Wortherkunft: Von lateinisch subiectus und spätlateinisch subiectivus = unter etwas liegend, untergeben. Laut Duden bedeutet das Adjektiv ‚subjektiv‘ (1) zu einem Subjekt gehörend, von einem Subjekt ausgehend, abhängig und (2) von persönlichen Gefühlen, Interessen, von Vorurteilen bestimmt; voreingenommen, befangen, unsachlich.
Definition
Subjektiver Journalismus ist Journalismus, der die Subjektivität von → Journalist:innen in der Berichterstattung in den Vordergrund stellt. Journalistische Subjektivität meint individuelle, persönliche Perspektiven auf die Welt, die Journalist:innen zum Beispiel durch eigene Erwartungen, Erfahrungen, Erlebnisse oder Emotionen, aber auch Meinungen oder → Haltungen in ihren Beiträgen explizieren. Subjektiver Journalismus ist ein journalistisches Konzept, das den etablierten Informationsjournalismus ergänzt und bei dem subjektive Einflüsse den journalistischen Prozess prägen: Von der epistemologischen Perspektive und der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeit, über journalistische Praktiken wie → Recherche und Storytelling, bis hin zu besonderen Leistungspotenzialen im Sinne von Qualitätskriterien wie → Authentizität, Narrativität oder Emotionalität der journalistischen Produkte (vgl. Brinkmann 2025a).
Geschichte
Obwohl → Objektivität in westlichen → Mediensystemen seit vielen Jahrzehnten als zentrales journalistisches Ideal gilt (Schudson 2001; Mothes 2014), deren Kernnormen wie Neutralität, Ausgewogenheit und Distanz journalistisches Handeln und dessen Produkte prägen sollen, blickt auch das journalistische Paradigma der Subjektivität auf eine lange Tradition im Journalismus zurück. Steensen (2017: 34-42) arbeitet entlang von vier Phasen heraus, wie sich Subjektivität parallel in der Journalismus- und Philosophiegeschichte entwickelt und dabei verschiedene Bedeutungen gewonnen hat (vgl. zusammenfassend Brinkmann 2025a: 33-34): Ausgehend von der subjektiven Erkenntnistheorie Descartes’ („Ich denke, also bin ich“) prägte sich in der prä-redaktionellen, schriftstellerisch geprägten Phase des Journalismus zunächst eine (1) ‚moralische Subjektivität‘ aus, die eng mit Kants moralphilosophischem Universalismus verbunden ist. Das Aufkommen der Massenpresse und die Ökonomisierung des Journalismus führten zum Aufstieg des Objektivitätsparadigmas als vorherrschende Logik im journalistischen Feld und zur „Leugnung und Neutralisierung“ journalistischer Subjektivität (Hartsock 1999), die in die Peripherie des journalistischen Feldes gedrängt wurde: Sie überlebte zunächst als (2) ‚politische Subjektivität‘ der europäischen Parteienpresse (partisan press), deren publizistisches Verständnis sich philosophisch u. a. auf die Positionen Hegels und Marxs zurückführen lässt. Später wurde sie durch die (3) ‚existenzialistische Subjektivität‘ des New Journalism, die Steensen mit dem Existenzialismus Kirkegaards und Sartres verbindet, insbesondere in den USA der 1960er und 70er Jahre radikalisiert, indem Autoren wie Tom Wolfe, Norman Mailer oder Hunter S. Thompson die eigene Wahrnehmung zum journalistisch-literarischen Prinzip erhoben (vgl. Bleicher/Pörksen 2004). Parallel zum Poststrukturalismus (u. a. bei Foucault, Derrida und Barthes), in dem das ‚Selbst‘ und damit auch Subjektivität kulturell und sozial konstruiert wird, entwickelte insbesondere ein durch → soziale Medien verbreiteter Journalismus dann eine (4) ‚fragmentierte Subjektivität‘: Diese äußert sich nicht zuletzt in der konstanten Vermischung von privater und öffentlicher Sphäre in sozialen Netzwerken, bei der auch Journalisten beständig zwischen ihren professionellen und privaten Rollen wechseln – z. B. wenn sie ihre politischen Meinungen über soziale Medien verbreiten oder ‚intime‘ Details in die Berichterstattung einfließen lassen: „The result is the ‚profersional‘ journalist who uses personal and, thus, subjective, in his or her professional working life“ (Steensen 2017: 40).
Gegenwärtiger Zustand
Während subjektive Perspektiven in etablierten → journalistischen Darstellungsformen wie → Kommentaren und → Reportagen fest verankert sind (vgl. Schultz 2021) und zu ihren jeweiligen Charakteristika zählen, sind gegenwärtige Diskussionen in der journalistischen Praxis und Wissenschaft von der Frage geprägt, ob eine Zunahme subjektiver Positionen und Praktiken den Journalismus selbst entgrenze oder ergänze (vgl. Weidenfeld 2017; Brinkmann 2024). Erst langsam setzt sich die Perspektive durch, dass journalistische Subjektivität keineswegs per se als minderwertig zu definieren ist – zum Beispiel, weil solche Formen im Wortsinn generell „voreingenommen“, „befangen“, oder „unsachlich“ seien – sondern alternative journalistische Zugänge zur Welt eröffnet: „Der subjektive Journalismus will die schwer greifbaren ‚inneren‘ Tatsachen wie Gefühle, Einstellungen oder Wahrnehmungen ergründen. Einzelfall und individuelle Perspektive der Beteiligten bilden den Ausgangspunkt, um unterschiedliche Lebenswelten und Erfahrungen sichtbar zu machen. Subjektiver und objektiver Journalismus leisten Unterschiedliches. Als sich einander ergänzende Wirklichkeitszugänge haben beide ihre Berechtigung“ (Neuberger/Mayer 2026: 1). Abseits einer Normalisierung des subjektiven Journalismus deuten aktuelle Entwicklungen eine weitere Phase journalistischer Subjektivität an, die soziologisch z. B. mit Reckwitz‘ (2019) Gesellschaft der Singularitäten verbunden und als (5) ‚authentische Subjektivität‘ bezeichnet werden kann: Neue digitale Akteure:innen wie „Newsfluencer“ (Hurcombe 2025), „Journalistic Youtubers“, (Lichtenstein/Herbers/Bause 2021) und „Presenter“ (Brinkmann 2023; Brinkmann/Amrhein/Pröhle 2025) streben in plattform-basierten Medienumgebungen danach, als authentisch wahrgenommen zu werden (Schultz 2023; Meier et al. 2025: 53-54). Dafür kombinieren sie teils (para-) journalistische Formate mit persönlichen Perspektiven, politischen → Inhalten, direkter Ansprache des → Publikums und eng an den Mechanismen der digitalen → Aufmerksamkeitsökonomie ausgerichteten Praktiken. Subjektivität, z. B. durch radikale Personalisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung von (politischen) Ereignissen, ist dann vor allem auf die – teilweise strategisch inszenierte – Produktion von Authentizität ausgerichtet (vgl. Brinkmann 2025a: 773-782).
Forschungsstand
In der Journalistik wird eine Rückkehr verschiedener Formen von Subjektivität im Journalismus bereits seit mehr als zehn Jahren beschrieben und untersucht – überwiegend anhand von textbasierten Inhalten wie z. B. Zeitungs- oder Onlineartikeln (vgl. Wahl-Jorgensen 2013; 2020; Harbers/Broersma 2014; Habers 2016). Auch → Podcasts sind zunehmend in den Fokus von Wissenschaftler:innen gerückt, wenn es darum geht, journalistische Subjektivität herauszuarbeiten, z. B. als narratives Mittel in der konkreten Praxis des Storytellings (vgl. Schlütz 2020; Pettengrill 2025; Bird 2025). Übergreifende Perspektiven auf subjektiven Journalismus als konsistentes journalistisches Konzept sind dabei jedoch wenig ausgeprägt. Eine Ausnahme bilden die konzeptionellen und empirischen Arbeiten von Smeenk et al. (2023; 2024; 2025), die einen „Personal Journalism“ konturieren, der dem hier vertretenden Verständnis eines subjektiven Journalismus weitgehend entspricht, wenn er persönliche Empfindungen, Erwartungen und Erfahrungen von Journalist:innen als zentrale Charakteristika betont. Neuberger und Mayer (2026) regen an, subjektiven Journalismus anhand von Gegensatzpaaren in verschiedenen Dimensionen von ‚subjektiv‘ und ‚objektiv‘ zu erforschen. In Deutschland hat Brinkmann (2025a) subjektiven Journalismus sowohl theoretisch als auch empirisch vermessen: Inhaltsanalysen der Beiträge von ‚Presenter‘-Formaten des ARD-ZDF-Content-Netzwerks funk sowie eine flankierende Befragung von Journalist:innen zeigen, dass subjektive Perspektiven, eine starke Präsenz der Reporter:innen vor der Kamera, zielgruppenaffine Themen und eine permanente Integration der Community charakteristisch für diese Form des subjektiven Journalismus sind. Während nahezu alle journalistischen Praktiken von der Themenfindung über die Recherche und das Storytelling bis hin zur Präsentation erkennbar subjektiv ausgeführt werden, produzieren Presenter-Reportagen von Formaten wie Y-Kollektiv oder STRG_F einen neuen Typus von Qualitätsjournalismus, der investigative Recherche mit persönlichen Perspektiven paart (Brinkmann 2023: 102-106) und damit vor allem in jungen Zielgruppen hohe Reichweiten erzielt. Problematisch bleibt aber, dass viele der zahlreichen Nachfolgeformate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk diesen Anspruch nicht konsequent einlösen (vgl. Brinkmann/Amrhein/Pröhle: 80-86) und Subjektivität dort in Beiträgen nicht durchgehend authentisch vermittelt, sondern oftmals strategisch inszeniert wird (vgl. Brinkmann 2025b). Offen bleiben aktuell Fragen nach der Publikumswahrnehmung und -wirkung von subjektivem Journalismus (vgl. Brinkmann 2026) sowie nach dem Rollenverständnis von Journalist:innen in explizit subjektiven Formaten.
Literatur
Bleicher, Joan Kristin; Bernhard Pörksen (Hrsg.): Grenzgänger: Formen des New Journalism. Wiesbaden [VS Verlag für Sozialwissenschaften] 2004.
Bird, Dylan: Democratic Podcasting: Mediating Subjectivity in Constructive Audio Journalism Practice. In: Journalism Practice, 20/7, 2025, S. 2240–2260.
Brinkmann, Janis: Wie wirkt subjektiver Journalismus? Wahrnehmungs- und Wirkungspotenziale einer alternativen journalistischen Form. In: Journalistik, 2, 2026, S. 1-31 (im Erscheinen).
Brinkmann, Janis: Subjektiver Journalismus. Theorie, Konzept und Praxis. Wiesbaden [Springer VS] 2025a.
Brinkmann, Janis: Authentisch, emotional, partizipativ: Neue Qualitätskriterien eines neuen Journalismus. In: Kokoschka, Vanessa; Stefan Kosak; Claudia Paganini; Lars Rademacher (Hrsg.): Nachhaltigkeit in der Medienkommunikation. Ethische Anforderungen und praktische Lösungsansätze. Baden-Baden [Nomos] 2025b, S. 133-152.
Brinkmann, Janis: Reporterinnen oder Journalisten-Darsteller? Selfie-Journalismus als kommunikative Praxis in der Figuration des subjektiven Journalismus. In: Eisenbeis, Uwe; Melanie Mezger; Lars Rinsdorf (Hrsg.): Kreativwirtschaft und Creator Economy: Proceedings zur Jahrestagung der Fachgruppe Medienökonomie der DGPuK 2023 in Stuttgart. Stuttgart [Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft e. V.] 2024, S. 130-144.
Brinkmann, Janis: Journalistische Grenzgänger. Wie die Reportage-Formate von funk Wirklichkeit konstruieren. Arbeitsheft der Otto-Brenner-Stiftung, Nr. 111, 2023. https://www.otto-brenner-stiftung.de/journalistische-grenzgaenger/
Brinkmann, Janis; Christof Amrhein; Anna Pröhle: Ich-Erzähler*innen. Neue Reportage-Formate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Arbeitspapier der Otto-Brenner-Stiftung, Nr. 80, 2025. https://www.otto-brenner-stiftung.de/fileadmin/user_upload/was_wir_tun/publikationen/ich-erzaehler/AP80_Ich_Erzaehler_innen.pdf
Habers, Frank: Time to Engage. De Correspondent’s redefinition of journalistic quality. In: Digital Journalism, 4/4, 2016, S. 494-511.
Habers, Frank; Marcel Broersma: Between engagement and ironic ambiguity: Mediating subjectivity in narrative journalism. In: Journalism, 15/5, 2014, S. 639-654.
Hartsock, John C.: „Literary Journalism” as an Epistemological Moving Object Within a Larger „Quantum” Narrative. In: Journal of Communication Inquiry, 23/4, 1999, S. 432-447.
Hurcombe, Edward: Conceptualising the „Newsfluencer”: Intersecting Trajectories in Online Content Creation and Platformatised Journalism. In: Digital Journalism, 13/9, 2025, S. 1523-1534.
Lichtenstein, Dennis; Martin R. Herbers; Halina Bause: Journalistic YouTubers and Their Role Orientations, Strategies, and Professionalization Tendencies. In: Journalism Studies, 22/9, 2021, S. 1103-1122.
Meier, Klaus; Michael Graßl; Korbinian Klinghardt; Maike Körner; Jonas Schützeneder: Die Zukunft des Journalismus. Zehn Szenarien für das nächste Jahrzehnt. Wiesbaden [Springer VS] 2025.
Mothes, Cornelia: Objektivität als professionelles Abgrenzungskriterium im Journalismus. Eine dissonanztheoretische Studie zum Informationsverhalten von Journalisten und Nicht-Journalisten. Baden-Baden [Nomos] 2014.
Neuberger, Christoph; Anna-Theresa Mayer: Was ist subjektiver Journalismus? Bedeutung und Relevanz für die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags. Eine Analyse am Beispiel des ARD/ZDF-Content-Netzwerks funk. In: Media Perspektiven, 3, 2026, S. 1-24.
Pettengill, Jessica: „I remember, I saw, I knew”: Journalists’ use of first-person storytelling in award-winning podcasts. In: Media, Culture & Society, 47/7, 2025, S. 1341-1357.
Reckwitz, Andreas: Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne. Berlin [Suhrkamp] 2019.
Schlütz, Daniela: Auditive „deep dives”. Podcasts als narrativer Journalismus. In: kommunikation@gesellschaft, 2, 2020.
Schudson, Michael: The objectivity norm in American journalism. In: Journalism, 2/2, 2021, S. 149-170.
Schultz, Tanjev: Authentizität im Zeitalter ihrer medialen Inszenierbarkeit: Über die strategisch-expressive Kommunikation der Influencer. In: GWP – Gesellschaft. Wirtschaft. Politik, 4, 2023, S. 484-491.
Schultz, Tanjev: Der Reporterblick von nirgendwo? Journalismus in der Spannung zwischen Objektivität und Subjektivität. In: Publizistik, 66, 2021, S. 21-41.
Smeenk, Kim; Frank Harbers; Marcel Broersma: The Journalist in the Story: Conceptualizing Ethos as Integral Framework to Study News Production, News Texts and News Audiences. In: Communication Theory, 33/4, 2023, S. 214-222.
Smeenk, Kim; Frank Harbers; Marcel Broersma: Highlighting and Downplaying Subjectivity through Ethos Construction: Personal Journalism as a Pluriform Epistemic Practice. In: Journalism, 26/12, 2024, S. 2523-2543.
Smeenk, Kim; Frank Harbers; Herbert Kruitbosch; Marcel Broersma: The Reporter as First-Person Witness: Eyewitnessing and Subjectivity in Epistemic Authority Claims in Personal Journalism. Journalism Practice, 20/7, 2025, S. 2069-2087.
Steensen, Steen: Subjectivity as a Journalistic Ideal. In: Fonn, Birgitte Kjos; Harald Hornmoen; Nathalie Hyde-Clarke; Yngve Benestad Hågvar (Hrsg.): Putting a Face on it: Individual Exposure and Subjectivity in Journalism. Cappelen Damm Akademisk, 2017, S. 25-47.
Wahl-Jorgensen, Karin: Subjectivity and Story-Telling in Journalism. Examining expressions of affect, judgement and appreciation in Pulitzer Prize-winning stories. In: Journalism Studies, 14/3, 2013, S. 305-320.
Wahl-Jorgensen, Karin: An Emotional Turn in Journalism Studies? In: Digital Journalism, 8/2, 2020, S. 175-194.
Weidenfeld, Ulrike: „Wenn die Welt brennt, redet man nicht über die Katze.“ Das neue Ich im Journalismus. In: Renner, Karl Nikolaus; Tanjev Schultz; Jürgen Wilke (Hrsg.): Journalismus zwischen Autonomie und Nutzwert. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2017, S. 331-342.


