Karl Kraus

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Karl Kraus Herausgeber von: Die Fackel
Quelle: Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung, H.I.N.-235404 (ZPH 985)

Karl Kraus – Publizistik als Medienkritik in der Wiener Moderne

Karl Kraus hätte sich lautstark dagegen gewehrt, einen Eintrag im Journalistikon zu erhalten. Er sah sich selbst keineswegs als Journalist, sondern im Gegenteil als zentralen Kritiker des Journalismus, dem er die Schuld an allen Übeln seiner Gegenwart in Wien um 1900 und der für ihn erwartbaren Zukunft gab – vom Verlust der Vorstellungskraft über den Weltkrieg und den Aufstieg des Nationalsozialismus bis zum Untergang der modernen Welt. Aber gilt Kraus nicht als typischer, ja idealer → Journalist? Ist er nicht immer noch ein Vorbild für Journalisten (und weniger Journalistinnen), die sich als besonders eigenständig und urteilsstark empfinden? Das Rätsel lässt sich aufklären durch die historische Unterscheidung eines Journalisten bzw. einer Journalistin, die Angestellte eines Medienunternehmens sind, und eines Publizisten bzw. einer Publizistin, die im Sinn der Aufklärung ihre eigenen Medien herausgeben und sich als Akteurinnen und Akteure der → Öffentlichkeit verstehen. Biografisch gesehen, entwickelte sich Kraus von einem Journalisten zu einem Publizisten, und zwar einem der wichtigsten der europäischen Moderne.

Herkunft
Karl Kraus wurde am 28. April 1874 in der Stadt Jičín geboren, die damals zur Österreichisch-Ungarischen Monarchie gehörte und heute im Norden Tschechiens liegt. Er war das neunte Kind von Jacob und Ernestine Kraus, einer jüdischen Familie, die 1877 nach Wien zog, in die Haupt- und Residenzstadt des habsburgischen Kaisers. Sein Vater war ein Fabrikant, der Papiertaschen produzierte – der ‚Sackl-Kraus‘, wie er im Wiener Dialekt genannt wurde. Karl besuchte in Wien die Schule und tat sich schon im Gymnasium mit journalistischen, literarischen und schauspielerischen Versuchen hervor. Seine erste Veröffentlichung ist eine Rezension von Gerhart Hauptmanns naturalistischem Drama Die Weber, die im April 1892 – kurz vor der Matura bzw. dem Abitur – in der Wiener Literatur-Zeitung erschien. Es folgte eine umfassende feuilletonistische Publikationstätigkeit in der deutschsprachigen Presse.

Kraus studierte an der Universität Wien, zunächst Rechtswissenschaft, später Germanistik und Philosophie, schloss seine Studien aber nie ab. Er war regelmäßig im Wiener Café Griensteidl anzutreffen, wo auch die Literaten des ‚Jungen Wien‘ verkehrten. Von dieser Gruppe impressionistischer Autoren distanzierte sich Kraus in mehreren satirischen Texten, am deutlichsten in der Broschüre Die demolierte Literatur von 1897. Kraus erhielt prestigeträchtige Angebote, als angestellter Feuilletonist zu arbeiten, u. a. von der Neuen Freien Presse, der wichtigsten deutschsprachigen Zeitung der Österreich-Ungarischen Monarchie. Er entschied sich jedoch, eine eigene Zeitschrift zu gründen und herauszugeben: Die Fackel erschien zum ersten Mal am 1. April 1899 in Wien und dann weitere 921 Mal auf insgesamt 22.578 Seiten bis zum Tod des → Herausgebers im Jahr 1936, der ab 1911 auch ihr einziger Autor war. Man kann also mit gutem Recht sagen, dass Die Fackel das Lebenswerk von Karl Kraus ist. Es steht seit 2007 in einer an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen Online-Ausgabe zur freien Nutzung im Volltext zur Verfügung.

Die Fackel
Der Titel ist Programm: Kraus stellte sich in die Tradition der Aufklärung des 18. Jahrhunderts, wollte nicht news „bringen“, sondern vielmehr „umbringen“ (Die Fackel, Nr. 1, April 1899, Jg. 1, S. 1), was im Journalismus in Wien um 1900 in seinen Augen schieflief. Es waren zunächst v. a. die Korruption und die Vermischung von → Nachrichten und Meinungen, die er an seinen publizistischen Pranger stellte. Die Fackel berichtete in diesem Sinn kaum über kulturelle und soziale Ereignisse an sich, sondern kritisierte, wie die Wirklichkeit in der medialen Wiedergabe verfälscht wurde. „Ich habe Erscheinungen vor dem, was ist“, heißt es dazu treffend am Beginn des → Essays „Untergang der Welt durch schwarze Magie“, der im Dezember 1912 in der Fackel erschien. Was Kraus damit meinte, sind die Realitätskonstruktionen der Medien, die uns heute als selbstverständlich gelten und vielfach wissenschaftlich untersucht wurden. Er wollte diese Konstruktionen bzw. → Manipulationen aber im ethischen Sinn nicht hinnehmen und erinnerte die Journalistinnen und Journalisten beharrlich daran, dass sie von den Leuten bezahlt wurden, um Informationen zu liefern, recherchierte Fakten, auf deren Grundlage die Leserinnen und Leser ihre eigenen Urteile bilden können sollten. In diesem Essay, dem „Untergang der Welt durch schwarze Magie“, nämlich jener der Druckerschwärze, brachte Kraus seine Pressekritik auf den Punkt: „Die Zeitung ruiniert alle Einbildungskraft: unmittelbar, da sie, die Tatsache mit der Phantasie servierend, dem Empfänger die eigene Leistung wegnimmt; mittelbar, indem sie ihn unempfänglich für die Kunst macht und diese reizlos für ihn, weil sie deren Oberflächenwerte weggenommen hat.“ (Die Fackel, Nr. 363–365, Dezember 1912, Jg. 14, S. 4)

Diese Passage ist kaum verständlich, ohne den Bezug zur Aufklärungsphilosophie Immanuel Kants herzustellen. Für Kant war die „Einbildungskraft“ das Bindeglied zwischen den empirischen Daten und den Verstandesbegriffen, ohne das keine Urteilsbildung möglich, oder besser gesagt, vorstellbar ist. Gut hundert Jahre, nachdem Kant seine Erkenntnistheorie formuliert hatte, warf Kraus dem Journalismus vor, das menschliche Vermögen eigenständiger Realitätskonstruktion zu beschädigen, indem Fakten und Meinungen, Information und Interpretation in der Berichterstattung ständig vermischt würden. Im negativen Sinn vorbildlich für diese Vermischung galt ihm der Leitartikel und das → Feuilleton, die sich künstlerischer Mittel bedienten, z. B. rhetorischer Figuren oder szenischer Darstellung, um die Subjektivität und den Unterhaltungswert der Texte zu betonen. Als journalistische Methode verstanden, führe diese Art der Berichterstattung dazu, dass die Menschen ihre Fantasie und damit die Fähigkeit verlieren würden, selbstständig zu denken und zu handeln.

Die letzten Tage der Menschheit
Wer die Tragweite der Kraus’schen → Medienkritik begreift, versteht auch, wie er zu dem hyperbolischen Schluss kommen konnte, dass die Presse schuld am Weltkrieg und später am Nationalsozialismus sei. Mit dem Ersten Weltkrieg setzte er sich in seinem bekanntesten Werk auseinander, dem offenen Drama Die letzten Tage der Menschheit, das von 1915 bis 1919 in der Fackel und 1922 in einer überarbeiteten Fassung als Buch erschien. In der Buchausgabe umfasst die „Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog“ 220 Szenen mit hunderten Figuren bzw. Stimmen, die oft dokumentarischen Charakter haben, also auf Zitate (zumeist aus der Presse) zurückgehen, die Kraus in diesem polyphonen Werk montierte. „Die unwahrscheinlichsten Gespräche, die hier geführt werden, sind wörtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate“ (Kraus 1922: VII), heißt es im Vorwort der Buchausgabe von Die letzten Tage der Menschheit, die sich – entgegen fast der gesamten zeitgenössischen Publizistik – von Anfang an gegen den Krieg und das „technoromantische Abenteuer“ wandten, als das ihn viele Journalistinnen und Journalisten empfanden.

Dritte Walpurgisnacht
Nach dem Ende des Weltkriegs und dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie trat Kraus für die Erste Republik in Österreich ein und verbündete sich zeitweise mit der Sozialdemokratie und ihrer Presse, v. a. der Wiener Arbeiter-Zeitung. Er erkannte und benannte die Gefahren des aufkommenden Nationalsozialismus allerdings früh und wurde selbst Opfer von antisemitischen Angriffen in Boulevardzeitungen. 1933 verfasste Kraus in Wien einen rund 300-seitigen Essay über die nationalsozialistische ,Machtergreifung‘ in Deutschland, der auf bedrückende Weise dokumentiert, was von Anfang an wissen konnte, wer das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgte, nämlich dass der Nationalsozialismus auf „Vernichtung“ hinauslief. Das meinte Kraus wohl mit dem viel zitierten ersten Satz dieses Textes: „Mir fällt zu Hitler nichts ein“ (Kraus 1989: 12).

Der Titel des Essays gibt Aufschluss über seine Machart, denn die Dritte Walpurgisnacht verwebt dokumentarische Zitate, die v. a. aus der zeitgenössischen Presse stammen, mit Zitaten aus der klassischen Literatur, u. a. Goethes Faust, in dessen beiden Teilen die Walpurgisnächte als mythologische bzw. irrationale Einschübe fungieren. 1933 sah sich Kraus mit einer „dritten“ Walpurgisnacht konfrontiert, in der die technischen Mittel der Moderne auf Basis einer Blut-und-Boden-Ideologie gegen die Prinzipien der Aufklärung gewandt wurden. Gegen Ende des Textes schreibt Kraus die Verantwortung dafür wieder der Presse zu: Die Nationalsozialisten hätten nun „die Höhle bezogen, als die das gedruckte Wort der Altvordern die Phantasie der Menschheit hinterlassen hat“ (Kraus 1989: 308). Der Vorwurf lautet, mit anderen Worten, dass der Journalismus die Urteilsfähigkeit der Menschen ruiniert und dem autoritären Regime des Nationalsozialismus so den Weg gebahnt habe.

Tod
Aus persönlichen und inhaltlichen Gründen entschied sich Kraus gegen die Publikation der Dritten Walpurgisnacht, die erst postum 1952 erschien. Stattdessen veröffentlichte er in der Fackel vom Oktober 1933 sein letztes Gedicht:

Man frage nicht, was all die Zeit ich machte.
Ich bleibe stumm;
und sage nicht, warum.
Und Stille gibt es, da die Erde krachte.
Kein Wort, das traf;
man spricht nur aus dem Schlaf.
Und träumt von einer Sonne, welche lachte.
Es geht vorbei;
nachher war’s einerlei.
Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte.
(Die Fackel, Nr. 888, Oktober 1933, Jg. 35, S. 4)

Das Gedicht bezieht sich inhaltlich auf die nationalsozialistische ‚Machtergreifung‘ und gibt indirekt Aufschluss über die Gründe, warum die Dritte Walpurgisnacht unveröffentlicht blieb. Die Mittel der Satire und der Polemik, die Kraus zeitlebens in seinem Schreiben angewandt hatte, erschienen ihm offenbar nicht mehr angemessen für das, was 1933 in Deutschland geschah: „Kein Wort, das traf“. Durch die Wahl des ,vers commun‘ – eines jambischen Zehn- oder Elfsilbers mit einer Zäsur nach der zweiten Hebung und einem Endreim – stellte Kraus aber eine historische Verbindung zum Humanismus her und ließ die Hoffnung anklingen, dass mit dem „Wort“ die als ‚logos‘ verstandene Vernunft nur „entschlafen“ sei und irgendwann wieder aufwachen könnte. Er sollte die Erfüllung dieser Hoffnung nicht mehr erleben. Karl Kraus starb am 12. Juni 1936 an einem Herzinfarkt und wurde in einem Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof in Wien beerdigt.

Literatur:

Djassemy, Irina: Der „Productivgehalt kritischer Zerstörerarbeit“: Kulturkritik bei Karl Kraus und Theodor W. Adorno. Würzburg [Königshausen & Neumann] 2002.

Fischer, Jens Malte: Karl Kraus: Der Widersprecher. Wien [Zsolnay] 2020.

Ganahl, Simon: Ich gegen Babylon: Karl Kraus und die Presse im Fin de Siècle. Wien [Picus] 2006.

Ganahl, Simon: Karl Kraus und Peter Altenberg: Eine Typologie moderner Haltungen. Konstanz [Konstanz University Press] 2015.

Kraus, Karl (Hrsg.): Die Fackel. Wien 1899–1936. https://fackel.oeaw.ac.at/

Kraus, Karl: Die letzten Tage der Menschheit: Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog. Wien/Leipzig [Verlag Die Fackel] 1922.

Kraus, Karl: Dritte Walpurgisnacht. Hrsg. v. Christian Wagenknecht. Frankfurt a. M. [Suhrkamp] 1989 (= Schriften, Bd. 12).

Kraus, Karl: Schriften. Hrsg. v. Christian Wagenknecht. Frankfurt a. M. [Suhrkamp] 1987–1994.

Prager, Katharina (Hrsg.): Karl Kraus Online. 2015. https://www.kraus-vorleser.wienbibliothek.at/der-vorleser

Prager, Katharina (Hrsg.): Geist versus Zeitgeist: Karl Kraus in der Ersten Republik. Wien [Metroverlag] 2018.

Prager, Katharina; Simon Ganahl (Hrsg.): Karl Kraus-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung. Berlin [Metzler] 2022.

Timms, Edward: Karl Kraus: Satiriker der Apokalypse. Leben und Werk 1874–1918: Eine Biographie. Übers. v. Max Looser u. Michael Strand. Frankfurt a. M. [Suhrkamp] 1999.

Timms, Edward: Karl Kraus: Die Krise der Nachkriegszeit und der Aufstieg des Hakenkreuzes. Übers. v. Brigitte Stocker. Weitra [Bibliothek der Provinz] 2016.

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Simon Ganahl
Mag. DDr. Simon Ganahl forscht und lehrt als Literatur- und Medienwissenschaftler mit einem Fokus auf Digital Humanities an der Universität Wien und der Fachhochschule St. Pölten. Er leitet das digitale Mapping-Projekt Campus Medius und gibt in der Londoner Open Library of Humanities die referierte Open-Access-Zeitschrift Genealogy+Critique heraus. Seine wichtigsten Buchpublikationen sind: Campus Medius: Digital Mapping in Cultural and Media Studies (transcript 2022); Karl Kraus-Handbuch: Leben – Werk – Wirkung (hrsg. mit Katharina Prager [Metzler] 2022); Karl Kraus und Peter Altenberg: Eine Typologie moderner Haltungen (Konstanz University Press 2015).