
Definition Schreiben
Schreiben kann als Kulturtechnik (Zanetti 2022: 29) und kommunikativer Prozess verstanden werden. Als Kulturtechnik bezeichnet Schreiben die soziokulturell erlernte, durch historisch wandelbare Konventionen strukturierte und medial vermittelte Bearbeitung von semiotischen Zeichensystemen (Barthels 2022: 1-3). Dabei wird ein Text denkend und formulierend, mittels motorischer Operationen und unter Nutzung verschiedener Schreib- und Trägermedien hervorgebracht und auf ein → Publikum ausgerichtet (Steinhoff 2023: 4; Hayes 2012: 375). Schreiben bezeichnet damit eine Modalität schriftsprachlicher Äußerung, deren kommunikativer Charakter in ihrer Funktion zur Mitteilung und sozialen Interaktion liegt (Jechle 1992: 4) und zugleich kulturkonstituierend die Verarbeitung, Speicherung und Vermittlung von Wissen ermöglicht (Zanetti 2022: 29-34).
Anschlussdefinition: Journalistisches Schreiben
Journalistisches Schreiben findet in redaktionell organisierten Kontexten statt und basiert auf etablierten Recherche-, Selektions- und Evaluationsprozessen sowie → journalistischen Darstellungsformen (Schäfer-Hock 2018: 8-9; Neuberger/Kapern 2013: 42-62). Kennzeichnend sind eine hohe Informationsverdichtung sowie Reichweiten- und Wettbewerbsorientierung (Rüskamp 2015: 247; Mäder 2023: 7). Die Textgestaltung richtet sich nach Gegenstand und kommunikativer Funktion, journalistischen Schreib- und Qualitätskriterien sowie den Erwartungen des Publikums (Schäfer-Hock 2018: 8, 66-67; Neuberger/Kapern 2013: 133-145). Darüber hinaus erfordert journalistisches Schreiben intertextuelle Kompetenzen, um Informationen aus verschiedenen → Quellen auszuwählen, zu synthetisieren und in Hinblick auf die eigene Aussage zu interpretieren (Häusermann 2011).
Geschichte
Als historisch variable Kulturtechnik ist Schreiben durch verfügbare Schreibmedien sowie Institutionen und Praktiken der Alphabetisierung geprägt. Friedrich Kittler hat dafür den Begriff ‚Aufschreibesysteme‘ geprägt, die „das Netzwerk von Techniken und Institutionen bezeichnen, die einer gegebenen Kultur die Adressierung, Speicherung und Verarbeitung relevanter Daten erlauben“ (Kittler 1995: 519). Diese transformieren sich bei Kittler von 1800 mit alphabetischem Monopol und Buchdruck über 1900 mit technischen Medien wie Grammophon, Film und Schreibmaschine (als Umbruch in Verbindung mit der Speicherung von Schrift, Bild und Ton) bis 2000 zum „totale[n] Medienverbund auf Digitalbasis“ (Kittler 1986: 8; zur historischen Aufarbeitung von Schrift- und Buchkultur vgl. ferner Giesecke 2017).
Die Handschrift ist zunächst besonders hervorzuheben, da Schreibenlernen zugleich körperlich-motorische, sprachliche und kognitive Routinen umfasst (vgl. Hurschler Lichtsteiner 2025). Neben technischen Medien wie der Schreibmaschine veränderten gerade die digitale Textverarbeitung auf dem Computer und mittlerweile das Schreiben auf mobilen Bildschirmen und Plattformen das Verhältnis von Körper, Schrift und Schreibmedium grundlegend (vgl. Park/Baron 2017: 153-161).
Die Komponenten des Schreibprozesses systematisierten Hayes und Flower (1980) in einem kognitionspsychologischen Modell, das später weiterentwickelt wurde. Hayes (2012: 369-375) unterscheidet Kontroll-, Prozess- und Ressourcenebene (siehe Abb.). Die Kontrollebene umfasst Motivation, Ziele und Schreibpläne, die Prozessebene Generieren, Bewerten, Formulieren, Verschriftlichen und das Aufgabenumfeld. Zur Ressourcenebene zählen Langzeit- und Arbeitsgedächtnis, Aufmerksamkeit und Lesen. Schreiben erscheint damit als koordiniertes Zusammenspiel kognitiver Prozesse und interner wie externer Ressourcen (vgl. auch Stollfuß 2026: 4).

Für journalistisches Schreiben sind diese Komponenten zu spezifizieren. Auf der Kontrollebene werden Motivation, Ziele und Schreibpläne durch kommunikative, → redaktionelle und organisationale Bedingungen bestimmt. Schreibziele orientieren sich an Gegenstand, Funktion, Publikum und journalistischen Darstellungsformen (Liesem 2015). Reichweitenorientierung und Konkurrenzdruck beeinflussen ebenfalls Auswahl und Präsentation. Rüskamp (2015: 247-248) unterscheidet Leseanreize sowie publikumsbezogene Bestimmungskriterien zur → Aufmerksamkeitssteuerung.
Auf der Prozessebene verbinden sich Hayes’ Operationen mit Recherche, Selektion und Evaluation. Informationen werden geprüft, gewichtet, synthetisiert und funktionsgerecht formuliert; auch das journalistische Rollenverständnis wirkt darauf ein (Neuberger/Kapern 2013: 83-84). Zum Aufgabenumfeld gehören Quellen, Recherchedatenbanken, Qualitätssicherung durch Redaktion und Kolleg:innen. Digitale Schreibmedien strukturieren zudem → Recherche, Textproduktion, Abstimmung und Publikation.
Auf der Ressourcenebene umfasst das Langzeitgedächtnis Sprach-, Welt-, Fach-, Themen- und Quellenwissen sowie Kenntnisse über Darstellungsformen und Zielgruppen. Arbeitsgedächtnis und Aufmerksamkeit werden durch die parallele Koordination von Recherche, Quellenprüfung und Formulierung unter Zeit- und Wettbewerbsdruck beansprucht (Rüskamp 2015: 247). Lesen dient Quellenbewertung, Überarbeitung und Qualitätssicherung. Journalistisches Schreiben ist somit ein sozial, medial und organisational eingebetteter, ressourcenabhängiger Schreibprozess (Neuberger/Kapern 2013: 30-41).
Gegenwärtiger Zustand und Forschungsstand
→ Digitale Medien erweitern das Funktionsspektrum des Schreibens entsprechend den technischen Möglichkeiten der jeweiligen Schreibumgebung (Steinhoff 2023). Sie sind dabei nicht lediglich als Werkzeuge zu verstehen, die Schreibhandlungen erleichtern oder um Funktionen ergänzen (Abraham 2018: 269). Steinhoff (2023) konzeptualisiert digitale Technologien vielmehr als ko-agierende „Hardware-Software-Ensembles“, die Schreibprozesse mitkonstituieren. Ihre Funktionalitäten erzeugen spezifische „Gebrauchssuggestionen“ (nach Hirschauer, zit. und diskutiert in Steinhoff 2023: 10-12) und prägen damit Schreibprozesse und -produkte. Textverarbeitungsprogramme, Messenger oder → Social-Media-Plattformen schaffen unterschiedliche Bedingungen für Informationsverarbeitung, Gestaltung, Interaktion und Publikation und wirken so an den mit Schreiben verbundenen Denkprozessen mit (Steinhoff 2023: 7-8; Stollfuß 2026: 5-6).
Für journalistisches Schreiben ist diese Perspektive anschlussfähig, da digitale Medien den gesamten Produktionsprozess von Recherche und Quellenerschließung über Selektion und Evaluation bis zu Kooperation, Publikation und Distribution durchziehen (Diering 2012; Wolf 2014; Hohlfeld 2017). → Suchmaschinen und Datenbanken strukturieren den Zugang zu Quellen, Content-Management-Systeme die Beitragsproduktion, Analysedaten die Publikumsorientierung und Plattformen die Gestaltung und Distribution journalistischer → Inhalte (Ananny/Finn 2020: 1600; Sjøvaag/Ferrer-Conill/Olsen 2025: 1331). Die vernetzte Infrastruktur aus → Internetzugang, Cloudplattformen, kollaborativen Schreibumgebungen und Publikationssystemen ermöglicht zudem arbeitsteilige und synchrone Produktionsprozesse, in denen Quellen geteilt, Texte gemeinsam bearbeitet, publiziert und aktualisiert werden (Steinhoff 2023: 7).
Eine grundlegende Veränderung erfährt digitales Schreiben gegenwärtig durch generative → Künstliche Intelligenz (KI), auch in Bezug auf das Verhältnis von Schriftlichkeit und (Plattform-)Oralität (Engemann 2025: 47-74). KI-Anwendungen gehen über unterstützende Werkzeuge hinaus und sind als mitgenerierende „writing machines“ an der Sprachproduktion beteiligt (Hayles 2023). Schreiboperationen können dadurch automatisiert, mindestens aber in neue Mensch-Maschine-Interaktionen überführt werden. Im Journalismus betrifft dies etwa die Erschließung und Strukturierung von Recherchematerial, Quellenzusammenfassungen sowie die Generierung, Überarbeitung und Anpassung von Texten (Cools/Diakopoulos 2026; Wu 2026). Teilaufgaben werden damit an generative → algorithmische Prozessakteure delegiert und die Verteilung von Schreiboperationen neu organisiert (im Sinne einer sich ausweitenden „algorithmischen Kultur“ vgl. Striphas 2015).
Diese Verschiebung bleibt jedoch an journalistische Qualitätsanforderungen gebunden (Wu 2026: 394-402). Quellenbewertung, → Faktenprüfung und Qualitätskontrolle bleiben auch bei technisch unterstützter Recherche, Selektion und Formulierung zentrale professionelle Aufgaben. Generative KI verändert somit neben dem journalistischen Werkzeugrepertoire auch die Bedingungen, unter denen Autorschaft, Verantwortung und Kontrolle ausgehandelt werden (vgl. bereits Montal/Reich 2017). Digitales Schreiben verweist damit auf die jeweiligen „mechanics of its era“ (O’Sullivan/Grigar 2019: 438). Kommunikative und professionelle Anforderungen bleiben bestehen, während die Bedingungen ihrer Realisierung durch digitale Medien und gegenwärtig insbesondere generative KI fortlaufend rekonfiguriert werden.
Literatur
Abraham, Ulf: Digitale Schreib-, Präsentations- und Publikationsmedien. In: Frederking, Volker; Axel Krommer; Thomas Möbius (Hrsg.): Digitale Medien im Deutschunterricht. 2. Auflage. Baltmannsweiler [Schneider] 2018, S. 269-289.
Ananny, Mike; Megan Finn: Anticipatory News Infrastructures: Seeing Journalism’s Expectations of Future Publics in its Sociotechnical Systems. In: New Media & Society 22, 9, 2020; S. 1600-1618.
Barthels, Katja: Schreibszenen historisieren: Methodologische Überlegungen zu einer Erforschung des Flüchtigen. In: Katja Barthel (Hrsg.): Dynamiken historischer Schreibszenen: Diachrone Perspektiven vom Spätmittelalter bis zur klassischen Moderne. Berlin [De Gruyter] 2022, S. 1-28.
Cools, Hannes; Nicholas Diakopoulos: Uses of Generative AI in the Newsroom: Mapping Journalists’ Perceptions of Perils and Possibilities. In: Journalism Practice 20, 3, 2026, S. 878-896.
Diering, Frank; Ansgar Mayer: Die vernetzte Redaktion: Von Dramaturgen, Komponisten und Story-Geografen. In: Fachjournalist 10, 2, 2012, S. 10-13.
Engemann, Christoph: Die Zukunft des Lesens. Berlin [Matthes & Seitz] 2025.
Giesecke, Michael: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit: Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. 2. Auflage. Frankfurt am Main [Suhrkamp] 2017.
Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. 3. Auflage. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2011.
Hayes, John R.: Modeling and remodeling writing. In: Written Communication 29, 3, 2012, S. 369-388.
Hayes, John R.; Linda S. Flower: Identifying the Organization of Writing Processes. In: Lee W. Gregg und Erwin R. Steinberg (Hrsg.): Cognitive Processes in Writing. Hillsdale, NJ: Erlbaum, 1980, S. 3-30.
Hayles, N. Katherine: Inside the Mind of an AI: Materiality and the Crisis of Representation. In: New Literary History 54, 1, 2023, S. 635-666.
Hohlfeld, Ralf: Crossmedialität im Journalismus. In: Otto, Kim; Andreas Köhler (Hrsg.): Crossmedialität im Journalismus und in der Unternehmenskommunikation. Wiesbaden [VS] 2017, S. 17-42.
Hurschler Lichtsteiner, Sibylle: Motorische Prozesse beim Handschrift- und Tastaturschreiben – Ein Vergleich aus schriftdidaktischer Perspektive. In: Schüler, Lisa; Nadja Lindauer (Hrsg.): Didaktik des Tastaturschreibens. Bochum [Universitätsbibliothek der Ruhr-Universität Bochum] 2025, S. 46-65.
Jechle, Thomas: Kommunikatives Schreiben: Prozess und Entwicklung aus der Sicht kognitiver Schreibforschung. Tübingen [Gunter Narr] 1992.
Kittler, Friedrich A.: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin [Brinkmann & Bose] 1986.
Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800/1900. 3., vollständig überarbeitete Auflage. München [Fink] 1995.
Liesem, Kerstin: Professionelles Schreiben für den Journalismus. Wiesbaden [VS] 2015.
Mäder, Alexander: Journalistisches Schreiben: Grundlagen und Möglichkeiten. Ditzingen [Reclam] 2023.
Montal, Tal, Zvi Reich: I, Robot. You, Journalist: Who is the Author? Authorship, Bylines and Full Disclosure in Automated Journalism. In: Digital Journalism 5, 7, 2017, S. 829-849.
Neuberger, Christoph; Peter Kapern: Grundlagen des Journalismus. Wiesbaden [VS] 2013.
O’Sullivan, James; Dene Grigar: The Origins of Electronic Literature as Net/Web Art. In: Brügger, Niels; Ian Milligan (Hrsg.): The SAGE Handbook of Web History. Boston [SAGE Publications] 2019, S. 428-440.
Park, Sora; Naomi S. Baron: Experiences of Writing on Smartphones, Laptops and Paper in the Digital Age. In: Vincent, Jane; Leslie Haddon (Hrsg.): Smartphone Cultures. London [Routledge] 2017, S. 150-163
Rüskamp, Wulf: Journalistisches Schreiben. In: Nünning, Vera (Hrsg.): Schlüsselkompetenzen: Qualifikationen für Studium und Beruf. Stuttgart [Metzler] 2015, S. 247-262.
Schäfer-Hock, Christian: Journalistische Darstellungsformen im Wandel: Eine Untersuchung deutscher Tageszeitungen von 1992 bis 2012. Wiesbaden [VS] 2018.
Sjøvaag, Helle; Raul Ferrer-Conill; Ragnhild Kr. Olsen: Capture Beyond the Platforms: The Material and Infrastructural Conditions for Digital Journalism. In: Digital Journalism 13, 7, 2025, S. 1331-1350.
Steinhoff, Torsten: Der Computer schreibt (mit): Digitales Schreiben mit Word, Whatsapp, ChatGPT & Co. als Koaktivität von Mensch und Maschine. In: MiDU. Medien im Deutschunterricht 5, 1, 2023, S. 1-16.
Stollfuß, Sven: Lesen und Schreiben. In: Samida, Stefanie; Manuela Glaser; Lina Franken (Hrsg.): Handbuch Materialität und Digitalität. Stuttgart [Metzler] 2026. Online-First. https://doi.org/10.1007/978-3-662-69987-4_56-1.
Striphas, Ted: Algorithmic Culture. In: European Journal of Cultural Studies 18, 4-5, 2015; S. 395-412.
Wolf, Cornelia: Mobiler Journalismus: Angebote, Produktionsroutinen und redaktionelle Strategien deutscher Print- und Rundfunkredaktionen. Baden-Baden [Nomos] 2014.
Wu, Shangyuan: Journalists as Individual Users of Artificial Intelligence: Examining Journalists‘ „Value-Motivated Use“ of ChatGPT and other AI Tools Within and Without the Newsroom. In: Journalism 27, 2, 2026, S. 388-406.
Zanetti, Sandro: Über Schreiben als Kulturtechnik hinaus – Literaturwissenschaftliche Schreibprozessforschung. In: Barthel, Katja (Hrsg.): Dynamiken historischer Schreibszenen: Diachrone Perspektiven vom Spätmittelalter bis zur klassischen Moderne. Berlin [De Gruyter] 2022, S. 29-44.


