Vorgehen lässt sich der Nachrichtenfaktor der räumlichen, mitunter auch emotionalen Nähe erzeugen. So porträtierte das Campus-Magazin pflichtlektüre der Technischen Universität Dortmund Teilnehmer der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro, die an der TU Dortmund studieren (pflichtlektüre 2016: 20-25). Dadurch gab die Redaktion dem weit entfernten Großereignis eine lokale Bedeutung. Dies kann auch sinnvoll sein, um komplexe Themen verständlicher aufzubereiten, indem sie auf das direkte Lebensumfeld der Leser projiziert werden. Entsprechend ist diese Form der Themengenerierung im → Lokaljournalismus von Tageszeitungen oder in anderen lokal begrenzten Publikationen gebräuchlich.

Für die Methode ist überwiegend einer der folgenden Untersuchungsansätze üblich:

1) Tragweite: Was bedeutet die Nachricht für den lokalen Berichterstattungsraum, in dem die Publikation erscheint? (z.B. Welche Auswirkungen haben die Terroranschläge auf das Sicherheitskonzept der Stadt? Welche Folgen hätten die Handelsabkommen TTIP und CETA für die Verbraucher und Firmen der Stadt?)

2) Situationsvergleich: Welche Situation ist im lokalen Berichterstattungsraum vorhanden und wie lässt sie sich mit der Situation vergleichen, die in der bestehenden Nachricht geschildert wird? (z.B. Mangel an Fachärzten, Pflegenotstand in Seniorenheimen)

3) Meinungsbildung: Welche persönliche Auffassung hat die heimische Bevölkerung zu dem überregionalen Geschehen? Je nach Thema wird sich die journalistische Recherche auf eine Straßen- oder Expertenumfrage konzentrieren. (z.B. Was halten Sie von einem Verbot von Plastiktüten im Einzelhandel? Was halten Sie von der Hygiene-Ampel für Gaststätten? Brauchen wir mehr Videoüberwachung im öffentlichen Raum?)

Cynthia Hardy nennt diesen Vorgang im Kontext der Diskursanalyse „bearing down“ (dt. etwas niederdrücken) und weist darauf hin, dass er auch in umgekehrter Richtung möglich ist – als „scaling up“: Hierbei werden lokale Nachrichten adaptiert und generalisiert, wodurch sie eine institutionalisierte Bedeutung gewinnen (vgl. Hardy 2004: 422; Hardy 2011: 195, zit. n. Zschiesche 2015: 154).

Das Herunterbrechen ist nicht nur innerhalb der Redaktionen etabliert, sondern wird auch von offiziellen Einrichtungen unterstützt: So veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) im März 2017 eine Konferenz mit dem Titel „Jede Stimme zählt“. Zuhören, berichten, bewegen – die Bundestagswahl 2017 im Lokalen. Darin erarbeiteten Redakteure u.a., wie Bundesthemen auf die lokale Ebene kommen: „Wie hoch die Steuern ausfallen, wie viele Betreuungsplätze es für Kinder gibt, ob schnelles Internet vorhanden ist oder in welchem Zustand die Fernstraßen sind – die Bundespolitik wirkt sich auf jeden von uns aus. Wie lässt sich über die Auswirkungen vor Ort berichten? Und wie lassen sich Parteiprogramme ins Lokale übersetzen?“ (Bundeszentrale für politische Bildung 2017: 3).

Zudem stellt die drehscheibe, das Forum für Lokaljournalisten der bpb, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Presse-Agentur auf ihrer Website kontinuierlich Möglichkeiten vor, wie sich überregionale Nachrichten lokal aufgreifen lassen – von der deutschlandweit steigenden Geburtenrate über die Frauenquote in der Unternehmensführung bis zur Präsenz des Extremismus.

Literatur:

Bundeszentrale für politische Bildung: „Jede Stimme zählt“. Zuhören, berichten, bewegen – die Bundestagswahl 2017 im Lokalen. Redaktionskonferenz für Lokaljournalistinnen und Lokaljournalisten von Tageszeitungen. Flyer, 2017. (Hier als PDF-Datei verfügbar.)

Hardy, Cynthia: Scaling Up and Bearing Down in Discourse Analysis: Questions Regarding Textual Agencies and Their Context. In: Organization, 11(3), 2004, S. 415-425.

Hardy, Cynthia: How Institutions Communicate; or How Does Communication Institutionalize? In: Management Communication Quarterly, 25(1), 2011, S. 191-199.

pflichtlektüre: Rio! Zehn Studierende aus Dortmund und Bochum über ihren Weg zu den Olympischen Spielen in Brasilien. In: pflichtlektüre. Studierendenmagazin für Dortmund, 4, 2016, S. 20-25. (Die Ausgabe ist hier online abrufbar.)

Pöttker, Horst; Anke Vehmeier (Hrsg.): Das verkannte Ressort. Probleme und Perspektiven des Lokaljournalismus. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013.

Zschiesche, Sandra Morticia: Kulturorganisationen und Corporate Cultural Responsibility. Eine neoinstitutionalistische Analyse am Beispiel der Festivalregion Rhein-Neckar. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2015.

Mettage

Bei der früheren Zeitungsherstellung montierten spezialisierte Schriftsetzer, die Metteure (frz. mettre = setzen, stellen, legen), die Druckform einer Seite. Dazu stellten sie die in Blei gegossenen Textzeilen und Überschriften sowie die Klischees der Fotos oder Anzeigen nach dem Layout der meist anwesenden Redakteure in einen Schließrahmen (auch: Schiff oder Seitenschiff). Dieses Zusammenbauen der Seite war der Umbruch. Die entsprechende Abteilung des Druckunternehmens, auch den Umbruchprozess selbst, nannte man Mettage.

Von der in Blei umbrochenen und spiegelverkehrten Seite erhielten Korrektorat und Redaktion Korrekturabzüge (auch: Fahnen oder Druckfahnen). Nach letzten Änderungen und der Imprimatur (Druckerlaubnis) fuhr man die schweren Schiffe aus der Mettage in die nächste Produktionsabteilung. Dort wurde auf die Bleiseiten ein weicher Karton aus Pappe und Plastik gepresst. Dieser positive Abdruck, die Mater, ließ sich biegen und wiederum mit Blei zur runden Negativform für den Druckzylinder der Rotation ausgießen.

Metteure (Montierer) und Mettage existierten nach dem Ende des Bleisatzes vorübergehend auch noch im Klebeumbruch, als die Zeitungsseiten an Leuchtwänden mit gewachstem Papier zur Druckvorbereitung zusammengestellt wurden. In der modernen Zeitungsproduktion ist die Mettage verschwunden; der Umbruch erfolgt nur noch am Computer. Damit entfällt auch etwas, das jahrhundertelang den Beruf des Journalisten prägte: der unmittelbare Kontakt zwischen Metteuren und Redakteuren. Die selbstbewussten und politisch oft sehr interessierten Facharbeiter in der Mettage waren am Abend die ersten kritischen Leser der Journalisten, die ihnen beim Umbruch nicht selten ihre Meinung sagten (vgl. → Jargon).

Nachdrehe

0

Journalisten sind daran interessiert, Themen im Gespräch zu halten (zu ‘kochen’), vor allem dann, wenn sie sie selbst recherchiert haben. Diese Weiter- oder Nachberichterstat­tung be­zeichnen sie als Nachdrehe.

Berichtet die Redaktion heute von einem Skandal im städti­schen Bau­amt, dann kann sie am nächsten Tag Reaktionen darauf ver­melden und einordnen, am dritten Tag Bürger auf der Straße befragen und am vierten die Zustände in anderen Be­hörden ins Visier neh­men. So bleibt die öffent­liche Diskussion in Gang. Die Nachdrehe kann Aus­druck einer hartnä­cki­gen und konsequen­ten → Recherche sein. Der Begriff verweist aber auch auf negative Seiten dieses Prinzips: Das Nachdrehen beinhaltet die Gefahr des Überdrehens, also einer künstlich forcierten Aufmerksam­keits­steigerung, die unter Umständen mehr im Inter­esse des Medi­ums als dem der Öffentlichkeit liegt.

Im Jargon der Nachrichtenagenturen steht der Begriff Nachdrehe für die fortlaufende Aktualisierung von Meldungen und Berichten im Laufe eines Tages (vgl. auch → journalis­tischer Jargon).

O-Ton

Der Begriff ist eine Abkürzung für ‚Original-Ton‘ und bezeichnet die Audio- oder Video-Aufzeichnung von akustischen Dokumenten vor Ort. (1) Radio-Journalismus: authentische Wort- bzw. Geräusch-Aufnahmen. (2) Fernseh-Journalismus: vor Ort aufgezeichnete Aufnahmen (Bild und Ton).

(1) Radio-Journalismus: O-Töne lassen Radiobeiträge lebendiger werden. Besonders authentisch wirken O-Töne, die nicht eigens produziert wurden, sondern dem Leben ‚abgelauscht‘ sind. Dialektfärbung ist erwünscht und dient dem Lokalbezug. Axel Buchholz erwähnt als Beispiele: die Unterhaltung der Marktfrau mit einer Kundin, die Gespräche und Zurufe spielender Kinder, die Diskussion der Politesse mit einem Parksünder, die letzten Anweisungen eines Trainers vor dem Wettkampf, die Absprachen und Anweisungen der Helfer bei einem Unglück, die Fragen von Polizisten und die Entschuldigungen von Verkehrssündern bei einer Kontrolle.

(2) Fernseh-Journalismus: O-Ton wird beim Außendreh meist zusammen mit dem Bild aufgezeichnet. Der Einsatz reicht vom einfachen Statement bis zur komplexen Spielszene. Im Schnitt ist der Sprecher oft nicht mehr zu sehen, der Ton wird teilweise einem Schnittbild unterlegt. Die Atmosphäre (kurz: Atmo) besteht aus einem Mix mehrerer Geräusche. Sie wird oft synchron gedreht, wenn konkrete Ton-Bild-Bezüge zu erwarten sind, gelegentlich aber auch als ‚Nur-Ton‘, der dann später den Bildsequenzen unterlegt wird.

O-Ton ist ein wesentlicher Bestandteil von Berichten, Reportagen oder Features in Radio und Fernsehen. Statements, Umfragen und Vox Pops (der Stimme des Volkes, die man früher einfach ‚Straßenumfrage‘ nannte) bestehen praktisch nur aus O-Ton. O-Töne werden meist im → Interview eingeholt. Sie können zudem Atmosphäre enthalten, die die Aussage unterstützt. Bei der Fragestellung achten Journalisten darauf, dass die Antworten möglichst in vollständigen Sätzen bzw. Aussagen erfolgen. Darüber hinaus können O-Töne speziell eingeholte Stellungnahmen sein, Ausschnitte aus Reden und Pressekonferenzen oder Passagen aus Archivmaterial. Zum Thema O-Ton existiert vor allem Praxisliteratur.

Literatur:

La Roche, Walther von; Axel Buchholz (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 10. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Linke, Norbert: Radio-Lexikon. 1200 Stichwörter von A-cappella-Jingle bis Zwischenband. Berlin [List] 1997

Schult, Gerhard; Axel Buchholz (Hrsg.): Fernseh-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 8. Auflage. Berlin [Econ] 2011

online first

„online first“ (selten auch als „web first“ bezeichnet) beschreibt das Prinzip von Zeitungsverlagen, aktuelle Nachrichten zuerst für ihre Website aufzubereiten und dort zu veröffentlichen, bevor diese in der gedruckten Tageszeitung erscheinen. Leser werden damit über Neuigkeiten so schnell wie möglich im Internet oder über Social-Media-Kanäle informiert, statt dass Meldungen von Redaktionen zunächst zurückgehalten werden, um den Printlesern einen zeitlichen Vorzug zu gewähren.

In Deutschland waren ab Mitte der 2000er Jahre Spiegel online und Welt online Vorreiter dieser Methode, weltweit waren es der Guardian und die Times in London. Bis dahin herrschte in Verlagen die Meinung vor, dass insbesondere Exklusivnachrichten zuerst in der Printausgabe veröffentlicht werden sollten. Andernfalls würde der Anreiz zum Kauf einer Zeitung oder Zeitschrift wegfallen und sich Internet und Print kannibalisieren, wenn die Texte bereits kostenfrei im Netz abrufbar seien. Diese Sichtweise setzte allerdings voraus, dass es sich beim Internetangebot um kein Paid-Content-Modell handelt.

Redaktionen nahmen „online first“ anfangs unterschiedlich auf: Es wurde vermutet, dass der Zeitdruck und die Arbeitsbelastung für Journalisten steigt; schließlich werden die Texte häufig nicht 1:1 vom Internet in die gedruckte Zeitung übernommen, sondern Redakteure müssen eine für das Internet aufbereitete Kurzfassung schreiben. Dies erfolgt bei Presseterminen teilweise bereits vor Ort statt erst in den Redaktionsräumen, was auch als „mobile reporting“ beschrieben wird.

Das Prinzip „online first“ ging bei zahlreichen Redaktionen mit einer Umstrukturierung einher: Vielfach wurden Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt; ein gemeinsamer Newsroom entstand, aus dem heraus die verschiedenen Medien der Marke produziert werden.

Je aktueller und bedeutender ein Ereignis für die Leser ist, umso eher wird „online first“ angewandt. Bei Hintergrundgeschichten oder Servicebeiträgen wird diese Richtlinie teilweise außer Kraft gesetzt. Bei exklusiven Beiträgen erfolgt eine Abwägung und genaue Planung über den zeitlichen Verlauf der crossmedialen Veröffentlichung.

Die Weiterentwicklung ist das System „Online to Print“, das in Deutschland als erste überregionale Tageszeitung Die Welt (2013) und als erste Regionalzeitung der Nordbayerische Kurier aus Bayreuth (2015) für sich reklamieren. Nach diesem Grundsatz wird zunächst für die Website recherchiert und geschrieben und erst im Anschluss die Tageszeitung für eine Art „Best of“ berücksichtigt. Redaktionen lösen sich damit vom zeitungszentrierten Denken, da sich der Blick nicht ständig auf den nächsten Tag richtet, wenn die gedruckte Zeitung erscheint, sondern auf den aktuellen.

Verwandt ist der Begriff zudem mit „mobile first“. Dieser bezieht sich jedoch nicht auf den redaktionellen Arbeitsprozess, sondern auf die Webkonzeption. Während ursprünglich Internetseiten für die Darstellung am PC oder Laptop konzipiert waren und darauf aufbauend mobile Versionen für Tablets und Smartphones entwickelt wurden, wird dies bei „mobile first“ umgedreht: Zuerst werden mobile Seiten (zum Beispiel auch Apps) konzipiert und programmiert. Diese Vorgehensweise wählen Webentwickler aufgrund der veränderten Nutzungsgewohnheiten von Usern, die immer öfter mobil ins Internet gehen.

Literatur:

ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ (28.04.2017)

ARD/ZDF-Medienkommission: Geräte für die Internetnutzung. In: ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=557 (28.04.2017)

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 4. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016.

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Herausforderungen für Kommunikatoren, Konzepte und Nutzerforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2017.

Jakubetz, Christian: Universalcode 2020. Content + Kontext + Endgerät. Konstanz [UVK] 2016.

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. Crossmedia Storytelling Change Management. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015.

Redaktionsschwanz

0

Redaktionen sind verpflichtet, eine formal korrekte → Gegendarstellung von Lesern zuzulassen und abzudrucken, wenn diese von der Berichterstattung betroffen sind. Dies gilt unabhängig davon, ob die Tatsachen, die Leser in ihrer Sicht der Dinge behaupten, wahr sind oder nicht. Die Redaktion kann allerdings, einleitend oder unmittelbar nach der Gegendarstellung, noch einmal selbst Stellung beziehen. Diese Anmerkungen heißen Redaktionsschwanz.

Sie dürfen sich in der Regel nur auf die schon vorliegenden Tatsa­chen­behauptungen bezie­hen und müssen frei von Mei­nun­gen oder Werturteilen bleiben. Redaktionen weisen deshalb, wenn sie die Darstel­lung der Betroffenen bezweifeln, im Redaktions­schwanz gern darauf hin, dass sie ohne Rücksicht auf den Wahrheitsgehalt nach dem Landespres­se­gesetz zum Abdruck verpflich­tet sind. Natürlich können sie im Redaktionsschwanz die Darstellung der Leser aber auch für richtig erkennen und Selbstkritik üben.

Aufsehen erregte 1994 ein Verbot des Redaktionsschwanzes durch die SPD-Mehrheit im saarländischen Landtag. Die neue Regelung im saarländischen Presserecht („Lex Lafontaine“) sah unter anderem vor, jegliche Kommentierung von Gegendarstellungen bei deren Veröffentlichung unabhängig vom Wahrheitsgehalt zu verbieten. Anmerkungen der Redaktion durften erst in einer späteren Ausgabe gedruckt werden und hatten sich auf „tatsächliche“ Angaben zu beschränken. Journalisten und Juristen werteten dies bundesweit als Versuch des saarländischen Regierungschefs, „sich an der Journaille für ihre Enthüllungen [zu] rächen und kritischen Medien per Gesetz einen engmaschigen Maulkorb [zu] verpassen“ (Spiegel 1994: 34). Oskar Lafontaine hatte Anfang der 90er Jahre wegen einer Pensionsaffäre und einer Rotlichtaffäre (vgl. ebd.) in der öffentlichen Kritik gestanden und in diesem Zusammenhang von „Schweinejournalismus“ (ebd.: 37) gesprochen. Der Passus im Pressegesetz wurde nach der Niederlage der SPD bei den Landtagswahlen 1999 wieder verändert.

Anmer­kungen der Redaktion zu einem einfachen Leserbrief nennt man ebenfalls Redaktionsschwanz.

Literatur:

Der Spiegel: Letztes Wort für Lügner. Oskar Lafontaine will im Saarland das Presserecht verschärfen – trotz heftiger Kritik von allen Seiten. In: Der Spiegel, 17, 1994, S. 34-38.
(Der Artikel ist hier abrufbar.)