
Geboren am 31. Mai 1817 in Stuttgart; gestorben am 7. April 1875 in Lichtental.
Sein Ziel hat er klar formuliert: „Ich schreibe nicht für bevorzugte Geschlechter, ich schreibe nicht für Gelehrte, ich schreibe einzig und allein für mein deutsches Volk!“ (Hermand 1967: 6)
Dabei war die Richtung seines Lebensweges keineswegs von Beginn an vorbestimmt: Georg Herwegh, geboren am 31. Mai 1817 in Stuttgart, war Sohn eines Gastwirts, der ursprünglich als Koch gearbeitet hatte. Seine Mutter, die aus einer traditionsreichen schwäbischen Apothekerfamilie stammte, sorgte dafür, dass er aufs Gymnasium kam. Als Schüler von Krankheiten geplagt, bestand er die üblichen Prüfungen in der Lateinschule in Balingen sowie im Seminar des Klosters Maulbronn und wurde 1835 in das Tübinger Stift aufgenommen. Diese traditionsreiche Ausbildungsstätte für angehende protestantische Theologen hatten auch Denker und Dichter wie Kepler, Hegel, Schelling, Hölderlin und Mörike besucht. Anders als die berühmten Vorgänger beendete er das Studium dort nicht erfolgreich, sondern musste es wegen diverser Verfehlungen schon nach kurzer Zeit abbrechen.
Der verkrachte Student versuchte sich zuerst als freier Autor, dann als Redaktionsgehilfe bei August Lewalds Zeitschrift Europa. Nach Problemen beim Militär, zu dem er 1838 eingezogen worden war, desertierte er im Jahr darauf in die nahegelegene Schweiz. Dort arbeitete er zunächst als → Literaturkritiker für die Zeitschrift Deutsche Volkshalle des liberalen Republikaners Johann Georg August Wirth und verfasste auch Beiträge für → Karl Gutzkows Telegraph für Deutschland. Gutzkows Roman Wally, die Zweiflerin war 1835 von der Bundesversammlung verboten worden – und mit ihm die Autoren des sogenannten ‚Jungen Deutschland‘. Auch ein Gefängnisaufenthalt und dann die Ausweisung aus seinem damaligen Wohn- und Arbeitsort konnten nicht verhindern, dass aus Gutzkow dann noch einer der produktivsten Schriftsteller seines Jahrhunderts wurde.
Georg Herwegh ließ sich 1840 in Zürich nieder und geriet dort in Kontakt mit republikanisch gesinnten Autoren, die zum Teil schon in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und in der demokratisch-nationalen Bewegung rund um das Hambacher Fest aktiv geworden waren. Manche Männer in diesem Kreis waren publizistisch im Sinne ihrer politischen Ziele tätig. Da lag der Gedanke einer → Verlagsgründung nahe, und mit dem Literarischen Comptoir in Zürich und Winterthur wurde er zum Ende des Jahres 1840 Wirklichkeit. Als Premiere erschien kurz darauf Herweghs Band Gedichte eines Lebendigen, und zwar ohne Nennung des Verfassernamens. Der Titel spielte an auf einen berühmen Vorgänger: Die Briefe eines Verstorbenen von Hermann Fürst von Pückler-Muskau.
Politische Lyrik und operative Literatur
Ulrich Enzensberger macht sich in seiner Herwegh-Biografie über die klischeereichen Gesänge und Sonette lustig: „Der Tag, der goldne, das Korn, das goldne, das Eisen, das heilige, die Flur, die öde, die Luft, die blaue, die Lerche, die jubelnde, der Knabe, der wilde, das Blei, das schwere, der Mann, der rechte, der Knecht, der feige …“ (Enzensberger 1999: 81). Trotz solcher Sprach-Schablonen: Das Echo auf diese Gedichtsammlung war gigantisch. Obwohl der Band in den deutschen Ländern umgehend verboten wurde, konnten in kurzer Zeit sieben Auflagen gedruckt werden, und Scharen von Herwegh-Verehrern schickten ihre nach dem Vorbild des Meisters voller Freiheitspathos verfassten Texte an den Verlag. Der Maler (und spätere Dichter) Gottfried Keller formulierte sein Empfinden so: „Der neue Klang ergriff mich wie ein Trompetenstoß, der plötzlich ein weites Lager von Heervölkern aufweckt“ (Enzensberger 1999: 84). Und → Heinrich Heine nannte den Verfasser „eine eiserne Lerche“.
Schwärmerisches Freiheitspathos, gepaart mit Aufrufen zum Kampf gegen die herrschenden Machteliten, war damals gerade in der politischen Lyrik nicht selten. Autoren wie Dingelstedt, Freiligrath, Prutz, Weerth sowie teilweise auch Heine und Börne engagierten sich in unterschiedlichen literarischen und publizistischen Formen für liberale, soziale und demokratische Ziele.
Vom Publizisten zum Aktivisten
Im November 1841 reiste Herwegh für mehrere Wochen nach Paris, um das Grab des von ihm verehrten Ludwig Börne aufzusuchen und einige der dort lebenden deutschen Schriftsteller persönlich kennenzulernen. Zurück in Zürich, veröffentlichte er weiter Beiträge in deutschsprachigen Blättern, so etwa in der Rheinischen Zeitung. Nach deren Verbot versuchte er → Karl Marx, der die Redaktion geleitet hatte, für ein eigenes Publikationsprojekt zu gewinnen: Der deutsche Bote in der Schweiz sollte zu einem Forum der deutschen Opposition ausgebaut werden und die dortige → Zensur von außen unterminieren. Wie so manche Zeitschriftenprojekte jener Zeit scheiterte auch dieses.
Georg Herwegh publizierte vielerlei Texte in diversen Medien. Per Korrespondenz oder auf Reisen pflegte er freundschaftliche Kontakte mit liberal-demokratischen Autoren wie Robert Prutz oder mit radikalen politischen Aktivisten wie Michail Bakunin. Einen festen Anker in diesem unsteten Leben bot die Begegnung und spätere Heirat mit Emma Siegmund. Die Tochter eines Berliner Bankiers hielt in guten und in schlechten Zeiten zu ihm, und ihre beträchtliche Mitgift garantierte dem Paar für lange Zeit finanzielle Sicherheit.
Die Pariser Revolution vom Februar 1848 und ihre Ausläufer in den Nachbarstaaten lösten viele Hoffnungen bei liberal und demokratisch gesinnten Zeitgenossen aus, die aber im fürstenstaatlich zersplitterten deutschen Sprachraum meist schnell enttäuscht wurden. Auch die Frankfurter Nationalversammlung brachte wenig Fortschritte in Richtung Demokratisierung. Herwegh parodierte dieses Parlament in einem satirischen Gedicht, dessen Refrain auch in der Studentenbewegung von 1968 noch häufig zitiert wurde: „Im Parla- Parla- Parlament / Das Reden nimmt kein End‘!“
Die Hoffnung auf einen politischen Kurswechsel in Richtung Bürgerfreiheiten durch Friedrich Wilhelm IV. als neuer preußischer König erfüllten sich nicht – nach einer Audienz bei diesem in Berlin musste Herwegh dies auch persönlich spüren. Als Konsequenz schloss er sich, entgegen vielen Ratschlägen von politischen Freunden wie Marx und Engels, den radikaldemokratischen Aufständischen in Baden um Friedrich Hecker an. Der von Herwegh angeführte Freikorps scheiterte kläglich – → Karikaturen und Spottlieder hatten dann Konjunktur.
Während die Autoren des ‚Jungen Deutschland‘ ihre kritischen Intentionen und ihre politischen Reformideen in literarische Formen verpackt hatten (Gutzkow sprach plastisch von „Ideenschmuggel“), entschied sich Herwegh für die direkte politische Aktion. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Paris wurde er Mitglied im neu gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein in der Schweiz. Und auf Wunsch von Ferdinand Lasalle verfasste er das Bundeslied dieses Vereins, das damals verboten wurde, aber als Kampflied noch heute verbreitet ist. Die zehnte von zwölf Strophen lautet:
Mann der Arbeit, aufgewacht!
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
Wenn dein starker Arm es will.
Nach einem ruhelosen Leben starb Georg Herwegh am 7. April 1875 an einer Lungenentzündung. Begraben wurde er in Liestal, dem Hauptort des Kantons Basel-Landschaft. Dort erinnern ein Denkmal und ein Museum an sein Leben und sein Werk.
Literatur
Quellen:
Enzensberger, Ulrich: Herwegh. Ein Heldenleben. Frankfurt am Main [Eichborn] 1999.
Hermand, Jost (Hrsg.): Der deutsche Vormärz. Texte und Dokumente. Stuttgart [Reclam] 1967.
Herwegh, Georg: Werke und Briefe. Kritische und kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Ingrid Pepperle u. a. 6 Bände, Bielefeld [Aisthesis] 2005 – 2019.
Darstellungen:
Clark, Christopher: Frühling der Revolution. Europa 1848/49 und der Kampf für eine neue Welt. München [Deutsche Verlags-Anstalt] 2023.
Hömberg, Walter: Zeitgeist und Ideenschmuggel. Die Kommunikationsstrategie des Jungen Deutschland. Stuttgart [J. B. Metzler] 1975.
Hömberg, Walter: „Schmuggelhandel der Freiheit“: Karl Gutzkow. In: Haller, Michael; Walter Hömberg (Hrsg.): Der Kampf um die Presse- und Medienfreiheit. Journalistinnen und Journalisten als Wegbereiter der Meinungsfreiheit und Demokratie. 2., überarbeitete und ergänzte Auflage. Köln [ Herbert von Halem Verlag] 2026, S. 85-89.
Sprengel, Peter: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1830-1870. Vormärz – Nachmärz. München [C.H. Beck] 2020.


