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Genres

    Eine Einführung von Horst Pöttker

    Wortherkunft: lat. genus, frz. genre = Gattung, Wesen, Art

    Definition:
    Als journalistische Genres bezeichnet man mehr oder weniger feste, etablierte und durch Lehrbücher formell standardisierte Darstellungsformen im professionellen Journalismus, z. B. → Nachricht, → Reportage, Kommentar oder → Interview.

    Geschichte:

    Die zentralen Genres Nachricht, Kommentar, Reportage und Interview haben sich im Journalismus mit der Massenpresse durchgesetzt, die als gewinnorientiertes kapitalistisches Unternehmen für ein möglichst großes und heterogenes Publikum attraktiv sein sollte und gleichzeitig von den Verlegern nach betriebswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Kalkülen organisiert wurde.

    Da die ersten kommerziellen ‘Penny-Papers’ in den USA bereits in den 1830er Jahren gegründet wurden, hat sich die Entwicklung der Genres zu professionellen Standards zuerst im amerikanischen Journalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vollzogen, mit einem Schub in den 1880er Jahren. In Europa, wo die Massenpresse (‘Generalanzeiger’) ein halbes Jahrhundert später entstand, fand die Entwicklung der Genres mit entsprechender Verzögerung statt, wobei sowohl die Orientierung am amerikanischen Muster als auch eigenständige funktionale Faktoren eine Rolle gespielt haben.

    Auch wenn die Genres erst durch die Massenpresse und andere Medienentwicklungen im Journalismus auf breiter Front durchgesetzt worden sind, haben einzelne kreative Journalisten sie schon weit früher praktiziert, weil sie ihr kommunikatives Potential erkannt hatten.

    Gegenwärtiger Zustand:

    Genres sind lern- und trainierbare → Arbeitstechniken. Sie dienen der Aufgabe des Journalismus, → Öffentlichkeit im Sinne eines Optimums an Unbeschränktheit der gesellschaftlichen Kommunikation herzustellen, indem sie für journalistische Mitteilungen (Informationsinhalte) die Chance erhöhen, von Lesern, Hörern oder Zuschauern aufgenommen zu werden. Genres ebnen Informationsinhalten den Weg zum Publikum, indem sie helfen, Rezeptionswiderstände zu überwinden. Durch ihre feste Form wecken alle Genres bei potentiellen Rezipienten bestimmte Erwartungen an das journalistische Produkt. Sie eignen sich als Brücken für den Kommunikationsprozess, der zur Aufnahme des Informationsinhalts durch das Publikum führt. Über die generelle Gewöhnung hinaus wird die Rezeption durch besondere Aufmerksamkeits- und → Verständlichkeitsfaktoren gefördert, die als kommunikative Leistungsprinzipien für das jeweilige Genre charakteristisch sind. Mit den kommunikativen Leistungsprinzipien korrespondieren ebenfalls genrespezifische stilistische Merkmale.

    Aus der kommunikativen und stilistischen Spezifik ergeben sich außerdem Beziehungen zwischen Genres und Typen von Gegenständen des Journalismus. Wegen der unterschiedlichen Gegenstandstypen können darüber hinaus unterschiedliche → Recherchetechniken für Genres spezifisch sein.

    Abgesehen von ihrer kommunikativen Funktion sind Genres journalistische Produktionsroutinen, mit denen sich für die Journalisten und Medienunternehmen ökonomische Funktionen verbinden. Genres bringen eine eingeschliffene Regelhaftigkeit von Arbeitsabläufen mit sich, die Zeit spart und die Koordination von Tätigkeiten im Rahmen der → redaktionellen Organisation erleichtert.

    Forschungsstand:

    Im deutschen Sprachgebiet sind journalistische Genres am intensivsten in der DDR von Wissenschaftlern der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig erforscht und in der → Journalistenausbildung gelehrt worden. Der dortige Wissenschaftsbereich Sprache und Journalismus hat eine reichhaltige Literatur über stilistische Merkmale von Genres hervorgebracht, wobei man durchaus ihre kommunikative Funktion im Auge hatte. Nach 1989 versiegte die Leipziger Genrelehre. In der Kommunikationswissenschaft des vereinten Deutschlands ist es nur vereinzelt zu Anknüpfungsversuchen gekommen. Ähnlich unproduktiv war schon die wissenschaftliche Literatur über journalistische Textgattungen in der Bundesrepublik Deutschland vor 1990.

    In der englischsprachigen Kommunikationswissenschaft, die stärker am Journalismus und seinen professionellen Standards interessiert ist, konzentriert sich die Genre-Forschung bisher auf die Nachricht. Für die Entstehung der Nachricht im 19. Jahrhundert werden dabei vor allem äußere Faktoren wie die anfängliche Unzuverlässigkeit der Telegraphentechnologie, Machtinteressen der Nordstaaten-Regierung im Amerikanischen Bürgerkrieg, der Umbruch zum technokratischen Bildungsideal in der ‘Progressive Era’ oder als ökonomische Zwänge interpretierte Verlegerinteressen verantwortlich gemacht. Genres hingegen werden nur selten mit der kommunikativen Leistungsfähigkeit des Journalismus in Zusammenhang gebracht. Insgesamt gehört die sowohl historisch als auch funktional orientierte Genre-Forschung, die für die überzeugende Vermittlung der Genres in der Journalistenausbildung eine wichtige Grundlage wäre, zu den Desideraten der Journalistik und Kommunikationswissenschaft.

    Literatur:

    Andriefski, Peter; Peter Hackenschmidt; Kurt Rose: Die Nachricht als journalistisches Genre. Studientexte zur journalistischen Methodik. Leipzig [Karl-Marx Universität, Sektion Journalistik] 1989

    Haller, Michael: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. 2. Auflage. München [Ölschläger] 1990

    Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. München [Ölschläger] 1991

    Häusermann, Jürg: Journalistisches Texten. Sprachliche Grundlagen für professionelles Informieren. Konstanz [UVK] 2001

    Karl-Marx-Universität, Sektion Journalistik (Hrsg.): Wörterbuch der sozialistischen Journalistik. Leipzig 1984

    Karst, Theodor (Hrsg.): Reportagen. Stuttgart [Reclam] 1976

    Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke; Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

    Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch: Sich verständlich ausdrücken. 5. Auflage. München/Basel [Ernst Reinhardt] 1993

    La Roche, Walther von: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege. 11. Auflage. München [List] 1988

    Pöttker, Horst: Heines Tagesberichte für die „Allgemeine Zeitung“. Ein Beitrag zur Geschichte und Bestimmung der Reportage. In: Jarren, Otfried; Gerd G. Kopper; Gabriele Toepser-Ziegert (Hrsg.): Zeitung – Medium mit Vergangenheit und Zukunft. Eine Bestandsaufnahme. Festschrift aus Anlass des 60. Geburtstags von Hans Bohrmann. München [de Gruyter] 2000, S. 27-46

    Pöttker, Horst: News and its Communicative Quality: The Invertred Pyramid – when and why did it appear? In: Journalism Studies, 4, 2003, S. 501-511

    Roloff, Eckart Klaus (Hrsg.): Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

    Schulze, Rolf: Die Reportage in der sozialistischen Presse. Leipzig [Karl-Marx-Universität Sektion, Journalistik] 1980

    Straßner, Erich: Journalistische Texte. Grundlagen der Medienkommunikation. Tübingen [Niemeyer] 2000

Horst Pöttker
Horst Pöttker
*1944, Prof. i.R., Dr., war von 1996 bis 2013 Professor am Institut für Journalistik der Technischen Universität Dortmund. Z. Zt. Lehrbeauftragter an den Universitäten Hamburg, Stawropol und Wien. Seit 2017 Initiator und Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Journalistik/Journalism Research. Arbeitsschwerpunkte: Theorie und Geschichte des Journalismus, Berufsethik, journalistische Darstellungsformen. Kontakt: horst.poettker (at) tu-dortmund.de Horst Pöttker hat Einführungsbeiträge geschrieben zur → Geschichte des Journalismus, → Berufsethik, zu → journalistischen Genres sowie zur → Pressefreiheit.

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Bericht

Wortherkunft: abgeleitet vom gemeingerm. Verb ‚berichten‘, ursprünglich ‚in Ordnung bringen, belehren, unterweisen‘; heute: ‚Kunde von etwas geben, mündlich oder schriftlich darlegen‘; auch nichtjournalistisch benutzt für Schriftstücke wie Protokoll, Unfallbericht oder Lebenslauf.

Der Bericht ist ein Genre des informierenden Journalismus und gilt als eine der ältesten journalistischen Darstellungsformen: Konkret taucht er schon in den ersten Zeitungen Westeuropas im 17. Jahrhundert auf. Der Bericht ist eng mit dem Genre der → Nachricht verwandt: Er hat einen aktuellen Anlass und ist auch sprachlich zumeist nüchtern, knapp, präzise, seriös und tatsachenbetont formuliert. Inhaltlich stellt der Bericht das Geschehen objektiviert, d.h. so wahrheitsgemäß wie möglich dar. Die Person des Schreibenden tritt in den Hintergrund, die Perspektive ist an der Sache orientiert.

Im Gegensatz zur Nachricht ist der Bericht eine zusammenhängende Darstellung eines Geschehens, die in der Regel in ihrer Struktur dem zeitlichen Ablauf folgt und auch Momentaufnahmen wiedergibt. Durch sie wird die Dynamik eines Geschehens deutlich. Der Bericht informiert detailliert und anschaulich, zeigt das Wie und Warum auf. In ihn können Hintergrund, Zusammenhang, Vorgeschichte und längere Zitate einfließen.

In der journalistischen Praxis muss der Aufbau des Berichtes nicht immer chronologisch sein, sondern kann – wie die Nachricht – dem Prinzip der abnehmenden Wichtigkeit folgen, das sich hier in der Regel nicht auf jeden Satz, sondern auf ganze Absätze bezieht. Strukturelle Vorgaben sind jedoch variabel. Durchgehend ist der dokumentarische Charakter, allerdings können Berichte auch analytische Elemente enthalten, indem der Journalist das Geschehen kurz kommentiert und bewertet. Auf dieser Grundlage unterscheiden einige Forscher informierende und analytische Berichte. Zudem existiert eine Differenzierung zwischen dem direkten Bericht, der das Geschehen im Ganzen wiedergibt, und dem thematischen, bei dem aktuelles Material zugeschnitten und hervorgehoben wird. Der Bericht wird täglich von Zeitung, Radio und Fernsehen benutzt.

Literatur:

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

La Roche, Walther von; Gabriele Hooffacker; Klaus Meier: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland Österreich • Schweiz. 19. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz [UVK] 2000

Noelle-Neumann, Elisabeth; Winfried Schulz; Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon. Publizistik/Massenkommunikation. Frankfurt/M. [Fischer] 2002

Roloff, Eckart Klaus: Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1996

Sonderhüsken, Hermann: Kleines Journalisten-Lexikon. Fachbegriffe und Berufsjargon. Konstanz [UVK] 1994

Essay

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Wortherkunft: frz. essai = Versuch, Entwurf, Probe; von lat. exagium = Untersuchung, Prüfung.

Definition:
In der Publizistik bezeichnet der (oder das) Essay eine Abhandlung über ein politisches, kulturelles, gesellschaftliches oder wissenschaftliches Thema, die nach Länge, Stil und Anspruch eine Sonderrolle einnimmt und sich einer klaren Einordnung entzieht. Journalistische und schriftstellerische Elemente treffen hier zusammen; die künstlerisch-kreative Gestaltung kann dominieren.

Manche Autoren erwähnen die Nähe zu Gattungen wie Traktat, Abhandlung, Aphorismus, Fragment und → Feuilleton. Charakteristisch für Essays ist ein ambitionierter Sprachstil mit einprägsamen, treffenden Passagen. Dazu können virtuose, überraschende Argumente kommen, die das Urteil des Rezipienten herausfordern, aber nichts diktieren wollen. Dabei ist Lockerheit und Subjektivität nicht mit einem Mangel an → Qualität und gedanklicher Einsicht gleichzusetzen. Zum Essay gehört das weder abschließende noch regelhafte oder gar systematische Vorbringen von Aspekten. Gute Essays sind meist das Ergebnis gründlicher Beschäftigung mit ihrem Gegenstand; „das aggressive Aufbrechen gedanklicher Verkrustungen und Vorurteile ist sein wesentliches Kennzeichen“ (Adam 1991). Sie sollen ebenso anregend wie herausfordernd und assoziativ angelegt sein. Zu den Besonderheiten des Essays zählen das Entwickeln von Gedanken, die freie Komposition, die Vielgestaltigkeit des Sujets, der Skeptizismus als philosophische Basis und die → Wahrhaftigkeit des Schreibenden.

Geschichte:
Als Begründer dieses Genres gilt der Philosoph Michel de Montaigne, der 1580 die ersten zwei Bände unter dem Titel „Les Essais“ veröffentlicht hat, in denen er seine feinfühligen und freimütigen Gedanken über die menschliche Natur darlegte. Essayähnliche Texte sind schon aus der Antike erhalten (Seneca, Theophrastos von Eresos). Montaigne meinte, dass seine Werke die Entwicklung eines Gedankenganges nahebringen und jeder Gedanke in der ursprünglichen Form nachvollzogen werden könne. Dabei tritt er oft als Fragender auf. In England begründete Francis Bacon die essayistische Tradition. Die erste Ausgabe seiner manchmal moralisierenden Essays stammt von 1597.

Seit dem 17. Jahrhundert ist das Genre in Europa sehr populär. Von der Aphoristik von François de La Rochefoucauld bis zu den Charakteren des Jean de La Bruyère gab es mehrere Veränderungen. In der Aufklärungszeit fasste man das Essayistische als die Erfahrung des Verfassers mit Blick auf ethische, politische, philosophische und religiöse Themen auf. So erschienen im Journalismus satirische Essays von Henry Fielding, porträtierende Essays von Samuel Johnson, philosophische Essays von Voltaire, politische Essays von Benjamin Franklin und Persönlichkeiten der Großen Französischen Revolution. In der deutschen Klassik gelten Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Johann Gottfried Herder und die Brüder Schlegel als bedeutende Essayisten, in neuerer Zeit die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge.

Gegenwärtiger Zustand:
Die Entwicklung des Journalismus brachte viele Modifizierungen des Genres mit sich. Außer den erwähnten Essayarten sind der sentimentale, der romantische, der reflektierende, der literarisch-kritische, der humoristische, der populärwissenschaftliche, der biografische, der kunsthistorische, der historische, der futurologische Essay sowie das Essaygespräch zu nennen. Besonders im 20. Jahrhundert nahmen Essays einen festen Platz in Periodika ein. Im Fernsehen gibt es keine Essays, jedoch seit 1950 in anspruchsvollen Hörfunkprogrammen, zum Teil mit verteilten Sprechern. Aktuell präsent sind Radio-Essays zum Beispiel in den Sendungen Essay und Diskurs im Deutschlandfunk und im Kulturmagazin Mosaik (WDR 3).

Forschungsstand:
Innerhalb der neueren medienwissenschaftlichen Gattungsforschung gibt es im Gegensatz zur Literaturwissenschaft und Komparatistik nur wenige Studien zu Essays.

Literatur:

Adam, Wolfgang: Der Essay. In: Knörrich, Otto (Hrsg.): Formen der Literatur in Einzeldarstellungen. 2. Auflage. Stuttgart [Alfred Kröner] 1991, S. 88-98.

Bense, Max: Radiotexte. Essays, Vorträge, Hörspiele. Heidelberg [Universitätsverlag Winter] 2000.

Gehring, Petra: Der Essay – ein Verbindendes zwischen Philosophie und Literatur? In: Eckel, Wilfried; Uwe Lindemann (Hrsg.): Text als Ereignis. Programme – Praktiken – Wirkungen. Berlin [de Gruyter] 2017, S. 157-175.

Haas, Gerhard: Essay. Stuttgart [Metzler] 1969.

Lenz, Siegfried: Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur. Drei Essays. München [dtv] 2003.

Nolte, Rainer (Hrsg.): Essays von der Aufklärung bis heute. Berlin [Cornelsen] 1993.

Rohner, Ludwig: Der deutsche Essay. Neuwied/Berlin [Luchterhand] 1966.

Rutschky, Michael: Stichwort Essay: Unterscheidungen ignorieren. In: Dittberner, Hugo (Hrsg.): Kunst ist Übertreibung. Wolfenbütteler Lehrstücke zum Zweiten Buch I. Göttingen [Wallstein] 2003, S. 228-237.

Schärf, Christian: Geschichte des Essays. Von Montaigne bis Adorno. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1999.

Stanitzek, Georg: Essay – BRD. Berlin [Vorwerk 8] 2011.

Zima, Peter V.: Essay / Essayismus. Zum theoretischen Potenzial des Essays. Von Montaigne bis zur Postmoderne. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2012.

Feature

Wortherkunft: im 20. Jahrhundert von engl. feature übernommen, dort Merkmal, Eigenschaft, charakteristischer Grundzug, entlehnt aus altfrz. faiture, lat. factura = das Machen, die Bearbeitung. Eingedeutscht heute auch in den Verbformen verfietschern und anfietschern gebräuchlich.

Das Feature ist ein künstlerisch-publizistisches Genre des illustrierenden, authentifizierenden Journalismus. Es ist keine eigene einheitliche Darstellungsform, sondern setzt sich aus Elementen der → Reportage und des → Berichts zusammen. Das Feature vermittelt Sachinformationen in gestalteter, komponierter Form, kann dazu Dokumente (Tagebücher, Memoiren, Chroniken usw.), szenische Effekte, Zitate u.ä. einfließen lassen. Seine Intention ist, einen abstrakten Sachverhalt ins Konkrete der Alltagserfahrung zu übersetzen. Dies geschieht durch einen Wechsel zwischen Anschauung und Abstraktion, Schilderung und Schlussfolgerung, durch bildliche, lebhafte und facettenreiche Sprache.

Das Genre stammt aus der amerikanischen Presse, der Begriff meint dort jedoch fast den gesamten Bereich der Publizistik. In Deutschland hat sich das Feature nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in Funk und Fernsehen durch Sprecher- und Szenenwechsel sowie Einblendung von Statements zu einem Thema herausgebildet. Dann übernahm es auch die Presse.

Das Feature muss keinen aktuellen Anlass haben, sondern kann einen Zustand aufzeigen. Die Frage der Form stellt sich dabei für jedes Thema neu, strukturelle Vorgaben gibt es nicht. Das Feature kann deshalb als die freieste Form der → journalistischen Genres bezeichnet werden. Trotz dieser gestalterischen Freiheit beruht es ausschließlich auf Tatsachen. Ziel ist, den Rezipienten emotional begreifen zu lassen, welche Dimension das jeweilige Thema hat. Durch die unterhaltenden Elemente sollen die Informationen leichter an den Rezipienten verkauft werden.

In der journalistischen Praxis ist Feature mitunter zu einem Modewort für unterschiedliche mediale Produkte geworden. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) etwa versteht darunter vor allem Service-Themen, die selten an ein aktuelles Ereignis gebunden sind und als zusätzliche Dienstleistung verstanden werden. Features im obigen Sinn finden sich täglich in Zeitung, Radio und Fernsehen. – mit so unterschiedlichen Themen wie Dschihad im Klassenzimmer? Wie Schüler und Lehrer mit Radikalisierung umgehen (Hessischer Rundfunk), Der Preis der Heilung. Ein Feature über Pharmakonzerne und das Leid der Patienten (ARD radiofeature) oder Mehr Schmerz als Kommerz. Neue Töne im Musical (Deutschlandfunk).

Literatur:

La Roche, Walther von; Gabriele Hooffacker; Klaus Meier: Einführung in den praktischen Journalismus. Mit genauer Beschreibung aller Ausbildungswege Deutschland Österreich • Schweiz. 19. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2013

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz [UVK] 2000

Noelle-Neumann, Elisabeth; Winfried Schulz; Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon. Publizistik/Massenkommunikation. Frankfurt/M. [Fischer] 2002

Roloff, Eckart Klaus: Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

Schneider, Wolf; Paul-Josef Raue: Handbuch des Journalismus. Reinbek [Rowohlt] 1996

Sonderhüsken, Hermann: Kleines Journalisten-Lexikon. Fachbegriffe und Berufsjargon. Konstanz [UVK] 1994

Feuilleton

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Wortherkunft: frz. feuillet = Blättchen; frz. feuilleton = kleines Seitenformat, etwa ein Drittel des damaligen Druckbogens, entstammt der Druckersprache um 1790

Definition:
Der Begriff steht im deutschen Journalismus für (1) ein Zeitungsressort; (2) subjektiv geformte journalistische Beiträge unterschied­lichen Inhalts; (3) ein erzählendes Textgenre.

(1) Nach Pariser Vorbild trennten deutsche Zeitungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts den unteren Teil ihrer Seiten mit einer Linie von politischen Nachrichten ab. Die neue Rubrik „unter dem Strich“ wurde mit Gesellschaftsplaudereien und Unterhaltung, auch mit Theaterreferaten oder Buchbesprechungen gefüllt. Das Feuilleton stand und steht damit in der Tradition der ,gelehrten Artikel’ des 18. Jahrhunderts, emanzipierte die → Kunstkritik aber von ihren akademischen Ursprüngen und machte sie einem breiten Publikum zugänglich. Zugleich folgte das Ressort dem Anspruch von Publizisten der Aufklärung, zu belehren und zu vergnügen.

Eine erste Blüte erlebte das Feuilleton im Vormärz. Während politische Berichterstattung durch die Zensur stark eingeschränkt war, verhalf die geistreich-subjektive, oft hintergründige Art, über Kunst und Gesellschaft zu schreiben, mancher Zeitung zum Erfolg. Nach 1848 professiona­lisierte sich der Journalismus und mit ihm das Feuilleton. In Wien und Berlin feierte der Typus des flanierenden Alltagsbeobachters Triumphe (vgl. die dritte Definition des Begriffs). Parallel dazu bildete sich die Kunst­rezension auf hohem Niveau aus (vgl. die → Musikkritik Eduard Hanslicks [1993ff.], oder die → Theaterkritik Theodor Fontanes).

In der vielfältigen Presselandschaft der Weimarer Republik entwickelte sich das Feuilleton zu einem Hohlspiegel intellektueller Richtungskämpfe. Theaterkritiker wie Alfred Kerr und Herbert Ihering (1986) hatten erheblichen Einfluss auf das Bühnenleben. Die Nationalsozialisten zerschlugen das Feuilleton und ersetzten es durch die Sparte Kulturpolitik; Kritik galt nun als ‘zersetzend’ und hatte der (völkischen) ‘Kunstbe­trachtung’ zu weichen. In der Tagespresse der DDR folgte das Feuilleton den rigiden Maximen einer ‘parteilichen’ Ästhetik, während sich in der Wochenpresse vereinzelt auch eigenständige Stimmen zu Wort meldeten.

Das Feuilleton der Bundesrepublik war nach 1945 vergleichsweise nüchtern und unpolitisch. Rezensierende Kunstbericht­erstattung und Leserservice wurden ausgebaut. In jüngster Zeit zeichnet sich wieder mehr Formenvielfalt sowie eine Öffnung für gesellschaftspo­litische Debatten ab.

(2) Schon in der Publizistik der Aufklärung bildete sich eine prononciert subjektiver Stil aus (vgl. Gotthold Ephraim Lessing, Georg Christoph Lichtenberg). Nach 1800 ging der Begriff Feuilleton vom → Ressort auch auf journalistische Texte unterschiedlichen Inhalts über, die durch solche Stilmittel herausragen. So kann eine anspruchsvoll und geistreich gestaltete Musikrezension ,ein Feuilleton’ werden. Man bezeichnet aber auch eine subjektiv ausgeformte Gerichtsreportage als Gerichtsfeuilleton, einen Reisebericht als Reisefeuilleton, einen politischen Kommentar oder → Essay als politisches Feuilleton.

(3) Ein Feuilleton kann schließlich Geschehnisse gestalten, die sich weniger in der nachrichtlich relevanten Außenwelt zutragen als im Subjekt des Beobachters selbst. Der Feuilletonist als Flaneur der Städte sucht Alltagsbegebenheiten, die er neu, oft symbolisch überhöht interpretiert. Erst durch seine sprachliche Bewältigung werden sie zu Ereignissen. Feuilleton bezeichnet also auch eine eigene verdichtende Erzählform. Im heutigen Sprachgebrauch wird diese pointierende Kurzform häufig mit der Glosse gleichgesetzt. Glänzende Schlaglichter auf Mensch und Gesellschaft (Victor Auburtin [1994ff.], Alfred Polgar [1982ff.], Kurt Tucholsky, in der DDR → Heinz Knobloch [1973]) stehen in der Geschichte des Genres Feuilleton immer wieder neben affektierter Formulierung von banalen Gedanken. Der Begriff ,feuilletonistisch’ wird daher häufig auch abwertend gebraucht.

Literatur:

Auburtin, Victor: Gesammelte kleine Prosa. Werkausgabe in Einzelbänden. Miniaturen und Feuilletons aus der Nachkriegszeit. Hrsg. von Peter Moses-Krause. Berlin [Das Arsenal] 1994ff.

Haacke, Wilmont: Handbuch des Feuilletons. 3 Bände. Emsdetten [Lechte] 1951-1953

Hanslick, Eduard: Sämtliche Schriften. Aufsätze und Rezensionen. 7. Bände. Hrsg. von Dietmar Strauß. Wien [Böhlau] 1993ff.

Ihering, Herbert: Theater in Aktion. Kritiken aus drei Jahrzehnten. 1913-1933. Hrsg. von Edith Krull und Hugo Fetting. Berlin [Henschel] 1986

Kauffmann, Kai; Erhard Schütz (Hrsg.): Die lange Geschichte der Kleinen Form. Berlin [Weidler] 2000

Knobloch, Heinz (Hrsg.): Allerlei Spielraum. Feuilletons aus 225 Jahren. Berlin [Der Morgen] 1973

Polgar, Alfred: Kleine Schriften. Hrsg. von Marcel Reich-Ranicki und Ulrich Weinzierl. Werkausgabe in 6 Bänden. Reinbek [Rowohlt] 1982-1986

Reus, Gunter: Ressort: Feuilleton. Kulturjournalismus für Massenmedien. Konstanz [UVK/Ölschläger] 1995

Stegert, Gernot: Feuilleton für alle. Strategien im Kulturjournalismus der Presse. Tübingen [Niemeyer] 1998

Fotostrecke

Abfolge von Bildern zu einem bestimmten Thema in (1) Print- und (2) Online-Medien. Im angelsächsischen Journalismus wird unterschieden zwischen ‘picture story’ (abgeschlossene Geschichte, die in Bildern erzählt wird), ‘picture sequence’ (Bewegungsablauf in ausgewählten Bildern ähnlich dem Film) und ‘picture essay’ (Fotoreportage).

(1) Mit dem Aufkommen der Illustrierten begann die Hochphase der Bildreportage im Magazin. Sie bebildert Reiseberichte ebenso wie Berichte von Mode-Events oder People-Storys.

(2) Online begann der Siegeszug der Bildfolge mit der Erfindung grafischer Web-Browser (wie Mosaic, 1993) und der zunehmend höheren Übertragungsgeschwindigkeit. Fotostrecken spielen eine wesentliche Rolle bei der Anstrengung, die Page Impressions (Klickzahlen) zu erhöhen.

Vorreiter der Bildberichterstattung war in Deutschland die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ). Sie druckte 1883 die ersten Fotografien. In der Weimarer Republik waren der Fotograf Erich Salomon (1886-1944) in der BIZ wegweisend für den Fotojournalismus, Wolfgang Weber (1902-1985) für die Münchner Illustrierte Zeitung sowie die BIZ. Fotoreportagen prägten die Boulevardmedien des Hugenberg-Konzerns ebenso wie Willi Münzenbergs Arbeiter Illustrierte Zeitung (AIZ). In der NS-Zeit wurden sie für Propagandazwecke eingesetzt. „Nach dem zweiten Weltkrieg besannen sich die Illustrierten zunächst auf ihre unpolitische Vergangenheit“, bemerkt Rudolf Stöber.

Bis heute sollen sich Text- und Bildreportage ergänzen. Dabei erfolgte die Bildauswahl zunächst aufgrund des Texts. Mit der Verbesserung der Drucktechnik gewann die Auswahl geeigneter Fotos die Oberhand in den Magazinen.

Fotostrecken sind bei Online-Medien im Rahmen des ‘User Generated Content’ beliebt und haben durch den Aufschwung der Digitalfotografie in den vergangenen Jahren erheblich an Quantität zugenommen. Dramaturgisch stehen sie allerdings nur selten in der Tradition der Foto-Lovestory, die 1972 erstmals in der Jugendzeitschrift BRAVO veröffentlicht wurde und sich für mehrere Jugendgenerationen zu einer der bekanntesten medialen Fotostrecken im deutschen Zeitschriftenjournalismus entwickelte.

Literatur:

Grittmann, Elke; Irene Neverla, Ilona Ammanno (Hrsg.): Global, lokal, digital – Fotojournalismus heute. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2008

Rossig, Julian J.: Fotojournalismus. Konstanz [UVK] 2006

Sachsse, Rolf: Bildjournalismus heute. Beruf, Ausbildung, Praxis. München [List] 2003

Stöber, Rudolf: Deutsche Pressegeschichte. 2. Auflage. Konstanz [UTB/UVK] 2005

Interview

Interview_WikimediaImages_pixabay_comWortherkunft: engl. interview = Befragung; Zusammensetzung aus lat. inter = zwischen u. engl. view = sehen; basierend auf frz. entrevue = (verabredete) Zusammenkunft

Definition:
Der Begriff ‚Interview‘ bezeichnet gleichzeitig ein Genre und eine → Recherchemethode zur Informationsgewinnung. Als journalistisches Genre stellt es einen dialogischen Text dar, in dem der Journalist einen Akteur (gelegentlich auch mehrere) befragt.

Das Frage-Antwort-Schema ist eine Grundregel des Interviews; Abweichungen kommen zwar vor (z. B. Feststellungen oder Meinungsäußerungen des Journalisten; Gegenfragen des Akteurs), werden aber zuweilen als Regelverstöße betrachtet, obwohl sie die kommunikative Qualität erhöhen. Das Interview unterscheidet sich von längeren Formen (Gespräch, Talkshow), die mehr Elemente eines symmetrischen Dialogs enthalten. Im Unterschied zu anderen journalistischen Grundformen (wie → Nachricht und → Bericht) dient das Interview weniger dazu, objektive (auf andere Weise recherchierbare) Fakten zu ermitteln, als vielmehr, subjektive Erfahrungen, Einschätzungen oder Prognosen zu erfragen. Nach reinen Fakten wird dann gefragt, wenn die interviewte Person die einzige Quelle oder eine von mehreren sich widersprechenden Quellen ist. Aus der Sicht des Journalisten hat seine Gesprächsführung ermittelnde sowie vermittelnde Aufgaben. Im Interview werden Informationen (Sachverhalte, Beurteilungen, Standpunkte) nicht nur erfragt, sondern auch dem Zielpublikum verständlich gemacht.

Geschichte:
Als eigenständiges journalistisches Genre ist das Interview in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in US-Zeitungen nachgewiesen. Bis zu dieser Zeit begrenzten die Journalisten die Wiedergabe des Gesprächs auf Zitate, die den Text beleben sollten. Zuerst erschienen Interviews nur vereinzelt. Seit den 1890er Jahren nahm dieses Genre immer mehr Platz in den Zeitungsspalten ein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete sich das Interview auch in Europa, gewann Popularität und rief Veränderungen im Status des Journalisten hervor. Er wandelte sich von einem unpersönlichen Nacherzähler eines Gesprächs zu einem Gesprächspartner bedeutender politischer Persönlichkeiten oder Künstler. Berichte über Gespräche zwischen Journalisten und Akteuren gab es Ende des 19. Jahrhunderts auch im deutschen Sprachgebiet. Formen, bei denen der Befrager in kritische Distanz zum Befragten geht, setzten sich allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch.

Gegenwärtiger Zustand:
Das Genre ‚Interview‘ lässt sich nach funktionalen oder thematischen Gesichtspunkten unterteilen. Die hauptsächlichen Funktionen sind Information und Analyse. Im Informationsinterview tritt der Gesprächspartner als Faktenlieferant oder auch Zeuge eines Ereignisses auf. Im analytischen Interview wird eine Sache aus dem Blickwinkel des Interviewpartners beurteilt. Im Vordergrund steht dessen Kompetenz, ein Problem, das die → Öffentlichkeit angeht, zu erklären und zu bewerten. Das analytische Interview besteht in der Regel aus drei Teilen: In der Einleitung macht der Journalist den Gesprächspartner und das Publikum mit dem Thema bekannt. Im Frage-Antwort-Teil leitet er mit Hilfe seiner Fragen die Diskussion und vermittelt die Einschätzungen des Interviewten bezüglich des Themas oder seiner Person. Im abschließenden Teil bietet eine rückblickende oder weiterführende Frage die Möglichkeit zu einer Zusammenfassung oder einem Ausblick. Unter Umständen formuliert der Interviewer selbst eine kurze Schlusssequenz.

Möglich ist auch eine thematische Klassifikation. Traditionell ist die Aufteilung in Interviews zur Sache (z. B. das Fach-lnterview, bei dem ein Experte seine Positionen zu einem Thema oder Ereignis, das der Journalist vorgegeben hat, darlegt, wobei der Journalist durch seine Fragen den Verlauf des Gesprächs modelliert) und Interviews zur Person (z. B. das Prominenteninterview, in dem eine bekannte Persönlichkeit über sich selbst und ihre künstlerische oder politische Biographie spricht).

In der journalistischen Praxis unterscheiden sich Interviews stark durch die Beziehung zwischen Kommunikator und Akteur (Nähe oder Ferne – etwa aus Gründen der persönlichen Bekanntheit, der sozialen Stellung oder der unterschiedlichen fachlichen Kompetenz). Dies drückt sich z. B. in der thematischen Einengung, in der Frageweise oder in der Länge der Wortbeiträge aus. Kritische Distanz zwischen den Beteiligten demonstrieren u.a. Interviews mit Politikern zu kontroversen aktuellen Themen. Sie sind gekennzeichnet durch eine Vielzahl an geschlossenen Fragen, kritische Nachfragen oder auch metakommunikative Kommentare. Wohlwollende Nähe findet man hingegen in Interviews mit Prominenten, die aus ihrem Leben erzählen, oder auch mit sozial benachteiligten Personen, mit deren Anliegen sich der Kommunikator identifiziert. Hier werden eher offene Fragen gestellt, die Ansichten des Interviewten oft nicht problematisiert. Als heikel gelten Interviews mit Experten, die gegenüber dem Befrager einen Informationsvorsprung haben (z. B. Ärzte oder Wissenschaftler), gleichzeitig aber entschieden die Interessen einer Akteursseite (Verband, Forschungsrichtung, politische Instanz) vertreten.

Das Interview wird oft als Element komplexer Informationsangebote eingesetzt, z. B. als Bestandteil einer Nachrichtensendung, einer Hintergrundseite in der Zeitung oder eines thematisch einheitlichen Magazins. Das Interview als eigenständige Form (etwa als wiederkehrende Sendung oder als längerer Printbeitrag) erfordert vom Journalisten umfangreiches Wissen über das Thema und die Persönlichkeit des Gegenübers, Standfestigkeit und Reaktionsfähigkeit, vor allem aber Beharrlichkeit in Bezug auf die vom Interviewten erwartete Information. Die Atmosphäre des Gesprächs hängt stark von den Fragen des Journalisten und der (auch medialen) Umgebungssituation ab. Nicht zuletzt steuert aber auch die interviewte Person mit ihrer Erfahrung und Einstellung den Charakter des Gesprächs – zum Beispiel durch die Länge der Antworten, freiwillige Zusatzinformationen oder Abweichen vom interviewtypischen Rollenverhalten (etwa durch Rückfragen, Schweigen, Metakommunikation).

In Printmedien wird im Interview entweder die Frage-Antwort-Abfolge übernommen oder die Antworten werden in einen berichtenden, reportierenden oder porträtierenden Text eingebaut. In Hörfunk, Fernsehen und Online-Medien ermöglicht die Wiedergabe in Audio- und Video-Formaten (aufgezeichnet oder live) besondere → Authentizität. Im Online-Journalismus sind heute sehr lange und ungekürzte Interviews möglich, die von den dramaturgischen Zwängen der knappen Print- Radio- und Fernsehformen befreit sind.

Forschungsstand:
Als Erhebungsmethode wird das Interview in den Sozialwissenschaften ausführlich beschrieben. Als journalistische Textform wird es seit den 1980er Jahren vermehrt vor allem mit linguistischen und diskursanalytischen Methoden untersucht.

Literatur:

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Dudenverlag] 2001

Friedrichs, Jürgen; Ulrich Schwinges: Das journalistische Interview. 4. Auflage. Opladen/Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016

Haller, Michael: Das Interview. Ein Handbuch für Journalisten. 5. Auflage. Konstanz [UVK] 2013

Häusermann, Jürg; Heiner Käppeli: Rhetorik für Radio und Fernsehen. 2. Auflage. Aarau / Frankfurt/M. [Sauerländer] 1994

Kurz, Josef; Daniel Müller; Joachim Pötschke, Horst Pöttker; Martin Gehr: Stilistik für Journalisten. 2. Auflage. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2010

Scannell, Paddy (Hrsg.): Broadcast Talk. London u.a. [Sage] 1991

Kritik

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Wortherkunft: griech. kritein = unterscheiden, auswählen, deuten, beurteilen.

Definition:
Die Kritik ist ein Argumentationsgenre vor allem des Kulturjournalismus. Der ebenfalls verwendete Ausdruck ‚Rezension‘ wird häufig für das Besprechen eines Buches, Films oder Konzerts, einer Oper- und Theaterinszenierung, einer Ausstellung, eines Restaurants u. ä. verwendet.

Geschichte:
In der Antike war die „kritiké techné“ die Kunst der Beurteilung, die in der Rhetorik und im öffentlichen Austausch eine erhebliche Rolle spielte. Aus dem zunächst neutralen, möglichst objektiven und sachlichen Urteilen wurde jedoch die meist negative Einschätzung und Bewertung eines Sachverhaltes bis hin zur → Schmähkritik und zum Verächtlichmachen von Personen. Daher sind Zuordnungen wie harte, vernichtende, scharfe, schonungslose Kritik häufiger als Adjektive wie wohlwollend, freundlich, positiv und glänzend.

Die frühen gedruckten Nachrichtenträger (Flugblätter, Almanache, Messrelationen) kannten noch kaum Kritik. Erst mit der Aufklärung, den neuen Normen und Werten der Freiheitsbewegungen, dem Auflehnen gegen absolutistische und pseudodemokratische Systeme und dem Ringen um Menschenrechte wurde die Kritik zu einem Prinzip nicht nur der politischen Publizistik, das aber erst allmählich presserechtlich zugestanden wurde. Zuvor gab es zahlreiche Eingriffe der Zensur, unter anderem Beschlagnahmen, Verbote, Haft- und Geldstrafen. Die Autoren versuchten, ihnen durch ‚Kritik zwischen den Zeilen‘ und allegorische Tarnung (Camouflage), durch schwer anklagbare satirische Elemente, aber auch durch heimliches Verbreiten verbotener Inhalte zu entgehen.

Gegenwärtiger Zustand:
Im Journalismus nimmt das Genre der Kritik mit seinen teils referierenden, vor allem aber kommentierenden Elemente einen hohen Rang ein. Dort kommt der Ausdruck ‚Kritik‘ in drei Bedeutungen vor:

1) Kritik ist ein entscheidendes Prinzip, das innerhalb demokratischer Systeme und in Verbindung mit der Kontrollfunktion der Medien untrennbar zur öffentlichen Vermittlung von Information und Unterhaltung gehört. So gibt es Kritik etwa gegenüber der Politik, Religionen, Gesellschaften und Wirtschaftssystemen.

2) Kritik ist im Sinn eines journalistischen Genres die Besprechung eines meist künstlerischen Werkes, bei der der Autor sowohl unterrichtet als auch argumentativ urteilt. Das geschieht häufig in stilistisch anspruchsvoller und zugespitzter Form. Daneben gibt es auch Bewertungen wissenschaftlicher Neuerungen (z. B. in Medizin und Technik) nach meist festgelegten und nachprüfbaren Kriterien. Zudem verbreiten Medien oft Warentests wirtschaftlicher Produkte.

3) Schließlich ist ,die Kritik‘ ein nicht genau bestimmbares Kollektiv von Kritikern, die sich öffentlich etwa in Vorträgen und Podiumsdiskussionen, vor allem aber in den Massenmedien artikulieren.

Allerdings ist das Genre seit über zehn Jahren nicht mehr dem Journalismus vorbehalten. Weil heute nahezu alle im Internet ihre Meinung publizieren können (etwa durch Kommentare, Bewertungsportale und eigene Blogs), hat die journalistische Kritik an Bedeutung eingebüßt. Nach wie vor funktionieren aber Fachmagazine, die sich auf Kritiken spezialisiert haben, im Filmbereich (etwa Cinema, epd film), im Literaturgenre (Bücher, während die einflussreiche Zeitschrift Literaturen stark reduziert wurde), im Bereich Musik (Rolling Stone, musikexpress), Theater (Das Theater Magazin, Die deutsche Bühne, musicals – Das Musicalmagazin) sowie bei Verbraucherthemen (Stiftung Warentest, Ökotest). Im Fernsehen sind neben kritischen Diskussionen, Reportagen und Servicemagazinen die Literatursendungen Druckfrisch (ARD) sowie das Literarische Quartett (ZDF) hervorzuheben.

Forschungsstand:
Wie bei der Darlegung des gegenwärtigen Zustandes muss auch hier zwischen Gegenständen der Makro- und Mikroforschung differenziert werden: Einerseits befasst sich die Forschung mit der Kritik- und Kontrollfunktion der Medien insgesamt sowie mit dem Feld des ,kritischen Journalismus‘, andererseits mit der Kritik als journalistischer Darstellungsform.

Kritik- und Kontrollfunktion: Drüeke und Weber weisen darauf hin, dass Demokratiemodelle „in der Wächterrolle der Medien deren zentrale Funktion sehen“ (2016: 227, siehe auch Welchering 2018: 61). Zum einen wird Dritten die Möglichkeit gegeben, mit Kritik- und Kontrollaussagen zu Wort zu kommen. Zum anderen nehmen Medien diese Aufgabe selbst wahr, indem Journalisten „Missstände in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur öffentlich bekannt machen oder in meinungsbetonten Beiträgen […] politisches Handeln […] beurteilen und bewerten“, beschreibt es Pürer (2008: 13). Drüeke und Weber verwenden für diese Funktion den Begriff des Watchdog Journalismus (2016: 227ff.). Zu dessen Aufgaben gehören u.a. investigative Recherche, kritische Interviews sowie die Überprüfung politischer Informationen (ebd.: 227). In Ländern, in denen die Pressefreiheit eingeschränkt ist, können Journalisten allerdings kaum mehr diese Rolle als Wächter einnehmen (vgl. ebd.: 230f.). Diesen Umstand beobachtet seit 2002 die Organisation Reporter ohne Grenzen: Ihr jährlich aktualisierter Index will den Grad der Pressefreiheit aller Staaten der Erde bestimmen; dabei orientiert er sich auch am Ausmaß der rechtlich nicht verfolgten Kritik.

Kritischer Journalismus: Abseits politischer Restriktionen stellt die Forschung ein weiteres Problem in den Vordergrund: Kritischer Journalismus ist zwar eine „fundamentale Voraussetzung für das Funktionieren eines demokratischen Gemeinwesens“ (Schumann 2018: 113); Journalismus sei jedoch wirtschaftlich → abhängig und manipulierbar „und immer auch eingebettet in gesellschaftliche Machtstrukturen“ (ebd.: 114). Schumann spricht von der „gegenseitigen Instrumentalisierung“ (ebd.: 117) und zitiert die Journalistin Ulrike Herrmann von der taz, die es „implizite Korruption“ nennt (ebd.: 118). Zudem bestimmen nach wie vor „ökonomische Zwänge und Interessenspolitiken die medialen Darstellungen“ (Michniewicz 2010), wodurch „eine ausgewogene und kritische Berichterstattung infrage gestellt wird“ (Tumber 2001, zit. n.: Drüeke/Weber 2016: 233). Welchering (2018: 63) führt als Beispiel „Content Marketing als journalistische Dienstleistung“ an (siehe auch Gonser/Rußmann 2017). Folge der Kommerzialisierung sei, dass man als kritischer Journalist „nicht nur mit äußeren Gegnern in Konflikt gerät, sondern auch mit den eigenen Kollegen“ (Schumann 2018: 118). Aufgrund dieser Mechanismen gebe es redaktionell nur selten „innere Pressefreiheit“ (ebd.).

Letztlich sieht die Forschung im kritischen Journalismus sowohl positive als auch negative Tendenzen: „Der großen Mehrheit fehlt heute […] schlicht die Zeit, um guten und kritischen Journalismus zu betreiben“ (ebd.: 114). Denn wer „kritisch berichten will, muss mehr wissen als die anderen“ (ebd.: 119); dies bedeutet intensivere → Recherche (siehe auch → Quellenvielfalt, → Vollständigkeit). Voßkuhle (2013) sieht im Echtzeitjournalismus eine Ursache, während Welchering feststellt, dass es in diesem Beruf eine „häufig anzutreffende Haltungslosigkeit“ gebe (2018: 62).

Allerdings sei eine Gegenbewegung (ebd.: 67) spürbar, die auch Drüeke und Weber beschreiben: Die Digitalisierung verändere den Watchdog Journalismus, „da sich prinzipiell jeder als Watchdog betätigen kann. Die Möglichkeiten von Privatpersonen, Informationen zu veröffentlichen, die auf unethisches Verhalten oder falsches Handeln von Regierungen, Organisationen, der Polizei, aber auch Medien hinweisen, sind damit gestiegen“ (2016: 231). Die Bedeutung von Watchblogs nehme zu (vgl. ebd.), gleichwohl erreiche im deutschsprachigen Raum im Bereich der Medienkritik bisher nur Bildblog.de „entsprechend große Klickzahlen“ (ebd.: 232); ferner könne laut Welchering (2018: 67) kein in Blogs und Podcasts tätiger Journalist von dieser Tätigkeit leben. Dennoch ist medienkritischer Journalismus ein immer wieder anzutreffendes Forschungsfeld (siehe bspw. Niesyto/Moser 2018; Dietrich/Thiele 2013; Spiller/Degen 2012; Hutter 2009; Mammen 2008; Wied 2008; Fengler 2007). Aufarbeitungen etwa zu kritischem Umweltjournalismus (Lennartz 2012) oder zu Kunstkritik (Becker 2015) werden dagegen als Randbereiche registriert.

Auch die journalistische Ausbildung nimmt sich dieses Themas an: ,Kritischer Journalismus‘ ist ein Seminar an der Universität Hamburg benannt, kann an der Axel Springer Akademie belegt werden und bei der Panter Stiftung der taz. Darüber hinaus wird seit 2005 der Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus vergeben.

Kritik als Darstellungsform: Die Forschung unternimmt einerseits den Versuch, die Kritik durch Definition (z.B. „ein Kommentar zur Bewertung eines Ergebnisses künstlerischer Arbeit oder ihrer Darbietung“, Hettinger/Kramp 2013: 58f.) und schematischen Aufbau (Beschreibung und Beurteilung/Analyse) zu standardisieren. Andererseits gelingt es ihr, die Varianz des Genres zu beleuchten, indem etwa Volker Hage (2009) nicht nur die Formen der Kritik ausweitet (wie Kurz-, Sammel- und Porträtkritik), sondern auch andere meinungsorientierte Darstellungsformen wie Glosse und Leitartikel als Kritik beschreibt (siehe auch Schalkowski 2011). Hierzu gesellt sich die Praxisliteratur, die Merkmale einer guten Rezension erläutert (Hannig 2012; Porombka 2006).

Außerdem wird die Kritik als Teil des → Feuilletons aufgegriffen, das sich in Charakter und Bedeutung einem Wandel unterzieht und neben der Werkkritik die Aufgabe hat, Kultur- und Gesellschaftskritik zu üben (Hettinger/Kramp 2013: 39f., 49; Lüddemann 2015; Lamprecht 2011, Porombka 2006: 10). Der Einfluss journalistischer Kritik auf den Kulturbetrieb ist jedoch „unsicher“: Ob sie ein Beleg für die „Macht der Kritik auf das künstlerische Schaffen“ sei oder ohne Wirkung auch auf den Rezipienten, ist „immer wieder Anlass für Diskussionen um die gesellschaftliche Relevanz“ (Hettinger/Kramp 2013: 59).

Im Zuge der Digitalisierung befasst sich die Forschung schließlich mit der Frage, wie Medienmacher mit Verbraucherkritiken im Internet (Primbs 2016: 128), insbesondere aber mit Formen der Kritik in sozialen Netzwerken wie Shitstorms und Hate Speech umgehen sollten (u.a. Stegbauer 2018; Brodnig 2016).

Literatur:

Anz, Thomas; Rainer Baasner (Hrsg.): Literaturkritik. Geschichte – Theorie – Praxis. München [C.H. Beck] 2004.

Axel Springer Akademie: Kritischer Journalismus. Berlin, 2019. https://www.axel-springer-akademie.de/info/kritischer-journalismus.html (13.03.2019)

Becker, Jenny: Kritik der Ausstellungskritik. Wie Journalisten über Ausstellungen schreiben – Lesarten eines vernachlässigten Mediums. Riga [AV Akademikerverlag] 2015.

Brodnig, Ingrid: Hass im Netz. Was wir gegen Hetze, Mobbing und Lügen tun können. Wien [Brandstätter] 2016.

Bücher, Karl: Die deutsche Tagespresse und die Kritik. Tübingen [Mohr (Paul Siebeck)] 1915.

Chill, Hanni; Hermann Meyn: Funktionen der Massenmedien in der Demokratie. In: Informationen zur politischen Bildung, Heft 260(3), 1996.

Dietrich, Bennet; Martina Thiele: Medienkritische Weblogs als Hüter des kritischen Journalismus? Phasen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit neuen Formen der Medienkritik. In: MedienJournal, 37(2), 2013, S. 58-72.

Drews, Jörg (Hrsg.): Literaturkritik – Medienkritik. Heidelberg [Quelle & Meyer] 1977.

Drüeke, Ricarda; Karsten Weber: Watchdog Journalism (Watchdog-Journalismus). In: Deutscher Fachjournalisten-Verband (Hrsg.): Journalistische Genres. Konstanz/München [UVK] 2016, S. 227-238.

Fengler, Susanne: Die große Invasion der www-Watchdogs. In: message, 2, 2007, S. 20-23.

Fischer, Heinz-Dietrich (Hrsg.): Kritik in Massenmedien. Objektive Kriterien oder subjektive Wertung? Köln [Deutscher Ärzteverlag] 1983.

Foucault, Michel: Was ist Kritik? Berlin [Merve] 1992.

Ganguin, Sonja; Uwe Sander: Zur Entwicklung von Medienkritik. In: Gross, Friederike von; Dorothee M. Meister; Uwe Sander (Hrsg.): Medienpädagogik – ein Überblick. Weinheim/Basel [Beltz Juventa] 2014, S. 229-246.

Glotz, Peter: Buchkritik in deutschen Zeitungen. Hamburg [Verlag für Buchmarkt-Forschung] 1968.

Gonser, Nicole; Uta Rußmann: Verschwimmende Grenzen zwischen Journalismus, Public Relations, Werbung und Marketing. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2017.

Hage, Volker: Kritik für Leser. Vom Schreiben über Literatur. Frankfurt/M. [suhrkamp] 2009.

Hannig, Nicolai; Hiram Kümper: Rezensionen. finden – verstehen – schreiben. Frankfurt/M. [Wochenschau] 2012.

Hering, Gerhard F.: Meister der deutschen Kritik 1730-1830. Von Gottsched zu Hegel. München [dtv] 1961.

Hettinger, Holger; Kramp, Leif: Kultur. Basiswissen für die Medienpraxis. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2013.

Hutter, Andres: Watchblogs: Medienkritik 2.0? Eine inhaltsanalytische Untersuchung journalistischer Qualität in medienkritischen Weblogs. Boizenburg [vwh] 2009.

Jaeggi, Rahel; Tilo Wesche (Hrsg.): Was ist Kritik? Frankfurt/M. [Suhrkamp] 2009.

Lamprecht, Wolfgang (Hrsg.): Weißbuch Kulturjournalismus. Wien [Löcker] 2011.

Lennartz, Marc Wilhelm: Umweltjournalismus. Wachsam und kritisch in komplexem Umfeld. In: Fachjournalist, 2, 2012, S. 27-30.

Lentz, Michael: Was ist Kritik? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.01.2019, S. 16.

Lüddemann, Stefan: Kulturjournalismus. Medien, Themen, Praktiken. Wiesbaden [Springer VS] 2015.

Mammen, Nils: Weblogs und Wandel von Öffentlichkeit im World Wide Web – Eine explorative Studie medienkritischer Blogs. München [GRIN] 2008.

Michniewicz, Marta: Bürgerjournalismus in der digitalen Öffentlichkeit. Die politische Rolle von Blogs in der gegenwärtigen Zeit. Hamburg [Diplomica] 2010.

Niesyto, Horst; Heinz Moser (Hrsg.): Medienkritik im digitalen Zeitalter. München [kopaed] 2018.

Otto Brenner Stiftung: Otto Brenner Preis für kritischen Journalismus. Ziele des Wettbewerbs zur Förderung eines kritischen Journalismus. Frankfurt/M., 2019. https://www.otto-brenner-preis.de/otto-brenner-preis/allgemeines-zum-preis/ (13.03.2019)

Porombka, Stephan: Kritiken schreiben. Ein Trainingsbuch. Konstanz [UVK] 2006.

Primbs, Stefan: Social Media für Journalisten. Redaktionell arbeiten mit Facebook, Twitter & Co. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2016.

Prokop, Dieter: Das fast unmögliche Kunststück der Kritik. Erkenntnistheoretische Probleme beim kritischen Umgang mit Kulturindustrie. Marburg [Tectum] 2007.

Pürer, Heinz: Medien und Journalismus zwischen Macht und Verantwortung. In: medienimpulse, Heft 64, Juni 2008, S. 10-16.

Reporter ohne Grenzen: Rangliste der Pressefreiheit 2018. https://www.reporter-ohne-grenzen.de/fileadmin/Redaktion/Presse/Downloads/Ranglisten/Rangliste_2018/Rangliste_der_Pressefreiheit_2018_-_Reporter_ohne_Grenzen.pdf

Schalkowski, Edmund: Kommentar, Glosse, Kritik. Konstanz [UVK] 2011.

Schumann, Harald: Beenden wir das Rattenrennen! Was kritischer Journalismus heute bedeutet. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, 3, 2018, S. 113-120.

Spiller, Ralf; Matthias Degen: Watchblogs – ein überschätztes Instrument der Medienkritik. In: Studies in Communication Sciences, 12(1), 2012, S. 34-40.

Stegbauer, Christian: Shitstorms. Der Zusammenprall digitaler Kulturen. Wiesbaden [Springer Fachmedien] 2018.

Tumber, Howard: Democracy in the Information Age: The Role of the Fourth Estate in Cyberspace. In: Information, Communication & Society, 1, 2001, S. 95-112.

Ueding, Gert: Kritik. In: Ueding, Gert (Hrsg.): Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Band 10. Darmstadt [WBG] 2011, Sp. 530-545.

Voßkuhle, Andreas: Kritischer Journalismus als Verfassungsauftrag. Festrede anlässlich der Verleihung des Otto-Brenner-Preises 2013 für kritischen Journalismus. In: medienpolitik.net, 13.11.2013. http://www.medienpolitik.net/2013/11/medienkritischer-journalismus-als-verfassungsauftrag/

Welchering, Peter: Mut-Journalismus. Warum wir unseren Berufsstand nicht einfach abschaffen lassen sollten. In: Journalistik. Zeitschrift für Journalismusforschung, 2, 2018, S. 61-70.

Wied, Kristina; Jan Schmidt: Weblogs und Qualitätssicherung. Zu Potenzialen weblogbasierter Kritik im Journalismus. In: Quandt, Thorsten; Wolfgang Schweiger (Hrsg.): Journalismus online – Partizipation oder Profession? Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2008, S. 173-192.

Moderation

Wortherkunft: Bereits im 16. Jahrhundert ist das Verb ‘moderieren’ aus dem Lateinischen ‘moderare’ (= mäßigen) entlehnt worden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde es erstmals im deutschen Rundfunk verwendet in der Bedeutung von ‘eine Sendung mit einleitenden Worten versehen/durch eine Sendung führen’. Abgeleitet wurde es von engl. to moderate (= eine Versammlung, ein Gespräch leiten).

Definition:
Bezug nehmend auf die Wortherkunft ist ein Moderator die Person, die eine Sendung moderiert und eine Moderation die Tätigkeit des Moderierens. Moderation und die Sonderform ‘Talk’ gibt es nur in Fernsehen oder Hörfunk, weil ein Gespräch als simultane Kommunikation zwischen Menschen stattfinden soll. Der Moderator oder Talkmaster übernimmt hierbei die Funktion der Gesprächsleitung. Im alltäglichen Gebrauch wird mit Moderation all das bezeichnet, was ein Rundfunkjournalist tut, um ein Programm anzusagen, einzuleiten oder zu einem anderen Programmteil überzuleiten. Moderierte Sendungen sind gestaltete Sendungen, die häufig live ausgestrahlt werden. Im Unterschied zu Sprechern oder Ansagern, die nur vorgefertigte Texte verlesen, übernimmt der Moderator eine Vielzahl an Aufgaben. Grundsätzlich muss er vermitteln (vgl. Buchholz 2000: 63) und „Orientierungen im Umfeld der Sendung geben können“ (Wachtel 2000: 92). Neben den Ankündigungen von Beiträgen (Anmoderation) und der Nachinformation (Abmoderation) führt er → Interviews und reagiert auf aktuelle Meldungen.

Moderatoren gestalten sehr unterschiedliche Sendeformate wie Nachrichten- und Magazinsendungen, Unterhaltungs- und Musikprogramme, Gameshows oder Publikumsbeteiligungen. Die Moderation zeigt und fordert die ganze Person, die fachliche und kommunikative Kompetenz sowie authentischen Sprach- und Sprechstil (vgl. Wachtel 2000: 91). Auch seine Meinung darf der Moderator in vielen Sendungen äußern. Dies gehört besonders bei Magazinen zum Format. Dennoch sollte die Moderation in erster Linie informationsbetont sein.

Der Moderator hat zugleich die Aufgabe, für sein Programm zu werben und die Neugier des Publikums zu wecken. Hierbei leistet er Identifikation für Hörer und Zuschauer, indem er dem Programm eine Stimme bzw. ein Gesicht gibt und über seine Person eine Bindung zum Kunden schafft (vgl. Buchholz 2000: 65). Jedoch ist Moderator kein Beruf, sondern eine Form journalistischer Arbeit (vgl. Buchholz 2000: 62). Daher wird sie überwiegend von Journalisten ausgeübt, die meist als Redakteur oder Reporter auch andere Aufgaben haben. Bisweilen allerdings werden Personen aus ganz anderen Branchen (Ärzte, Köche, Sportler) durch ihre thematische Kompetenz und/oder ihr Charisma zu Moderatoren (v.a. im Fernsehen) und infolgedessen wiederum zu → Prominenten.

Ein bedeutsames Genre für die Aufgabe der Moderation ist die Talkshow. Mit diesem Begriff wird eine Sendung bezeichnet, in der ein Gesprächsleiter (Talkmaster) Personen durch Fragen zu Äußerungen anregen will. Der Talkmaster soll dabei neutral bleiben. Eine Talkshow kann ihren Schwerpunkt auf politische und gesellschaftliche Themen oder auch auf den Alltag legen. Die Abgrenzung zu Interview und Diskussion fällt oft schwer. In der Regel ist in einer Talkshow jedoch mehr als eine Person zu Gast, und das Thema der Sendung muss sich nicht zwangsläufig für kontroverse Standpunkte eignen. Ziel einer Talkshow kann auch sein, Personen vorzustellen (Porträt-Talk) oder Fachleute einzuladen, die ein schwieriges Thema verständlich machen (Experten-Talk). Zudem haben viele Talkshows Seriencharakter: Sie werden entweder jeden Tag (Daily Talk), einmal pro Woche oder in anderen Zeitabständen gesendet.

Gegenwärtiger Zustand:
Neben diversen populären Showformaten sowie unterhaltungs- oder serviceorientierten Magazinen ist im Bereich der Fernsehpublizistik das Format der politischen Talkshow sehr präsent. In diese Rubrik gehört als Vorreiter der seit 1987 fast unveränderte und daher in seiner Form anachronistisch wirkende Presseclub (ARD), in dem sonntags mittags Journalisten wechselnder Zeitungen, Nachrichtenmagazine und Rundfunksender ein aktuelles Thema diskutieren – jeweils moderiert von Intendanten, Chefredakteuren oder Programmgruppenleitern der ARD. Die Sendung ist ein direkter Nachfolger des Internationalen Frühschoppen, den Werner Höfer von 1952 bis 1987 leitete und dessen Konzept (fünf Journalisten aus fünf Ländern) seit 2002 gelegentlich beim Sender Phoenix wieder aufgegriffen wird. Der Frühschoppen basiert seinerseits auf dem US-amerikanischen Talk Meet the Press (NBC, seit 1947). Es handelt sich bei dem Genre der politischen Talkshow also um keine Erfindung der Neuzeit. Durch die Eingliederung mehrerer Sendungen mit ähnlichen Konzepten und Gästen sowie prominenten Moderatoren ins Programmschema erfuhr das Format seit der Jahrtausendwende jedoch einen medialen Aufschwung. Ausschlaggebend mag hier Journalistin Sabine Christiansen gewesen sein, die von 1998 bis 2007 die nach ihr benannte Abend-Talkshow in der ARD moderierte, mit der sie bis zu fünf Millionen Zuschauer erreichte (vgl. Riedner 2007). Zu den gegenwärtig populärsten Sendungen, die zum Teil ebenfalls den Namen der Moderatoren tragen, gehören Anne Will (ARD), Maischberger (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Hart aber fair (ARD, Moderation: Frank Plasberg) sowie einige Formate der Landesprogramme wie die Münchner Runde (BR, Moderation: Sigmund Gottlieb) und der Bürgertalk jetzt red i (BR, Moderation: Tilmann Schöberl, Franziska Storz).

Weniger politisch, sondern thematisch weit gestreut ausgerichtet, ist die Moderation von Personality-Talkshows wie dem Kölner Treff (WDR), Riverboat (MDR), der NDR Talkshow oder Markus Lanz (ZDF). Hier sind in einer Sendung mehrere (meist prominente) Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Branchen zu Gast, die in der Regel nacheinander und daher episodisch ein ‘Interview zur Person’ geben, häufig basierend auf aktuell verfügbaren Produkten des Gastes.

Die journalistische Moderation setzt auch im Hörfunk, vor allem in den öffentlich-rechtlichen Programmen, noch immer beispielhafte Akzente. Hervorzuheben sind hierbei etablierte Interview-Formate, in denen über eine längere Sendestrecke in Gesprächsblöcken Interviews zur Person geführt werden, wie im MonTalk (WDR 2, 1991-2017), bei Mensch, Otto! / Mensch, Theile! (Bayern 3, seit 1998, vormals unter dem Namen Stars & Hits – Die Promi-Show mit Thorsten Otto), in der Hörbar Rust (radioeins, seit 2002) oder auf der Blauen Couch (Bayern 1, seit 2005). Dabei variieren journalistischer Stil und Atmosphäre von sachlich-nüchterner Interviewstrategie mit klarer Frage-Antwort-Konstellation (hr2 Doppelkopf) bis zum lebhaft-dynamischen Gesprächscharakter (Mensch, Otto!). Manche Moderatoren beweisen hierbei, dass es funktioniert, in einem entspannten Umfeld gleichzeitig tiefgründige Konversation zu betreiben bzw. diese erst durch ein gelöste Atmosphäre zu ermöglichen. Die „Moderationsstile sind programmabhängig“ (Buchholz 2000: 68) und orientieren sich an Format und Anspruch, etwa ob es sich um ein Begleit- oder ein Einschaltprogramm handelt (vgl. ebd.).

Forschungsstand:
Die Medien- und Kommunikationsforschung befasst sich vor allem mit den Ressorts bzw. Formaten, in denen Moderation stattfindet (wie Talkshow, Quizshow, Sportmoderation) sowie der Darstellungsform Interview. Kommunikationswissenschaftliche Ansätze finden sich vereinzelt in der Rollenanalyse (z. B.: Gottschalk, Kerner & Co. Funktionen der Telefigur „Spielleiter“ zwischen Exzeptionalität und Normalität, hrsg. v. Rolf Parr/Matthias Thiele, Suhrkamp, 2001) sowie sehr umfangreich in der praktischen Ratgeberliteratur (etwa zu Sprechtraining und Rhetorik). Diese widmet sich in der Gestalt von ,Backstage- Publikationen’ auch dem beruflichen Einstieg (aktuell: Traumberuf Moderator. Hinter den Kulissen der TV-Welt von Ernst-Marcus Thomas, Tectum, 2015). Hier ist zudem ein stetig wachsendes Feld zu finden, das auf der Prominenz der Moderatoren basiert und einen biographischen Ansatz beansprucht (etwa Achtung Aufnahme! Erfolgsgeheimnisse prominenter Fernsehmoderatoren, hrsg. v. Nina Ruge/Stefan Wachtel, Econ, 1997) oder gleich als (Auto-)Biographie erscheint, insbesondere über Persönlichkeiten aus dem Showbusiness.

Literatur:

Arnold, Bernd-Peter (1999): ABC des Hörfunks. Konstanz [UVK] 1999

Blaes, Ruth; Georg Alexander Heussen (Hrsg.): ABC des Fernsehens. Konstanz [UVK] 1997

Buchholz, Axel: Moderation. In: La Roche, Walther von; Axel Buchholz (Hrsg.): Radio-Journalismus. Ein Handbuch für Ausbildung und Praxis im Hörfunk. 7. Auflage. München [List] 2000, S. 62-89

Gehrau, Volker: Fernsehgenres und Fernsehgattungen. München [Reinhard Fischer] 2001

Mast, Claudia (Hrsg.): ABC des Journalismus. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Konstanz [UVK] 2000

Riedner, Fabian: Quotencheck: „Sabine Christiansen“. Die Politshow „Sabine Christiansen” wurde nach zehn Jahren beendet. Quotenmeter.de analysiert die Einschaltquoten. In: quotenmeter.de, 25.06.2007. http://www.quotenmeter.de/n/20767/quotencheck-sabine-christiansen (23.01.2017)

Roloff, Eckart Klaus: Journalistische Textgattungen. München [Oldenbourg] 1982

Steinbrecher, Michael; Martin Weiske: Die Talkshow. 20 Jahre zwischen Klatsch und News. München [Ölschläger] 1992

Wachtel, Stefan: Sprechen und Moderieren in Hörfunk und Fernsehen. 4. Auflage, Konstanz [UVK] 2000

Nachricht

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news_bluebay_clipdealer_comWortherkunft: Kurzform von frühnhd. Nachrichtung (17. Jh.) = das, wonach man sich zu richten hat, Anweisung; später in der Bedeutung einer ‘Mitteilung’ gebräuchlich

Definition:
Die Nachricht ist ein stark standardisiertes Informationsgenre, das der raschen, auf das Wesentliche konzentrierten Unterrichtung des Publikums über aktuelle, mehr oder weniger bedeutsame Ereignisse dient. Nachrichten enthalten keine Wertungen und folgen den mitgeteilten Ereignissen nicht chronologisch, sondern sind nach dem Relevanz-Prinzip aufgebaut. Das Wichtigste wird am Anfang, nach einer knappen Quellenangabe, im so genannten → Lead-Satz mitgeteilt, der eine Reihe von W-Fragen (Wer? Wann? Wo? Was?, evtl. Wie?) beantwortet. Antworten auf weitere W-Fragen (Warum? Wozu?) finden sich im so genannten Nachrichten-Body, der in absteigender Relevanzfolge ergänzende Mitteilungen enthält. Das Aufbauprinzip der Nachricht wird ‘umgekehrte Pyramide’ oder nur ‘Pyramide’ genannt.

Geschichte:
Nachrichten in Pyramidenform zu schreiben, hat sich zwischen 1870 und 1890 im amerikanischen Journalismus durchgesetzt und wird seitdem als professioneller Standard tradiert und gelehrt. Davor wurden Nachrichten in der Regel in chronologischer Form und, soweit die Zensur es zuließ, mit Wertungen durchsetzt verfasst (alter, narrativer Nachrichtenstil). Da die Zeitungen in derselben Phase dazu übergingen, die von Agenturen oder Korrespondenten übernommenen Texte innerhalb der Redaktionen so zu bearbeiten, dass das Publikum sie leichter aufnehmen kann (Kürzung, Überschriften, Illustrationen, Rubriken, Ressort-Seiten), ist auch die Pyramidennachricht auf das Bemühen unter Konkurrenzdruck stehender Verlage und Journalisten zurückzuführen, durch ‘inside editing’ die kommunikative Qualität des Produkts Zeitung zu verbessern.

In europäischen Zeitungen wurde das Attentat von Sarajewo, das 1914 den Ersten Weltkrieg auslöste, teilweise noch in chronologischer Form gemeldet. In Skandinavien setzte sich die Pyramidenform in den 1920er Jahren durch, in Deutschland endgültig erst mit der Übernahme des angelsächsischen Journalismus-Paradigmas in der Besatzungszeit nach 1945. Während Objektivitätsnorm und Pyramidenform in Osteuropa seit dem Zusammenbruch der sowjetischen Herrschaft an Boden gewinnen, scheint ihre Bedeutung in Westeuropa und Nordamerika aufgrund neuer Medienentwicklungen heute wieder etwas abzunehmen.

Gegenwärtiger Zustand:
Aufgrund ihrer kommunikativen und ökonomischen Vorteile (rasche Rezipierbarkeit sowie schnelle und kostengünstige Produktion) ist die Pyramide die am stärksten verbreitete Nachrichtenform. Sie wird besonders von den Nachrichtenagenturen, aber auch Journalisten aller Massenmedien (Presse, Radio, Fernsehen, Online-Medien) praktiziert. Sie ist eine zentrale Komponente des Curriculums der → Aus- und Fortbildung von Journalisten auf der ganzen Welt. Ihre Beherrschung wird oft mit journalistischer Professionalität gleichgesetzt.

Bei aller Zweckmäßigkeit wirft die Pyramide allerdings auch Probleme auf. Bei Pressenachrichten in Pyramidenform müsste die → Überschrift z. B. Informationen enthalten, die im Lead-Satz wiederholt werden, was Leser ermüden kann. Zeitungen gehen unterschiedlich mit diesem Problem um; eine vollkommen zufrieden stellende Lösung gibt es nicht. Ein weiteres Dilemma der Pyramidenform ist, dass bei abnehmender → Relevanz die → Spannung und damit die Lust des Rezipienten aufs Weiterlesen oder -hören abnimmt. Nachrichten werden rasch, aber oft nicht vollständig und gründlich aufgenommen.

Forschungsstand:
Sowohl in der westlichen als auch in der osteuropäischen Journalistik war lange der Mythos verbreitet, die Pyramidenform der Nachricht sei im amerikanischen Bürgerkrieg entstanden – entweder wegen der noch unzuverlässigen Telegrafentechnik, die es den Korrespondenten habe geraten erscheinen lassen, das Wichtigste gleich im ersten Satz zu übermitteln; oder wegen der Nachrichtenpolitik des Kriegsministers der Union, Edwin M. Stanton, der versucht habe, mit Hilfe pyramidenförmiger Pressemitteilungen die öffentliche Meinung im Sinne seiner Relevanzentscheidungen zu steuern. Beides kann nicht zutreffen, da Pyramiden-Nachrichten vereinzelt auch schon vor dem Bürgerkrieg nachzuweisen sind und da ihr Anteil in den amerikanischen Zeitungen erst in den 1870er Jahren signifikant zunimmt, mit einem starken Schub zwischen 1880 und 1890.

Ebenfalls nicht überzeugend ist daher die gelegentlich vertretene These, die Pyramiden-Nachricht habe sich erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg mit dem Wechsel vom klassisch-humanistischen zum pragmatisch-technokratischen Bildungsideal während der ‘Progessive Era’ durchgesetzt. Dass in der Journalistik lange technologische, politologische und kulturwissenschaftliche Erklärungen für die Entstehung der professionellen Nachrichtenform dominierten, zeigt eine problematische Tendenz, Hervorbringungen des Journalismus auf äußere Faktoren statt auf seine genuinen Aufgaben und Funktionen zurückzuführen.

Literatur:

Andriefski, Peter; Peter Hackenschmidt; Kurt Rose (1989): Die Nachricht als journalistisches Genre. Studientexte zur journalistischen Methodik. Leipzig [Karl-Marx-Universität Sektion Journalistik] 1989

Deutsche Presse-Agentur (Hrsg.): Alles über die Nachricht. Das dpa-Handbuch. Starnberg [Schulz] 1998

Dudenredaktion (Hrsg.): Duden, Band 7. Das Herkunftswörterbuch. Etymologie der deutschen Sprache. 3. Auflage. Mannheim [Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG] 2001

Jipp, Karl-Ernst: Wie schreibe ich eine Nachricht? Eine Anleitung mit vielen Beispielen und Übungen. Stuttgart [Bertelsen] 1990

Mindich, David T. Z.: Just the Facts. How „Objectivity“ Came to Define American Journalism. New York/London [New York University Press] 1998

Pöttker, Horst: News and its Communicative Quality: The Inverted Pyramid – when and why did it Appear? In: Journalism Studies, 4, 2003, S. 501-511

Schiller, Dan: Objectivity and the News. The Public and the Rise of Commercial Journalism. Philadelphia [University of Pennsylvania Press] 1981

Schudson, Michael: Discovering the News. A Social History of American Newspapers. New York [Basic Books] 1978

Shaw, Donald L. (1967): News Bias and the Telegraph. A Study of Historical Change. In: Journalism Quarterly, 1, 1967, S. 3-12

Stensaas, Harlan: Development of the Objectivity Ethic in U.S. Daily Newspapers. In: Journal of Mass Media Ethics, 1, 1986, S. 50-60

Stephens, Mitchell: A History of News. Fort Worth/London [Harcourt Brace] 1997

Warren, Carl: Modern News Reporting. 2. Auflage. New York [Harper & Brothers] 1944

Weischenberg, Siegfried: Nachrichtenschreiben. Journalistische Praxis zum Studium und Selbststudium. Opladen [Westdeutscher Verlag] 1988

Nachruf

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Wortherkunft: „Nachruf“ ist Anfang des 19. Jahrhunderts noch belegt als „einem Verstorbenen etwas (in direkter Ansprache) nachrufen“, ab Mitte des Jahrhunderts überwiegt die moderne Bedeutung. Andere indoeuropäische Sprachen verwenden meist Varianten von griech. nekrologos bzw. lat. obituarium.

Definition:
Als lebensrekapitulativer Artikel ist der Nachruf (Nekrolog) eine Sonderform des → Porträts: dasjenige aus Anlass des (Bekanntwerden des) Todes einer Person. So bildet der Nachruf die Brücke zwischen Porträts zu Lebzeiten und solchen zu posthumen Jubiläen.

Im Englischen wird der Begriff häufig nicht nur auf die journalistische Form, sondern auch auf Todesanzeigen und familienverfasste Lebenswürdigungen angewandt; beide können nicht dem journalistischen Genre zugerechnet werden.

Geschichte:
Historische Wurzeln bis zur Antike hat der massenmediale Nachruf in der Leichenrede, was in ritualisierter Pietät und Moralerzählung auch in modernen Nachrufen noch aufscheint. So gilt das Sprichwort „über die Toten nur Gutes“ dergestalt, dass negative Tatsachen und Wertungen stark relativiert und distanziert („Vorwürfe“, „umstritten“) und nur kurz erwähnt werden. Ausnahmen sind selten. Politisch motivierte Tabubrüche fanden sich seit 1979 in der taz. Inzwischen ergibt sich aber durchaus eine Tendenz zu kritischerer Würdigung auch anderswo.

US-amerikanischer und britischer Journalismus haben sich am weitesten entwickelt zur Kombination von Unterhaltung und Belehrung durch Personalisierung. Bedeutsame (und weniger bedeutsame) Inhalte werden durch den ,Human Interest‘ der Kurzbiographie mit transportiert. Dies gilt für die Erweiterung des Personenkreises über klassische → Prominenz und Honoratioren hinaus und für die offenherzigere Behandlung menschlicher Schwächen. So hat sich in den USA und Großbritannien der Nachruf zu einem eigenen Ressort und der Nachrufredakteur zu einem eigenen Berufsbild entwickelt. Sammlungen journalistischer Nachrufe erscheinen häufig in Buchform; es gibt viele popkulturelle Zitate (Romane, Spielfilme). Dominierte in Großbritannien seit dem 19. Jahrhundert (wie in den USA die New York Times) auch im aufkommenden Nachrufwesen klar die Times, so haben etwa gleichzeitig (1986) der Daily Telegraph und der Independent deren Dominanz gebrochen und die Weiterentwicklung des Genres beschleunigt.

Gegenwärtiger Zustand:
Das Genre ist vor allem in der Presse zu finden. Hörfunk und Fernsehen bilden eigene Varianten aus, die durch Einbinden von Audio- und Videoaufnahmen z. T. dem → Feature ähneln und in Gedenksendungen übergehen. Im Internet dominieren (noch) die Printformen.

Die Auswahl der zu würdigenden Personen treffen die Redaktionen nach den jeweiligen → Nachrichtenfaktoren, der Verfügbarkeit des Materials und der Aktualität beim nächsten Erscheinen. Die Artikel enthalten biographische Details, lose gereiht durch die Chronologie, aber selten mit Herkunft oder Geburt beginnend. Relativ häufig ist ein Ringbau, der ein leitendes Eingangsmotiv im Ausgang schließend aufgreift.

Die Verfügbarkeit des Materials ist ein Problem, da ein Interview mit dem Porträtierten für den Nachruf zum Anlass selbst naturgemäß nicht mehr möglich ist. Viele Blätter und die Agenturen produzieren Nachrufe für Personen der Zeitgeschichte ohne Anlass oder aufgrund des Alters/Gesundheitszustands. Im deutschsprachigen Journalismus erfolgt dies eher verschämt-uneingestanden. Die New York Times dagegen führt Interviews auch ausdrücklich zu diesem Zweck; mitunter erscheinen so Nachrufe unter den Autorenzeilen ihrerseits längst verstorbener Schreiber. Vorzeitig aus Versehen oder nach Falschmeldungen publizierte Nachrufe bleiben nicht aus.

Literatur:

Baranick, Alana; Jim Sheeler, Stephen Miller: Life on the Death Beat: a Handbook for Obituary Writers. Oak Park [Marion Street Press] 2005

Brunn, Stefan: Abschieds-Journalismus. Die Nachrufkultur der Massenmedien. Münster [Lit] 1999

Massingberd, Hugh (Hrsg.): The Very Best of the Daily Telegraph Books of Obituaries. London [Pan] 2001

McDonald, William (Hrsg.): The New York Times Book of the Dead: 320 Print and 10,000 Digital Obituaries of Extraordinary People. New York [Black Dog & Leventhal] 2016

Starck, Nigel: Life After Death: the Art of the Obituary. Carlton [Melbourne University Press] 2006