Haltung

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Aufrecht oder aktivistisch? – Journalistische Polarisierung in der polarisierten Gesellschaft

Haltung. Grundlage dafür sind Grundgesetz und PressekodexWortbedeutung und Definition

Der auf das mittelhochdeutsche „Haltunge“ zurückgehende Begriff wird schon im Grimmschen Wörterbuch als mehrdeutig beschrieben. Für die Gegenwart listet der Duden ebenfalls eine Bandbreite auf, vor allem: „1. (…) Körperhaltung. 2.a. innere [Grund]einstellung, die jemandes Denken und Handeln prägt. 2.b. Verhalten, Auftreten, das durch eine bestimmte innere Einstellung, Verfassung hervorgerufen wird.“

Gegenwärtiger Zustand

Den modernen Journalismus begleitet seit den Anfängen eine Debatte über seine gesellschaftliche Rolle, über die Möglichkeit von Neutralität und die Zulässigkeit von Parteilichkeit. Seit den 2010er Jahren ist diese Diskussion im deutschsprachigen Raum mit dem Schlagwort Haltung verbunden. Themenfelder beziehungsweise Katalysatoren waren in den vergangenen fünfzehn Jahren Migration und Rassismus, Corona und Impfung, der menschengemachte Klimawandel und die Energiewende, der Umgang mit der AfD, das Verhältnis zu Russland und der Überfall auf die Ukraine, Israel und Palästina sowie verschiedene Gender-Themen.

Der Streit über die Haltung bewegt und entzweit den Journalismus, ist aber vor allem ein Abbild gesellschaftlicher Spannungen. Ähnliche Kontroversen werden in beinahe allen politischen und sozialen Bereichen ausgetragen. Der Ruf nach Haltung passt in Journalismus wie Gesellschaft zu dem Wunsch nach gesicherter Identität in einer als krisenhaft empfundenen Zeit. Zu dieser Wahrnehmung tragen im Journalismus die wegbrechenden Geschäftsmodelle bei, aber auch die Infragestellung der eigenen Rolle und Bedeutung in Zeiten der → sozialen Medien und der → Künstlichen Intelligenz. Oft ist der Abgleich von Wir-Gefühlen auch einfacher als die Auseinandersetzung mit komplexen, manchmal als überfordernd wahrgenommenen Sachverhalten.

Wer Haltung ausdrücklich fordert, vermittelt zumeist die Überzeugung, eine moralisch richtige Position zu meinen – oder gar die einzig richtige. Es sind in den → Redaktionen häufig Menschen, die als progressiv, tendenziell links, ökologisch und sozial ausgerichtet beschrieben werden. Manche von ihnen, insbesondere in der jüngeren Generation, haben Vorbehalte gegenüber jahrzehntelang gelehrten und praktizierten Leitwerten wie → Objektivität und Ausgewogenheit. Sie wünschen sich eine veränderte → Berufsethik im Sinne von Positionierung und Engagement. Ein ähnlicher Ruf nach Haltung kommt auch aus den Reihen der Universitäten, Kirchen und Gewerkschaften oder aus einigen Parteien des demokratischen Spektrums.

Unter den Reaktionen finden sich Zustimmung von Gleichgesinnten und stille Gleichgültigkeit oder Skepsis aus der gesellschaftlichen Mitte. Laut und aggressiv ist die Ablehnung bei den sogenannten ‚alternativen Medien‘ und rechtspopulistischen Kräften in der Politik, die den Begriff Haltung mit Blick auf die Medien zu ‚Haltungsjournalismus‘ oder ‚Gesinnungsjournalismus‘ polemisch verfremden.

Ein dafür beispielhaftes Plädoyer hielt in Deutschland ein US-Bürger, nämlich Vize-Präsident J.D. Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025. Das ist kein Zufall, sondern ein Hinweis darauf, dass sich ein ähnliches Ringen gerade in den meisten westlichen Demokratien abspielt. Das immer wieder im Kontext von Haltung aufgebrachte Reizwort ‚Wokeness‘ deutet an, dass die europäischen Gesellschaften (nicht zum ersten Mal) Konflikte austragen, die in den USA vorgezeichnet worden sind.

Probleme und Widersprüche

Trotz der jahrzehntelangen Beschwörungen von Objektivität, Neutralität und des „Sagen, was ist“ – seit jeher gibt es auch Tendenzmedien, die bestimmten Interessen nahestehen oder sich wie der Springer-Konzern berichterstattungsrelevante Leitlinien gegeben haben. Ironischerweise ist der Journalismus mit Haltung gerade dort stark ausgeprägt, von wo aus er besonders vehement angegriffen wird. Die klarsten Haltungen finden sich – ohne Bezug auf diesen Begriff – bei Playern wie den schon erwähnten sogenannten ‚alternativen Medien‘. Das hält Nius und ähnliche Anbieter nicht davon ab, anderen den Vorwurf eines Haltungsjournalismus zu machen. Dieses → Framing ist bislang in der öffentlichen Debatte einigermaßen erfolgreich. Das liegt auch daran, dass der schillernde Begriff für den offenkundigen Zweck seiner progressiven Absender ungeeignet ist. Denn Haltung wird per Definition als subjektiv verstanden, also als eine persönliche Positionierung unter mehreren, manchmal unter vielen möglichen.

Zwei weitere Fragen stehen im Raum: Wie steht es um die langfristige Überzeugungskraft eines Zugangs, wenn er sich für größere Teile der → Öffentlichkeit in erster Linie als eine ‚Gegenhaltung‘ darstellt? Und was sind die mittel- und langfristigen Konsequenzen selbst einer gut gemeinten Beteiligung an der Bewirtschaftung von Emotionen in der polarisierten Gesellschaft?

Eine berechtigte Kritik ist auch der Hinweis auf die geringe Diversität in vielen Redaktionen klassischer Medien. Die Lebenswelten sowie die weltanschaulichen und politischen Einstellungen sind recht homogen. Das wirft die Frage auf, wie repräsentativ für die Gesellschaft Haltungen von Redaktionen sein können, selbst wenn sie dort mehrheitlich vertreten und vereinbart sind. Die Zuordnung zu einem bestimmten Lager ist jedenfalls gefährlich für Medien, die sich an alle richten wollen. Sie ist lebensgefährlich für den öffentlich-rechtlichen → Rundfunk, der für alle da zu sein hat und breite Akzeptanz braucht.

Schließlich: In den meisten Staaten sind Medien nicht frei, sondern an sanktionsbewehrte Vorgaben einer herrschenden Gruppe gebunden. In Diktaturen und autoritären Systemen müssen Redaktionen eine eng definierte Haltung vertreten. Mit dem Einfordern eines solchen Zwangs vertragen sich freie Mediensysteme nicht, selbst wenn er nur auf informellem Druck oder Erwartungen einer Gruppe beruht.

Eine Einschätzung

Der Begriff der Haltung ist grundsätzlich offen und wird daher höchst unterschiedlich gefüllt und aufgeladen. Daher gerät der Streit darüber oft emotional und selten produktiv. Dabei sind wichtige journalistische Koordinaten in Deutschland längst geregelt: Redaktionen müssen Tag für Tag eine eindeutige Rückbindung an das Grundgesetz und andere verbindliche Normen unter Beweis stellen. Das darf man mit Fug und Recht als eine Grundhaltung bezeichnen, zu der für die meisten → Verlage auch der → Pressekodex gehört, dessen Einhaltung vom Presserat überwacht wird.

Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind die rechtlichen Vorgaben durch → Staatsverträge und Urteile des Bundesverfassungsgerichts noch detaillierter beschrieben und durch Programmbeschwerden überprüfbar. Gerade der öffentlich-rechtliche Journalismus mit seinen Privilegien und besonderen Pflichten kann und soll nicht umfassend neutral sein. Er ist vom Gesetzgeber – um die martialischen Worte von Rudolf Augstein zu zitieren – nach der NS-Diktatur als Sturmgeschütz der Demokratie konzipiert worden.

Aber lässt sich aus einer Grundhaltung die Berechtigung oder gar Verpflichtung zu konkreten Haltungen in vielen Einzel- und Sachfragen von der Wärmepumpe bis zum Genderstern ableiten? Wo ist die Schwelle, ab der Redaktionen zur Verteidigung von Demokratie und Rechtsstaat die distanzierte → Unparteilichkeit in tagespolitischen Details und Debatten aufgeben dürfen oder gar müssen? Und wer entscheidet darüber? Hier liegt der eigentliche Kern der Haltungsdebatte im Journalismus.

Wer Politik machen will, ist im Journalismus nicht gut aufgehoben und kann Schaden anrichten. Das eine Berufsfeld soll das andere erklären und kontrollieren. Auf diese Leistung kann das → Publikum nicht mehr vertrauen, wenn Distanz fehlt und Rollen nicht klar auseinandergehalten werden. Das gilt im Übrigen auch umgekehrt: Übergriffe der Politik auf den Journalismus sind Anschläge auf die freie Gesellschaft.

Selbstverständlich haben auch → Journalistinnen und Journalisten das staatsbürgerliche Recht zu einer → eigenen Meinung in jeder Frage. Sie können sie sogar im Beruf ausleben, wenn es erkennbar um Meinungsformate geht. Wichtig wäre, die Trennung von → Nachricht und → Kommentar wieder stärker zu beachten, auch bei Grenzgänger-Formaten wie der Einordnung. In manchen Medienkulturen wird die personelle Trennung von Berichterstattung und Kommentar ebenfalls hochgehalten. In Deutschland ist es dagegen üblich, dass jemand am selben Tag zum selben Thema berichtet und kommentiert.

Ein Ausblick

Haltung im Sinne dauernder kommentierender Einfärbungen der Berichterstattung könnte sich als eine der guten Absichten erweisen, mit denen sprichwörtlich der Weg zur Hölle gepflastert ist. Mehr Diversität der Redaktionen und eine größere Perspektivenvielfalt sind dringlich. Wo wir es mit Tendenzmedien zu tun haben, sollten diese wieder stärker als solche gekennzeichnet und verstanden werden. Das gilt erst recht für den zunehmenden rechtspopulistischen Haltungs- und Krawalljournalismus, der anderen vorwirft, was er selbst längst vehement praktiziert.

Jahr für Jahr ergeben die weltweiten Umfragen für den Digital News Report, dass das Publikum in der Berichterstattung vor allem → Unabhängigkeit, Genauigkeit und Transparenz erwartet. Sicher, was das im Einzelnen bedeuten soll, darüber gibt es in polarisierten Gesellschaften keinen Konsens. Und doch kann man diese Erwartungen als einen Ruf des Publikums nach einer in erster Linie prozessualen Haltung deuten, die sich an handwerklichen Regeln festmacht und deren Beachtung beständig offengelegt wird. Diese aktive Transparenz würde den Dialog mit der Gesellschaft darüber fördern, wie guter Journalismus funktioniert und was seine Begrenzungen sind. So ließe sich gesellschaftliche → Medienkompetenz stärken. Es wäre eine neue Chance für ein gemeinsames Verständnis darüber, was Tatsachen sind und wo wir es mit Desinformation und Lüge zu tun haben.

All das wird nicht einfach. Der laute Streit über Haltung lenkt davon ab, dass schon längst → Algorithmen der großen Tech-Konzerne und deren → KI-Chatbots die medial verbreitete Information stärker prägen als klassische Medien. Für die Berichterstattung über diese und andere Bedrohungen wäre ein guter Teil der Energie besser investiert, die in die Haltungsdebatte fließt. Die Wirksamkeit von Journalismus kennt einigermaßen enge Grenzen. Bei der Regulierung der Tech-Konzerne und der Medienkompetenz in einer digitalen Gesellschaft sind Politik, Familien und Schulen die eigentlichen Akteure. Es stimmt, die Zukunft der Gesellschaft und ihrer Medien hängt von Haltungen ab. Doch es sind die Haltungen der Bürgerinnen und Bürger, zumindest so lange noch frei gewählt werden kann.

Literatur

Deutschlandfunk: „They´re eating the dogs“: Wie Medien mit Populismus umgehen können. Diskussion mit Nadia Zaboura, Frank Plasberg, Andrea Maurer und Christoph Neuberger. 11.5.2025.  https://www.deutschlandfunk.de/forum-journalismuskritik-diskussion-medien-populismus-102.html [14.8.2025]

Duden: Haltung, https://www.duden.de/rechtschreibung/Haltung [20.9.2025]

Grimmsches Wörterbuch, Haltung: https://woerterbuchnetz.de/?sigle=DWB&lemid=H01626 [20.9.2025]

MDR: Dossier „Haltung, Meinung, Journalismus“. https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/haltung-meinung-journalismus-100.html [20.9.2025]

Reuters Institute: Digital News Report 2025. https://reutersinstitute.politics.ox.ac.uk/digital-news-report/2025 [20.9.2025]

Richter, Claus: Wer predigen will, sollte in die Kirche gehen. https://www.cicero.de/kultur/journalismus-haltung-gesinnung-glaubwuerdigkeit, 28.6.2020 [20.9.2025]

Vance, J.D.: Key Speech Munich Security Conference 2025, 14.6.2025. https://securityconference.org/publikationen/buecher/key-speeches-volume-ii-jd-vance-msc-2025/ [20.9.2025]

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Marco Bertolaso
*1962, Dr., hat Politik, Geschichte und Philosophie in Köln, Bonn, Paris und Oxford studiert. Nach dem Zivildienst im Bereich Flüchtlingshilfe und einigen Jahren als Assistent eines Bundestagsabgeordneten folgten die Anstellung beim Deutschlandfunk und eine berufsbegleitende Promotion in Neuerer Geschichte. Marco Bertolaso ist seit 2007 Nachrichtenchef des Deutschlandfunks. In den vergangenen Jahren hat er sich mit dem digitalen Medienwandel und den Folgen für die westlichen Demokratien beschäftigt. In diesem Zusammenhang steht auch ein Forschungsaufenthalt als ‚Journalist in Residence‘ am ‚Wissenschaftszentrum für Sozialforschung Berlin‘ (2020) und die Buchveröffentlichung ‚Rettet die Nachrichten – Was wir tun müssen, um besser informiert zu sein‘ (2021).