Politischer Journalismus

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Bundespressekonferenz, Foto: Anton Schubert
Bundespressekonferenz. Foto: Anton Schubert

Definition:
Politischer Journalismus befasst sich mit den Rahmenbedingungen, Absichten, Ereignissen, Handlungen, Themen und Akteur:innen des politisch-administrativen Systems und der aus der Bevölkerung heraus gebildeten politischen Interessenvereinigungen. Er will sein → Publikum über Kanäle aktueller und öffentlicher Medien möglichst rasch, kompetent, verständlich und eingängig darüber informieren, dies in Zusammenhänge einordnen und → kommentieren. Politische Journalist:innen handeln damit also mittelbar ebenfalls politisch, indem sie Position beziehen, warnen, analysieren, kritisieren, vermitteln oder „skandalisierend in den politischen Prozess eingreifen“. Politische → Journalist:innen verhalten sich ambivalent – die einen eher ideologisch-engagiert, andere vielmehr kritisch-distanziert (Prinzing/Blum 2021: 21). Die Themenfelder des politischen Journalismus sind nicht eindeutig abgegrenzt: Auch in der → Sport-, → Wirtschafts-, → Kulturberichterstattung etc. spielen politische Aspekte eine Rolle. Kernbereiche der politischen Berichterstattung sind die drei Felder von Politik: Polity (Formen und Strukturen, also z. B. Gesetze, Institutionen), Policy (das politische Handeln z. B. bezogen auf Klimafragen, Bildung, Verbrechensbekämpfung etc.) und Politics (der politische Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess an sich – z. B. Wahlen, Abstimmungen, Debatten der Politik:innen etc.). Zentral im Politikjournalismus sind also z. B. Wahlberichterstattung, Regierungs-, Parlaments-, Partei-, Verbands- und Verwaltungsberichterstattung im in- und ausländischen Kontext. International kommen Varianten hinzu wie Auslands-, Diplomatie- und Kriegsjournalismus. Politischer Journalismus wendet vor allem die Berichterstattungskonzepte des Informations-, Interpretations-, Meinungs- und →  Investigativjournalismus an, sowie Konzepte, die sich an sozialen Funktionen orientieren wie → konstruktiver, lösungsorientierter oder → anwaltschaftlicher Journalismus. Professionelle politische Journalist:innen wissen, welche Auskunfts- und Informationsansprüche sie stellen können, verfügen über ein solides Netzwerk, vertiefte → Recherchekenntnisse und profundes Sachwissen.

Politischer Journalismus spielte immer eine zentrale Rolle in der Medienkommunikation. In der Medienbranche genießt er ein hohes Ansehen. Und Menschen reagieren auf wenig so empfindlich wie auf Fehler, Nachlässigkeiten oder gar → Manipulationen in der politischen Berichterstattung. Die digitale Technik und → soziale Medien veränderten die Ausdrucksformen und erweiterten den Kreis der Akteur:innen im politischen Journalismus: Potenziell alle Bürger:innen und alle Politiker:innen können direkt interagieren und sich öffentlich zu politischen Themen äußern. In demokratischen Gesellschaften mit zunehmend komplexen thematischen und auch krisenhaften Herausforderungen wächst auch dadurch die Bedeutsamkeit von – und die Anforderungen an – politischen Journalismus als glaubwürdige Instanz, die professionell verifiziert und Manipulationen entlarvt sowie das Handeln der Mächtigen kritisch kontrolliert.

Politischer Journalismus ist erstens ein Teilgebiet des Journalismus, also eine thematische Variante journalistischen Handelns (neben Sport-, Kultur-, Wirtschaftsressorts etc.). Er ist zweitens ein Teilgebiet der politischen Kommunikation und beschreibt im Feld des Vermittelns von Politik die Akteursgruppe ‚Medien‘ (neben Regierungen, Behörden, Parlamenten, Lobbys, Bürgerinitiativen etc.). Entsprechend ist Forschung zu politischem Journalismus in der → Kommunikationswissenschaft ebenso verankert wie in der Politikwissenschaft.

Geschichte:
Journalismus in Form der gedruckten Presse war ein wichtiger Garant dafür, dass sich in Westeuropa eine demokratische Kultur verwurzelte. Er war also historisch gesehen immer auch ein politischer Journalismus. Indem Medienschaffende – Journalist:innen wie → Verleger:innen – um → Pressefreiheit (heute eigentlich: Medienfreiheit) rangen und sich gegenüber Obrigkeiten als bedeutsame Instanz etablierten, wurden einige von ihnen selbst zu Angehörigen einer gesellschaftlichen Elite. Medien waren in Deutschland zunächst häufig gesinnungsorientiert und während des nationalsozialistischen Regimes politisch gleichgeschaltet. In der Aufbruchszeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs etablierte sich entlang der Vorgaben in den westlichen Besatzungszonen eine Form von (politischem) Journalismus, der angelsächsischen Prinzipien folgte und z. B. Bericht und Meinung trennte. Er war nicht mehr vor allem gesinnungsgetrieben, sondern entwickelte sich zum wichtigen Beobachter und Widersprecher in der jungen deutschen Demokratie.

In der ehemaligen DDR hingegen wurde, dem dortigen neuen politischen System entsprechend, ein sozialistischer Journalismus eingeführt, der sich als Lautsprecher der DDR-Regierung verstand – mit dem Auftrag, sozialistische Prinzipien zu erläutern, zu vermitteln und umzusetzen. Mit der politischen Umwälzung wurde von November 1989 an auch die Medienlandschaft und damit der Politikjournalismus westlichen Prinzipien folgend neugestaltet. Ein komplizierter Transformationsprozess setzte ein. Das Potenzial u. a. des politischen Journalismus, zur Integration in eine gemeinsame Bürgergesellschaft beizutragen, kam nur bedingt zur Geltung, zumal Führungspositionen zunächst meist mit Menschen mit West-Biografie besetzt wurden, was sich auch in den Themenzugängen niederschlug (vgl. Mükke 2021).

Erik Neveu (2002) unterscheidet vier Politikjournalismus-Generationen: Zur Zeit der bürgerlichen Revolutionen (Ende des 18. Jahrhunderts und erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) traten Politiker als Publizisten auf; in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Politikjournalismus zunehmend professioneller. Ab den 1960er-Jahren agierten Politikjournalist:innen als Expert:innen, die Politiker:innen auch unangenehme, kritische Fragen stellten. In der vierten Phase seit Ende des 20. Jahrhunderts folgte eine Hinwendung zu Publikumsbedürfnissen, wofür mit dem ‚Public Journalism‘ auch ein Konzept entwickelt wurde. Mittlerweile sind wir – ergänzend zu Neveu – in Phase fünf: Politikjournalist:innen müssen sich in einer interaktiven, plattformisierten Öffentlichkeit kompetitiv als Vertrauensinstanz behaupten; sie bauen auf Expertise und sie richten sich an ihrer Community aus, auch mit dem Ziel, aktiv deren Resilienz zu stärken – verstanden als Kraft, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.

Die technische Entwicklung war stets Motor auch des politischen Journalismus – gegenwärtig die → digitale Technik, historisch gesehen der Buchdruck, der eine Massenvervielfältigung ermöglichte, später u. a. die Bewegtbildtechnik. Treiber war auch das wachsende Repertoire der Berichterstattungskonzepte. Lange überwog Hofberichterstattung. Allmählich wurde der realistische, interpretative Journalismus, dem sich der New York Herald 1835 als erstes Blatt verschrieb, dominante Variante. Aufwühlende Bilder aus dem Vietnamkrieg und investigative Recherchen, die Missstände im Regierungshandeln öffentlich machten (z. B. Watergate 1972), sind weitere stilprägende Wegmarken, die zudem Reflexionen über ethisch Zumutbares und die Grenzen öffentlicher → Relevanz anstießen.

Gegenwärtiger Zustand:
Der politische Journalismus pendelt hin und her zwischen der gebotenen Distanz zum Berichterstattungsgegenstand und zu den Akteur:innen sowie der notwendigen Nähe, um Hintergründe zu erfahren und empathisch zu erfassen, was Menschen umtreibt. Er bewegt sich auch in Spannungsfeldern zwischen vierter Macht und Beobachterinstanz einerseits und andererseits der Versuchung, seine eigentliche Rolle zu vergessen und sich selbst als politischen Akteur zu sehen. Kontinuierliche Selbstreflexion ist daher unumgänglich für professionellen politischen Journalismus. Sie dient auch als Selbsterklärung gegenüber dem eigenen Publikum: Welche Gründe haben zu welcher redaktionellen Entscheidung geführt? Was weiß man sicher, was nicht? Diese Bereitschaft zu Reflexion, Selbsterklärung und Transparenz hat in diversen Medien zugenommen, ist aber noch nicht zum Standard geworden.

Gegenwärtig treiben noch vier weitere Fragen um: 1. Inwiefern soll Politikjournalismus aktivistisch sein (u. a. bezogen auf den Ukrainekrieg oder die Erderwärmung)? 2. Inwiefern ist Nachrichtenberichterstattung, die auch Emotionen Raum gibt, noch sachgerecht? 3. Inwiefern sind z. B. neue Erzählzugänge mit Handlungsideen geeignet, um z. B. den besorgniserregenden Trend umzukehren, dass Menschen → Nachrichten bewusst ausweichen, statt sich Geschehnissen im realen Leben bewusst und informiert zu stellen? Und 4. Inwiefern lässt sich politischer Journalismus auch finanziell absichern?

Politischer Journalismus hat den Auftrag, sich kontinuierlich um den öffentlichen Diskurs zu kümmern. In demokratischen Gesellschaften ist er ein wichtiger Transmissionsriemen zwischen Regierenden und Regierten und zugleich Wachhund, der den politisch Mächtigen auf der Spur bleibt; eine Demokratie kann demnach nur mit Medien funktionieren, die frei und unabhängig genug sind, um diese Funktionen auszufüllen. Dazu sind Geschäftsmodelle nötig, die Journalismus finanziell absichern. Welche Defizite es hier gibt, verdeutlichte die Pandemie, die zugleich vor Augen führte, wie systemrelevant (politischer) Journalismus ist und damit die Dringlichkeit, neue Finanzierungsquellen zu erschließen, unterstrich. Der Auftrag, hier neue Rahmen zu setzen, richtet sich insbesondere an die Medienpolitik, und umfasst zudem ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass nachweislich → Medienvertrauen und Politikvertrauen gekoppelt sind: Sinkt das Vertrauen in die Medien, dann sinkt das Vertrauen in die Politik und umgekehrt.

Forschungsstand:
Es gibt zahlreiche Erfahrungsberichte von Journalist:innen; sie sind ein wichtiger Schlüssel, um Politikjournalismus zu verstehen. Berufsfeldforschung systematisiert das Selbstverständnis von politischem Journalismus und der eigenen Rolle im politischen System. Ein bemerkenswerter Befund aus dem deutschsprachigen Raum: Viele Journalist:innen wollen ihre Regierungen nicht kontrollieren, obwohl sie ihnen überwiegend nicht trauen (Hanitzsch et al. 2019). Zahlreiche international vergleichende Studien liefern Impulse, wo sich Politikjournalismus jeweils weiterentwickeln kann (Albaek et al. 2014; de Vreese et al. 2016; Kuhn/Nielsen 2014; Pfetsch 2014). Erkenntnisreich sind zudem Befunde zum sich wandelnden Umfeld (z. B. Altmeppen et al. 2019; ferner Banholzer 2022; Prinzing 2020) sowie zu einzelnen Aspekten, wie etwa zu den Beziehungs- und Abhängigkeitsgefügen zwischen Akteur:innen aus Politik, politischer → PR und Journalismus, bei denen offenbar heute weniger als früher von Instrumentalisierung, sondern von wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnissen ausgegangen wird – bis hin zu einem Verständnis von in Produktionsgemeinschaften beginnender, sich zu einem Handlungssystem verdichtender Interaktion als Basis politischer Kommunikation (Donges/Jarren 2022; ferner Birkner 2020). Lange Zeit fehlten Handbücher, die auch Praktiker:innen nützen. 2020 wurde diese Lücke geschlossen: mit aus dem Blick der politischen Kommunikation Erkenntnisreichem zum politischen Journalismus (Borucki et al. 2020) sowie 2021 mit dem Handbuch Politischer Journalismus (Prinzing/Blum 2021), der ersten Gesamtschau im deutschen Sprachraum und bezogen auf moderne Demokratien.

Literatur:

Albaek, Erik; Arjen van Dalen; Nael Jebril; Claes H. de Vreese: Political Journalism in a Comparative Perspective. New York [Cambridge University Press] 2014.

Altmeppen, Klaus-Dieter; Christoph Bieber; Alexander Filipović; Jessica Heesen; Christoph Neuberger; Ulrike Röttger; Stefan Stieglitz; Tanja Thomas: Öffentlichkeit, Vertrauen und Gemeinwohl im digitalen Zeitalter. Zur Erforschung ethischer Aspekte des Medien- und Öffentlichkeitswandels. In: Publizistik, 64, 1, 2019, S. 59-77.

Banholzer, Volker: Repolitisierung des Journalismus – Rollen und Aufgaben in einer agonalen Demokratie. In: Medien & Kommunikation 1-2, 2022, S. 97-117. https://doi.org/10.5771/1615-634X-2022-1-2-97

Birkner, Thomas: Interaktion von Medien- und Politiksystem. In: Borucki, Isabelle; Katharina Kleinen-von Königslöw; Stefan Marschall; Thomas Zerback (Hrsg.): Handbuch Politische Kommunikation. Wiesbaden [Springer VS] 2020, S. 1-15.

Borucki, Isabelle; Katharina Kleinen-von Königslöw; Stefan Marschall; Thomas Zerback (Hrsg.): Handbuch Politische Kommunikation. Wiesbaden [Springer VS] 2020.

De Vreese, Claes H.; Frank Esser; David N. Hopmann (Hrsg.): Comparing Political Journalism. Abingdon (Oxfordshire); New York [Routledge] 2017.

Donges, Patrick; Otfried Jarren: Prozesse politischer Kommunikation III: Interaktionen zwischen Akteuren aus Politik, PR und Journalismus. In: Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Studienbücher zur Kommunikations- und Medienwissenschaft. Wiesbaden [Springer VS] 2022, S. 203-224. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37079-4_12

Hanitzsch, Thomas; Josef Seethaler; Vinzenz Wyss (Hrsg.): Journalismus in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wiesbaden [Springer VS] 2019.

Kuhn, Raymond; Rasmus K. Nielsen: Political Journalism in Transition. Western Europe in a Comparatvie Perspective. London [I.B. Tauris & Co] 2014.

Mükke, Lutz: 30 Jahre staatliche Einheit – 30 Jahre mediale Spaltung. Schreiben Medien die Teilung Deutschlands fest? Arbeitspapier 45, Otto-Brenner-Stiftung, 03.03.2021 https://www.otto-brenner-stiftung.de/wissenschaftsportal/informationsseiten-zu-studien/30-jahre-mediale-spaltung/ [24.08.2022]

Neveu, Erik: Four generations of politicial Journalism. In: Kuhn, Raymond; Erik Neveu (Hrsg.): Political Journalism. New challenges, new practices. London/New York [Routledge] 2002, S. 22-43.

Pfetsch, Barbara (Hrsg.): Political Communication Cultures in Europe: Attitudes of Political Actors and Journalists in Nine Countries. London [Palgrave Macmillan UK] 2014.

Prinzing, Marlis: Unwissenheit frisst Journalismus – Journalismus frisst Unwissenheit. Zur Einschätzung der aktuellen Entwicklung von Medien und ihrer Bedeutung für die Demokratie aus Sicht der journalistischen Ethik. In: Grimm, Petra; Oliver Zöllner (Hrsg.): Digitalisierung und Demokratie – Ethische Perspektiven. Schriftenreihe Medienethik, Band 18. Stuttgart [Steiner] 2020, S. 21-36.

Prinzing, Marlis; Roger Blum (Hrsg.): Handbuch Politischer Journalismus. Köln [Herbert von Halem Verlag] 2021.

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Professorin für Journalismus an der Hochschule Macromedia Köln. Nach dem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Mathematik in Regensburg und Tübingen, langjährige Tätigkeit im Journalismus; berufsbegleitende Promotion an der Universität Stuttgart. Sie forschte und lehrte an diversen Hochschulen und Journalistenausbildungsstätten, aktuell an der Hochschule Macromedia Köln und den Universitäten Zürich und Freiburg (CH). Aktuelle Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind Digitalisierung und gesellschaftliche Verantwortung, Ethik, Innovation, (Politischer) Journalismus und Wissenschaftskommunikation. Marlis Prinzing ist Co-Präsidentin der Vereins Öffentliche Medien- und Kommunikationswissenschaft und Initiantin der „Charta Öffentliche Kommunikationswissenschaft“ https://oeffentliche-kowi.org/ .