online first

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„online first“ (selten auch als „web first“ bezeichnet) beschreibt das Prinzip von Zeitungsverlagen, aktuelle Nachrichten zuerst für ihre Website aufzubereiten und dort zu veröffentlichen, bevor diese in der gedruckten Tageszeitung erscheinen. Leser werden damit über Neuigkeiten so schnell wie möglich im Internet oder über Social-Media-Kanäle informiert, statt dass Meldungen von Redaktionen zunächst zurückgehalten werden, um den Printlesern einen zeitlichen Vorzug zu gewähren.

In Deutschland waren ab Mitte der 2000er Jahre Spiegel online und Welt online Vorreiter dieser Methode, weltweit waren es der Guardian und die Times in London. Bis dahin herrschte in Verlagen die Meinung vor, dass insbesondere Exklusivnachrichten zuerst in der Printausgabe veröffentlicht werden sollten. Andernfalls würde der Anreiz zum Kauf einer Zeitung oder Zeitschrift wegfallen und sich Internet und Print kannibalisieren, wenn die Texte bereits kostenfrei im Netz abrufbar seien. Diese Sichtweise setzte allerdings voraus, dass es sich beim Internetangebot um kein Paid-Content-Modell handelt.

Redaktionen nahmen „online first“ anfangs unterschiedlich auf: Es wurde vermutet, dass der Zeitdruck und die Arbeitsbelastung für Journalisten steigt; schließlich werden die Texte häufig nicht 1:1 vom Internet in die gedruckte Zeitung übernommen, sondern Redakteure müssen eine für das Internet aufbereitete Kurzfassung schreiben. Dies erfolgt bei Presseterminen teilweise bereits vor Ort statt erst in den Redaktionsräumen, was auch als „mobile reporting“ beschrieben wird.

Das Prinzip „online first“ ging bei zahlreichen Redaktionen mit einer Umstrukturierung einher: Vielfach wurden Print- und Online-Redaktionen zusammengelegt; ein gemeinsamer Newsroom entstand, aus dem heraus die verschiedenen Medien der Marke produziert werden.

Je aktueller und bedeutender ein Ereignis für die Leser ist, umso eher wird „online first“ angewandt. Bei Hintergrundgeschichten oder Servicebeiträgen wird diese Richtlinie teilweise außer Kraft gesetzt. Bei exklusiven Beiträgen erfolgt eine Abwägung und genaue Planung über den zeitlichen Verlauf der crossmedialen Veröffentlichung.

Die Weiterentwicklung ist das System „Online to Print“, das in Deutschland als erste überregionale Tageszeitung Die Welt (2013) und als erste Regionalzeitung der Nordbayerische Kurier aus Bayreuth (2015) für sich reklamieren. Nach diesem Grundsatz wird zunächst für die Website recherchiert und geschrieben und erst im Anschluss die Tageszeitung für eine Art „Best of“ berücksichtigt. Redaktionen lösen sich damit vom zeitungszentrierten Denken, da sich der Blick nicht ständig auf den nächsten Tag richtet, wenn die gedruckte Zeitung erscheint, sondern auf den aktuellen.

Verwandt ist der Begriff zudem mit „mobile first“. Dieser bezieht sich jedoch nicht auf den redaktionellen Arbeitsprozess, sondern auf die Webkonzeption. Während ursprünglich Internetseiten für die Darstellung am PC oder Laptop konzipiert waren und darauf aufbauend mobile Versionen für Tablets und Smartphones entwickelt wurden, wird dies bei „mobile first“ umgedreht: Zuerst werden mobile Seiten (zum Beispiel auch Apps) konzipiert und programmiert. Diese Vorgehensweise wählen Webentwickler aufgrund der veränderten Nutzungsgewohnheiten von Usern, die immer öfter mobil ins Internet gehen.

Literatur:

ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/ (28.04.2017)

ARD/ZDF-Medienkommission: Geräte für die Internetnutzung. In: ARD/ZDF-Medienkommission (Hrsg.): ARD/ZDF-Onlinestudie 2016. http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=557 (28.04.2017)

Hooffacker, Gabriele: Online-Journalismus. Texten und Konzipieren für das Internet. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis. 4. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016.

Hooffacker, Gabriele; Cornelia Wolf (Hrsg.): Technische Innovationen – Medieninnovationen? Herausforderungen für Kommunikatoren, Konzepte und Nutzerforschung. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2017.

Jakubetz, Christian: Universalcode 2020. Content + Kontext + Endgerät. Konstanz [UVK] 2016.

Kaiser, Markus (Hrsg.): Innovation in den Medien. Crossmedia Storytelling Change Management. 2. Auflage. München [Verlag Dr. Gabriele Hooffacker] 2015.

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Markus Kaiser
*1978, Prof., ist seit April 2016 Professor für Praktischen Journalismus an der Technischen Hochschule Nürnberg, Journalist, Berater und Medienvernetzer. Er ist unter anderem Autor des Buchs Recherchieren aus dem Verlag Springer VS (Wiesbaden 2015) und Herausgeber von Innovation in den Medien aus dem Verlag Dr. Gabriele Hooffacker (München 2015). Arbeitsschwerpunkte: Recherche, digitaler Journalismus und Medieninnovationen. Kontakt: markus.kaiser(at)th-nuernberg.de